Relevanz vor Eleganz

64. Filmfestspiele von Venedig Das Kino politisiert sich mitunter bis ins Bett. Nicht immer so gelungen wie in Ang Lees Siegerfilm "Lust, Caution"

Wo die Kunst ihre Existenzberechtigung beweisen muss, politisiert sie sich. Festivals, und Filmfestivals besonders, sind mondäne Veranstaltungen, deren Zweck für Außenstehende sich ganz im Vergnügen der Teilnehmer zu erschöpfen scheint. Aber keine demokratische Institution lässt sich allein für ein "L´art pour l´art" zur Finanzierung einer Kunstveranstaltung überreden. Es muss "Relevantes" passieren. Die Berlinale trägt deshalb schon lange den Anspruch vor sich her, das politischste der großen Festivals zu sein. In Venedig war man stets stolz darauf, der wahren Kunst ein Forum zu bieten. Dass in diesem Jahr das Thema Krieg und insbesondere Irakkrieg dominierte, ist deshalb ein Zeichen dafür, dass auch dieses Festival zunehmend seine Existenzberechtigung unter Beweis stellen muss.

Ein gutes, beziehungsweise schlechtes Beispiel dafür, wie man sich durch oberflächliche Politisierung Aufmerksamkeit sichert, stellte der russische Regisseur Nikita Mikhalkov vor. Sein Film mit dem schlichten Titel 12 ist eine Art Remake von Sidney Lumets legendärem Gerichtsfilm Die 12 Geschworenen. Wie im Original versammeln sich auch bei Mikhalkov 12 Männer in einem Raum und verhandeln über ein Urteil. 11 sind sich sicher, dass der tschetschenische Jugendliche, der angeklagt ist, seinen russischen Adoptivvater erstochen zu haben, schuldig ist. Ein einziger äußert Bedenken. Während ein anderer daraufhin in wütende rassistische Tiraden gegen die Kaukasusvölker verfällt, fängt auf einmal der zweite zu zweifeln an. Und so geht es weiter. Die Männer beginnen von ihren Erfahrungen zu sprechen - alle sind sie in der Sowjetunion aufgewachsen - bis zum bekannten Schluss: Am Ende stimmen 12 für das Urteil "unschuldig". Der Tschetschenienkrieg dient dem Regisseur Mikhalkov, der selbst einen der Geschworenen spielt, nur als Folie, um den jugendlichen Angeklagten die Identität eines Opfers zu geben. Die Bösen im Spiel sind Geschäftemacher, die an die Wohnung des Vaters herankommen wollen. Der Krieg als solcher, ganz abgesehen vom russischen Engagement dabei, wird nicht thematisiert. Das ermöglicht es Mikhalkov, ohne die Kaukasus-Politik seines Heimatlandes anzugreifen, sich als Gutmensch zu inszenieren, der sich zu guter Letzt noch dem tschetschenischen Waisenkind als neuer Adoptivpapa anbietet. Die darin zu Tage tretende eitle Selbstgerechtigkeit blieb der Jury in Venedig offenbar verborgen. Sie ehrte Mikhalkov mit einem eigens eingeführten "Spezialpreis fürs Gesamtwerk".

Das Gegenstück dazu, ein nicht nur oberflächlich politisierter Film, sondern einer mit Engagement, stammte von Brian De Palma, und auch er wurde dafür ausgezeichnet - mit dem Silbernen Löwen für die beste Regie. In Redacted greift De Palma das heikle Thema der "Kollateralschäden" auf, der von amerikanischen Soldaten begangenen Verbrechen an der irakischen Zivilbevölkerung. Der Film beginnt mit einer ausführlichen Erklärung darüber, was ein Checkpoint ist - und zeigt dann, wie leicht dort eine schwangere Frau erschossen werden kann. Ihr Mann behauptet, die Soldaten hätten ihn durchgewinkt; die Soldaten sagen, er habe all ihre Signale ignoriert.

Bei De Palma ist die Verrohung der Sitten keine Schicksalmacht, die jeder Krieg einfach nach sich zieht, sondern hat mit solch konkreten Kleinigkeiten zu tun wie einer Handbewegung. Redacted zeigt, wie fremd und wie allein gelassen die amerikanischen Soldaten im Irak sind, in einer Umgebung, die sie nicht verstehen. Das "Durchdrehen" einiger Soldaten, das schließlich in Vergewaltigung und Mord endet, entschuldigt er nicht - genauso wenig wie den laxen Umgang der amerikanischen Militärgerichte damit.

De Palma erzählt mit den Mitteln des Reality TV. Sein Film setzt sich aus Videotagebüchern und Handy-Aufnahmen zusammen. Dies sei heute der Stil, den die Zuschauer als realistisch und authentisch empfinden, sagte der Regisseur auf der Pressekonferenz. In Zeiten, in denen die Medien in den USA keinerlei Beitrag mehr zur Aufklärung über die Vorgänge im Irak leisten würden, läge die einzige Hoffnung beim Kino, aber auch hier greife jene Art von Zensur, die in den USA mittels privater Klageandrohungen ausgeübt wird. "Redacted" nämlich ist ein Text, wenn Stellen darin geschwärzt werden mussten. In der Schlusssequenz zeigt De Palma Originalfotos von Zivilopfern im Irak - deren Gesichter geschwärzt sind. Es sei seine größte Niederlage, dass er nicht habe durchsetzen können, diesen Opfern die Ehre zu erweisen, sie mit Gesichtern zu zeigen.

In solche Schwierigkeiten bringt sich Paul Haggis mit seinem Film In the Valley of Elah, dem zweiten Beitrag in Venedig zum Thema Irak, erst gar nicht. Haggis beschreitet den konventionellen Weg des Thrillers mit melodramatischen Untertönen. Tommy Lee Jones spielt einen patriotischen Vater, dessen Sohn kurz nach der Rückkehr aus dem Irak in der Nähe seiner Militärstation ermordet aufgefunden wird. Der Vater, selbst pensionierter Berufsoldat, stellt Nachforschungen an. Am Ende gelingt es ihm, das Rätsel zu lösen. Zu einem hohen Preis: Der Vater erfährt Dinge über den Krieg wie über seinen Sohn, die er lieber nicht gewusst hätte. Dass Krieg zu Verrohung führt, mag ein Allgemeinplatz sein, dass diese Verrohung jedoch nicht am Golf zurückbleibt, demonstriert In the Valley of Elah auf sehr eindringliche Weise. Am Ende hisst der trauernde Vater eine ausgefranste amerikanische Flagge - In the Valley of Elah will auf keinen Fall als unpatriotisch gelten. Das Mitleid aber bleibt hier ganz auf der Seite der Amerikaner.

Dass dem Kino in den USA eine besondere Rolle zukommt, weil die Medien versagen, ist untergründig das Thema von Jonathan Demmes Dokumentarfilm über Jimmy Carter, Man from Plains. Formal kommt Demmes Beobachtung vollkommen kunstlos daher: Er hat Carter auf seiner Werbetour für sein neuestes Buch begleitet. Das hat es freilich schon im Titel in sich: Palästina, Frieden oder Apartheid. Die meisten Talkshow-Gastgeber und Diskutanten, auf die Carter trifft, haben das Buch nicht gelesen und erregen sich trotzdem über alle Maßen. Auf bewundernswerte Weise versucht Carter in dieser modernen Medienwelt, in der er immer nur zwei Minuten hat, auf seinen rationalen Argumenten zu beharren und dabei ein anständiger Mensch zu bleiben, das heißt: ohne Angriffe und Polemik auszukommen. Carter hat in den Medien einst versagt, kein Präsident nach ihm hat je wieder eine so "schlechte Figur" abgegeben. Und das trotz politischer Erfolge wie Camp David. Demmes Film macht klar, dass das mehr mit den Medien zu tun hatte als mit Carter selbst. Dessen rationales Argumentieren, etwa dass das amerikanische Verhältnis zum Iran heute sicher nicht besser wäre, wenn er damals wegen der Geiselnahme das Land bombardiert hätte, gilt als schwaches Argument.

Obwohl es keine militärischen Kampfhandlungen zu sehen gibt, gehört auch der mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnete Lust, Caution zur Reihe der Kriegs- beziehungsweise Antikriegsfilme, die in diesem Jahr Venedig prägten. Ang Lees Film spielt vor dem Hintergrund der japanischen Besetzung Chinas im Shanghai der vierziger Jahre und dreht sich um eine junge Schauspielerin, die als Spionin in den Widerstandskampf involviert wird. Beauftragt damit, sich einem hohen Staatsbeamten als Geliebte zu nähern, gerät sie in eine tiefe Identitätskrise. Aus dem Zweckverhältnis entwickelt sich eine Leidenschaft, die sadomasochistische Züge trägt und die der taiwanesische Regisseur in ungewohnt expliziten Sexszenen zeigt. Was ihm von Teilen der Kritik als überflüssig vorgeworfen wurde, erweist sich bei genauerer Betrachtung als zentrale Botschaft des Films. In Lust, Caution wird deutlich, wie die brutalen Verhältnisse eines Regimes noch die intimsten Beziehungen prägen.

Bei soviel politisch aufgeladener Relevanz hatten es die Filme, die "um der Kunst willen" gedreht worden sind, eher schwer. Allenfalls Todd Haynes mit seinem Beitrag über das Phänomen Bob Dylan I´m not there ragte hervor. Sorgfältig vermeidet Haynes darin jede Ähnlichkeit zum herkömmlichen Biopic. Es gibt keine chronologische Erzählung, keine Anekdoten über das Songschreiben. Stattdessen hat der Zuschauer es mit einer Figur, dargestellt von sieben verschiedenen Schauspielern zu tun, darunter ein kleiner schwarzer Junge und eine Frau (Cate Blanchett, die die Coppa Volpi dafür erhielt). Sie stehen für Motive aus dem Leben und Werk des Song-Poeten: Als Hobo springt der kleine Junge auf fahrende Güterzüge auf; als Arthur Rimbaud stellt er sich einer Art Polizeiverhör; Christian Bale gibt ihn als wütenden jungen Mann; Heath Ledger als früh verspießten egozentrischen Ehemann; Richard Gere spielt einen gealterten Billy the Kid, dem immer noch Pat Garrett auf den Fersen ist, während Cate Blanchett, die im Film die größte äußere Ähnlichkeit mit dem "echten" Bob Dylan besitzt, sich mit einem aufdringlichen BBC-Reporter namens Mr. Jones auseinandersetzen muss. Seiner ganz eigenen Poetik gehorchend, schneidet der Film zwischen diesen Aspekten hin und her, begleitet von einer handverlesenen Auswahl von originalen und gecoverten Dylansongs. In der Weigerung, zu erzählen oder zu erklären, scheint I´m not there auf den ersten Blick ein Film allein für Spezialisten und Dylan-Exegeten zu sein. Genießen lässt er sich jedoch fast noch besser, wenn man die Mühe des Enträtselns aufgibt und sich von der Magie der Songs und der Figuren in Trance versetzen lässt.

Todd Haynes musste sich am Ende den Spezialpreis der Jury mit Abdellatif Kechiche und dessen La Graine et le Mulet teilen, dem seinerseits die Enttäuschung darüber anzumerken war. Der Film von Abdellatif Kechiche spielt im maghrebinischen Milieu der Hafenstadt Sète. Im Zentrum der Handlung steht der 60-jährige Dockarbeiter Slimane, der sich vor der drohenden Altersarmut durch die Eröffnung eines Schiffsrestaurants retten will. Um ihn herum agiert ein ganzes Arsenal an Töchtern und Ehefrauen, die mit ihrem vorlauten Mundwerk dem Film seine Würze geben. Im buchstäblichen Sinn: Die Ex-Ehefrau soll das Couscous zubereiten, mit dem Slimane seine Klientel erobern will; der neuen Freundin passt das natürlich gar nicht. Bis zur Eröffnung sind mannigfache Hindernisse zu überwinden. In langen improvisierten Sequenzen lässt Kechiche seinem Ensemble aus Schauspielern und Laien viel Platz zur Selbstdarstellung. Wo Todd Haynes Film durch und durch künstlich sein will, will La Graine et le Mulet durch und durch authentisch wirken. Worin eine Täuschung liegt: Im offenen Ende des Films erkannt man weniger den Realismus als vielmehr den Willen des Autors, der seine Figuren nach eigenem Gutdünken im Ungewissen lässt - um seinem Film eine größere Relevanz, eine politische Bedeutung über die der privaten Geschichte hinaus zu geben.


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