Schöner migrieren

Serien Unsere Kolumnistin erträgt den Optimismus von „Little America“ gern
Schöner migrieren
Die „immigrant experience“ – eigentlich weiß man das ja auch aus Büchern wie Doug Saunders’ Arrival City – findet an den Rändern, in der Peripherie, an Unorten statt. Anders gesagt: dort, wo selten Filme und Serien spielen.

Foto: Apple +

Optimismus kann so öde sein. Wobei die Langeweile nicht daraus erwächst, dass man als Zuschauer von Anfang an weiß, dass am Ende alles gut wird. Nein, irgendwas an dem Wesen der Erbaulichkeit, der Verpflichtung darauf, dass die Geschichte eine moralisch aufrichtende Wendung nimmt, ist ein bisschen, wie wenn die Tante zu Weihnachten festlich verpackte Socken schenkt. Sicher, man kann sie brauchen – aber dafür auch noch Danke sagen müssen?

Der Serie Little America, mit der Apple+ als Streamingdienst weiter Profil zeigen will, würde man mit dem Etikett „inspirierende Immigrantengeschichten“ deshalb einen echten Bärendienst erweisen. Die Tatsache, dass die acht halbstündigen Folgen mal mehr, mal weniger dem mechanischen Muster von „Mensch gerät in Krise, gibt sich Mühe und überwindet die Hindernisse“ folgen, ist ihre größte Schwäche. Abgesehen davon ist sie großartig. Abgesehen davon gibt es hier so viel zu entdecken, dass der obligatorische Optimismus kaum mehr stört. Oder am Ende sogar in anderem Licht erscheint.

In jeder der acht Folgen wird ein Migrantenschicksal skizziert – fiktionalisierte Versionen von wahren Geschichten, die das US-amerikanische Online-Magazin Epic sammelte und veröffentlichte. Die Einwanderer, das ist das Erste, was auffällt, decken ein ungewöhnlich breites Spektrum von Herkunftsländern ab: Indien, Mexiko, Nigeria, Schweiz, Uganda, China, Iran, Syrien. (Wer sich nun beklagt, dass etwa Osteuropa fehlt, sei gleich beruhigt: Die zweite Staffel ist schon bestellt.) Fast noch interessanter ist die echte „diversity“ der Orte, an denen die Migranten ankommen. Neben Kalifornien und New York sind das Utah, Idaho, Louisiana und Kentucky, und nie, nie ist es deren touristische oder gar modische Seite, die man sieht. Die „immigrant experience“ – eigentlich weiß man das ja auch aus Büchern wie Doug Saunders’ Arrival City – findet an den Rändern, in der Peripherie, an Unorten statt. Anders gesagt: dort, wo selten Filme und Serien spielen.

Es ist im Hinblick auf Little America mehr eine Sache der Ästhetik als des Inhalts. Nicht, dass die Orte als solche besonders realistisch inszeniert sind, sie sind es im Atmosphärischen, nämlich allesamt fade und eher gesichtslos, Provinz halt, dort, wo Wohnungen bezahlbar sind. Apropos: Selten hat man in einer amerikanischen Serie so viel echte Wohnverhältnisse gesehen. Die undokumentierte Mexikanerin schläft mit Mama und Bruder in einer Einraumgaragenwohnung, die indische Kleinfamilie nennt das Zimmer hinter der Rezeption ihr Zuhause und der Iraner träumt vom Hausbau, während er die durchs Wohnzimmer huschende Maus als alten Freund begrüßt. Es ist so selbstverständlich, dass sich die Protagonisten nur wenn’s ganz schlimm kommt beklagen. Ansonsten gehört schlechtes Wohnen wie selbstverständlich zur „immigrant experience“.

Was auch dazugehört und sich als geheimer roter Faden durch die Serie zieht: ein in bestimmter Weise aufgeladenes Generationenverhältnis. Wobei die acht Folgen einerseits immer wieder Beispiele für den besonderen Doublebind der Migrantenkinder bringen: Eltern schicken den Nachwuchs weg oder verlassen mit ihm ihre Heimat, damit es den Kindern, wie es doch so schön heißt, einmal besser geht. Diese dürfen dann aber im neuen Land nicht ihre Eltern und damit deren Herkunftsidentität „verlassen“.

Andererseits gibt es auch ein paar ganz wunderbare Elternporträts: etwa die chinesische Mutter, die mit ihren Teenagerkindern eine Kreuzfahrt gewinnt und es kaum aushält, dass die sich zwischendurch mit Gleichaltrigen amüsieren wollen. Diese Episode hat der Mann gedreht, der sie aus dem echten Leben kannte: Er war der Sohn, und sein Blick als Regisseur ist von einem anrührenden Verständnis für die Verlustangst der Mutter geprägt. Oder der iranische Papa, der die Freunde des Sohnes küsst und herzt, alle Nachbarn kennt und grüßt und überhaupt auf Schritt und Tritt in seinem armseligen, absolut peripheren Migrantenleben einen solch unerbittlichen Optimismus vorlebt, dass einem angst und bange wird. Er kauft ein Stück Land, um endlich ein Eigenheim zu bauen, vor allem aber, damit der erwachsen werdende Sohn keinen Grund hat auszuziehen. Das einzige Grundstück, das er sich leisten kann, ist eines, das sich wegen eines riesigen Felsblocks gar nicht bebauen lässt. So viel Optimismus muss man erst mal haben!

06:00 09.02.2020
Geschrieben von

Ausgabe 08/2020

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