Schöne Stellen

Die 62. Filmfestspiele in Venedig Aus einem insgesamt schwachen Wettbewerb ragen zwei Sieger heraus - George Clooney und Ang Lee

Italien war einst eines der glücklichsten Filmländer überhaupt. Nirgendwo sonst nämlich schien die Versöhnung von Populär- und Hochkultur, von Volk und Kunst so gelungen. Noch lange nach der Hochzeit des Neorealismus konnte sich dieses Glück halten und ein Abglanz davon lässt sich noch immer am Publikum in Venedig entdecken, das offenbar durch keine schlechte Behandlung von seiner Kinobegeisterung abzubringen ist. Da können die Tickets noch so teuer, die Schlangen noch so lang, die Sicherheitsbeamten noch so unfreundlich und die Autorenfilmer noch so maßlos in ihrer Egomanie sein - Abend für Abend wird hier minutenlang geklatscht. Mit fast 15 Minuten Applaus soll der diesjährige Rekordhalter übrigens die außerhalb aller Reihen gezeigte Dokumentation Viva Zapatero gewesen sein, in der sich die Komikerin Sabina Guzzanti aus Betroffenensicht mit den Zuständen in den italienischen Medien unter Berlusconi beschäftigt. Was ein bezeichnendes Licht auf die Filme im Wettbewerb wirft: Keiner konnte es an Brisanz und Aktualität mit diesem bescheidenen und vollkommen kunstlosen Einblick in herrschende Zustände aufnehmen.

Eingedenk der früheren großen Zeiten kann man nicht anders als mit Wehmut feststellen, dass in einem insgesamt schwachen Wettbewerb auch die drei italienischen Spielfilmbeiträge nichts zur Verstärkung beitrugen. Ihr Problem scheint jedoch mit dem früheren Glück unmittelbar zusammenzuhängen: die einstige Popularität kehrt wieder als Gefallsucht. Das eine - Roberta Faenzas Giorni dell´abbandono war ein Fernsehfilm aus dem Fach "frauenaffin", das zweite - Pupi Avatis La seconda notte die nozze ein Veteranenstück, dem man zu Gute halten kann, dass hier noch Anschluss an die Tradition gehalten wird, das man aber auch hoffnungslos altmodisch finden muss. Der dritte italienische Beitrag schließlich - Cristina Comencinis La bestia nel cuore - kam als echte Nachwuchshoffnung daher und entpuppte sich dann doch nur als anständiges Schauspielerkino, das letztlich am eigenen Wohlerzogensein scheitert. Auch Comencini scheint die Angst umzutreiben, dass etwas außerhalb der Konvention nicht mehr gefallen könnte.

Dabei war das exklusive Venedig doch immer schon ein geeigneter Ort gerade dafür, dem gemeinen Geschmack auch mal die kalte Schulter zu zeigen. Auf diesem Luxus der leichten Publikumsverachtung aber wird das venezianische Filmfestival sich nicht mehr länger ausruhen können: Mehr noch als über den diesjährigen Filmjahrgang wurde nämlich über ein anderes Festival geredet, das ab nächsten Oktober in Rom stattfinden soll. Für den ausländischen Beobachter sind die Hintergründe dieser kulturpolitischen Volte schwer auszumachen, geschweige denn ihre Folgen abzusehen. Sie wollen sich keine Konkurrenz machen, heißt es, doch in Venedig war allerorten Nervosität zu spüren. Rom will übrigens Treffpunkt der internationalen und einheimischen Filmszene werden und - Volksfest sein. Was sonst.

Der diesjährige Wettbewerb war nicht dazu geeignet, die Nerven zu beruhigen. Über Hollywood zu klagen - über Filme wie Brothers Grimm von Terry Gilliam oder Proof von John Madden - fällt immer leicht. Schwerer dagegen wiegt die Enttäuschung mit dem vertretenen Autorenkino. Selten erschienen sie in ihrer Gesamtheit so idiosynkratisch und rücksichtslos gegenüber ihrem Publikum. Bei einem Altmeister wie Manoel de Oliveira lässt man sich das vielleicht noch gefallen, weil man die Agilität des 96-Jährigen bewundert, der daherkommt wie Mitte 60. Bei Patrice Chéreau ist der Grund für die ästhetische Rigidität noch einsehbar, selbst wenn man das Ergebnis nicht mag: Sein Interesse an den Konventionen der Leidenschaft reibt sich immer auch mit den Konventionen des auf Film Darstellbaren. In Gabrielle findet ein Mann (Pascal Greggory) den Brief seiner Frau (Isabelle Huppert), in dem sie schreibt, sie habe ihn verlassen. Zuerst kann er es nicht fassen. Dann aber kommt sie zurück, will wieder in den Käfig der unterdrückten Gefühle. Und obwohl es beiden zu Pass käme, lassen sich nun die einmal aufgebrochenen Emotionen nicht mehr im Zaum halten und in einer langen Aussprache steigern sich die Feindseligkeiten bis - doch ein Bruch erfolgt. Nur dass es nicht der ist, den wir erwarten. "Ein Film wie ein kalter Fisch", sagte jemand. Und trotzdem geht von dem Film eine große Faszination aus - und er dauert nur knappe 90 Minuten.

Bei Philippe Garrels dreistündigem Les Amants Reguliers - ausgezeichnet mit dem silbernen Löwen für beste Regie - dabeizubleiben kostete schon mehr Mühe. Garrel inszeniert in bestechend schönen Schwarz-Weiß-Aufnahmen Tableaus rund um den Mai 68: Barrikadenkämpfe, bruchstückhafte Diskussionen, Drogen- und Liebeserfahrungen. Der Film ist überaus kokett: Einerseits lockt er mit seinem schönen Schwarzweiß und der Effektivität einer Inszenierung, die ohne großes Statistenheer oder Aufbauten auskommt. Andererseits vermeidet er die Einfühlung des Zuschauers so konsequent, dass man den Eindruck bekommt, er habe sich nicht entscheiden können, ob er an seinen Mai-Erinnerungen überhaupt ein Publikum teilhaben lassen möchte.

Dem enttäuschenden europäischen Autorenkino stand in gar nicht ausgeglichener Weise das genrebewusste asiatische Kino gegenüber, das Festivaldirektor Marco Müller so gerne zu seiner Visitenkarte machen möchte. Park Chan-wook überzeugte mit Sympathy für Lady Vengance überraschenderweise eine jugendliche Anhängerschaft, obwohl seine spezielle Mixtur aus exzessiver Gewalt, Rachefantasien und Vergebungssehnsüchten zugleich etwas Religiös-Altbackenes hat. Was in ähnlicher Weise für Abel Ferrara und seinen Film Mary gilt, der im katholischen Italien besonderes Aufsehen erregte und mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet wurde. Sowohl bei Ferrara als auch beim Koreaner Park Chan-wook konnte man den Eindruck bekommen, sie erteilen in ihren Filmen den eigenen Schuldgefühlen für die obsessive Beschäftigung mit Gewalt eine Absolution. Ein Publikum brauchen sie dafür nicht unbedingt.

Obwohl Schuldgefühle in Venedig natürlich ein gutes Thema sind. Denn Jahr für Jahr passiert zur Zeit des Festivals etwas in der Welt, das die Beschäftigung mit Filmkunst besonders eitel und müßig erscheinen lässt. Letztes Jahr waren es die schrecklichen Ereignisse in Beslan, dieses Jahr die Flut von New Orleans. Auch wenn die Katastrophen-Nachrichten den Ablauf des Festivals denkbar wenig beeinflussten, war man doch besonders froh über die Ernsthaftigkeit etwa von George Clooneys Good night, and good luck. Der Film kommt fast wie ein Live-TV-Drama aus der Frühzeit des Fernsehens daher, er besitzt etwas von der gedrungenen Spannung dieser einmaligen Verbindung von Theater und Medien. Wie Garrel markiert Clooney die Vergangenheit in kontrastreichem Schwarz-weiß, aber er sentimentalisiert sie dadurch nicht, sondern er glorifiziert mit Absicht ein Stück amerikanischer TV-Geschichte: Als Moderator Edward Murrow es wagte, öffentlich Zweifel an der rechtmäßigkeit des Tuns von Senator McCarthy zu äußern. Es ist eine Glorifizierung, die gut tut, weil sie zugleich einen kritischen Schatten auf die heutigen Medien wirft - gegenüber der geschliffenen Sprache, die Clooney im Film gleichermaßen dokumentiert, angesichts der vollkommen hysteriefreien Pragmatik, von der er seine Figuren geleitet zeigt, erscheinen heutigen Fernsehmacher wie völlig degeneriert.

Zwischendurch sah es fast so aus, als gäbe es dieses Jahr keine guten Filme, sondern nur noch solche mit schönen Stellen. Die schönsten kamen dann doch wieder aus der amerikanischen Independent-Szene. Zum Beispiel aus John Turturros Romance Cigarettes, in dem Christopher Walken einen weiteren seiner derangierten Nebenrollen-Auftritte hat, diesmal schmettert er mit unglaublicher Verve Delila und übertrifft an Passion doch fast Tom Jones. Oder aus Cameron Crowes Elizabethtown, den sich anzuschauen lohnt allein wegen Susan Sarandon: Sie hält eine Trauerrede auf ihren Mann, die mit absoluter Peinlichkeit beginnt, aber mit grandiosem Hochgefühl endet und unterwegs die gemischten Gefühle von Sex und Tod, Trauer und Wut miteinander versöhnt, so überwältigend, dass es nicht nur die im Film versammelte Trauergemeinde, sondern auch noch den Kinosaal fast von den Sitzen reißt. Oder, als letztes Beispiel, das Regiedebüt des versierten Nebenrollendarstellers Liev Schreiber, Everything is illuminated, in dem Elijah Wood als amerikanischer Sonderling in die heutige Ukraine aufbricht um nach Vorfahren zu suchen. Er stößt dabei auf Alex alias Eugene Hurtz. Der tatsächlich aus der Ukraine in die USA ausgewanderte Punkrocker und Schauspieler gibt den Prototyp des hässlichen Osteuropäers mit Zigeunermanieren und gnadenlosem Geschäftsinn. Das eigentliche Ereignis des Films aber ist sein Englisch: so elaboriert, dass es schon philosophisch wird. In etwa wie der Titel, der sich weniger auf hell erleuchtete Räume bezieht, sondern auf aufgeklärte Tatsachen.

Es gab jedoch einen Film, gleich am zweiten Tag des Festivals aufgeführt, der jedem weiteren Stand hielt und auf diese Weise über viele Enttäuschungen hinweg half: Ang Lees schlussendlich mit dem goldenen Löwen ausgezeichneter Brokeback Mountain. Auf anrührende und diskrete - manche meinten: zu diskret - Weise erzählt Lee die tieftraurige Geschichte zweier Cowboys, die nach einem kurzen Sommer der Liebe 20 Jahre Trennung erleiden, weil kein gemeinsames Leben möglich ist. An der Oberfläche handelt der Film davon, wie beide ihre konventionellen Leben führen, heiraten, Kinder kriegen, mehr oder weniger Erfolg im Beruf haben. Im Innern aber führt er vor, wie die ungelebte Liebe gnadenlos wie ein langsam aber stetig wachsendes Krebsgeschwür beider Leben zerstört. Ang Lee konzentriert sich auf die Liebe und nicht auf den Sex, sein Film ist kein flammendes Plädoyer gegen die Schwulenfeindlichkeit der Gesellschaft im Ganzen und der Cowboy-Gemeinschaft im Besonderen. Wie bei allen guten Western erhalten die Gefühle durch grandiose Landschaftsaufnahmen einen besonderen Nachhall. Nur dass diesmal die Weite der Prärie für das Gegenteil von Freiheit steht, ja zu einem bedrückenden Sinnbild eines Gefängnisses wird, aus dem von Flucht nicht mal mehr geträumt werden kann, weil die Grenzen nicht sichtbar sind. Wie gesagt, ein Film, den man lange nicht vergisst.


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