Teenies gegen Omas

Kino Jede Generation hat ihre Geschmäcker, aber nicht alle sind gleich viel wert. Ganz unten in dieser Hierarchie sind ausgerechnet die, die das Kulturleben tragen: Frauen über 40

Die Filmindustrie macht es sich einfach. Sie teilt ihr Zielpublikum in vier Gruppen, entlang von lediglich zwei Kriterien. Das eine ist das Geschlecht, ob männlich oder weiblich, das andere das Alter: ob über oder unter 25 Jahre. Erklärtes Geschäftsziel aller großer Filmstudios ist der „Vier-Quadranten-Film“, der alle Generationen ansprechende Blockbuster. So etwas wie Titanic, Star Wars, Toy Story oder Herr der Ringe. Filme für die ganze Familie halt. Obwohl sich bei der Analyse der einzelnen Titel auch schon wieder die Geister scheiden. Ist Titanic nicht eigentlich ein Frauenfilm? Und Toy Story was für Kids, während sich für Star Wars doch in der Hauptsache männliche Nerds begeistern? „Folge dem Geld!“, heißt es immer so schön, und die Kasseneinnahmen der genannten Titel sprechen für sich: Bei jeweils über einer Milliarde Dollar Umsatz weltweit müssen schon alle vier Quadranten ihren Beitrag geleistet haben.

Was der Mann unter 25 will

Das weitaus interessantere Bild ergibt sich dann, wenn man einmal jene Filme nebeneinanderhält, deren Erfolg auf dem Zuspruch aus schwerpunktmäßig nur einem der Quadranten beruht. Fight Club und John Wick sind Beispiele für das, was vor allem dem männlichen Publikum unter 25 gefällt; Plötzlich Prinzessin und die Twilight-Saga sind auf die jungen Frauen zugeschnitten. Western oder Kriegsfilme wie Der Soldat James Ryan werden von den Männern über 25 bevorzugt, während die erwachsene Frau sich Tickets für die neue Jane-Austen-Verfilmung oder Romcom-Varianten wie Notting Hill kauft. So weit, so klischeebeladen und dennoch spontan einleuchtend.

Was dabei ins Auge fällt, ist ein Prestige-Gefälle gleich in zwei Richtungen: Die Filme fürs weibliche Publikum gelten im Allgemeinen weniger, soll heißen: Hier finden sich sowohl weniger Oscar- und Filmpreiskandidaten als auch weniger „Kult“-Objekte als unter den Produktionen für das männliche Segment. Aber auch das Alter sieht sich zunehmend entwertet: Sosehr zum Beispiel die Filme von Steven Spielberg noch allgemein geschätzt werden, weisen deren immer wieder enttäuschende Kassenergebnisse in den vergangenen Jahren doch darauf hin, dass auch der Geschmack des erwachsenen Mannes an der Kasse zunehmend weniger „zählt“ als noch in den 1990er Jahren. Die Superhelden-Filme, die heute das Kinogeschehen so dominieren, sind sämtlich „Erstquadranten-Filme“, Kino für die männlichen unter 25-Jährigen. Die Blockbuster für das Zielpublikum der weiblichen Teenager wie Twilight und Hunger Games, als Genre ein Novum der 2000er Jahre, spielten zwar genug Geld ein, wurden aber anders als zum Beispiel die Masse der Marvel-Filme eher mit Häme, wenn nicht sogar mit Verächtlichkeit besprochen. Wirklich abgestraft findet sich das Zielpublikum des vierten Quadranten, die Frau über 25: Deren Lieblingsgenre, die mittelbudgetierten, „erwachsenen“ Romcoms, wird heute in Hollywood gar nicht mehr gemacht. Es gibt sie allenfalls noch in der streng asketischen Form des Independent-Films a là Nomadland, aber kaum mehr als populäres Genre. Was Frauen über 40 im Kino wollen, scheint den Markt jedenfalls nicht zu interessieren.

Dass der Geschmack der einzelnen Alters- und Geschlechtskohorten auf sehr verschiedene Weise Wertschätzung erfährt, ist in der Geschichte der gesamten Popkultur nichts Neues. Wer etwa den Ruhm der Beatles in Frage stellen wollte, wies darauf hin, dass ihre Konzerte von Horden von schreienden weiblichen Teenies besucht wurden, ein Publikumssegment, das selbst innerhalb der „Jugendkultur“ geringgeschätzt wird. Noch heute wird „anspruchsvoller“ Pop reflexhaft damit gleichgesetzt, dass eine Band sich der intensiven Zuneigung von Mädchen eher entzieht, als dass sie sich ihnen zuwendet. Aber während die weiblichen Teenager als Übergangsphase noch akzeptiert werden – die von Kim Cattrall gespielte Samantha in Sex and the City brachte es in Bezug auf die Karriere ihres Boyfriends mal auf den Punkt: „First the gays, then the girls, then the industry!“ –, gäbe es wohl kein schlimmeres Todesurteil für einen Kultur-Akt welcher Art auch immer, als wenn es hieße: „Da gehen nur noch alte Frauen hin.“

Spider-Man oder Spielberg?

Das Paradox dieser Abwertung besteht nun darin, dass man sich im Kulturleben nur einmal umschauen muss, um zu entdecken, dass es von genau der Kohorte getragen wird, deren Geschmack offenbar am wenigsten geschätzt wird: sei es bei Lesungen, im Theater, in den Arthouse-Kinos oder bei Vernissagen, die älteren Frauen bilden eine Art schweigende Mehrheit. Sie sind da, interessiert und engagiert, neugierig und aufgeschlossen: Nennen wir sie ruhig die Kulturtanten. Es sind die Frauen mit den leicht exzentrischen Brillengestellen, den fließenden Gewändern, die weiblichen, aber nicht sexbetonten Chic repräsentieren, und dem großformatigen Schmuck, oft aus bemaltem Holz, der klasselosen, unabhängigen Status signalisiert. Mit anderen Worten: Sie machen einiges her. Aber niemand würde ihr massenhaftes Erscheinen als Erfolg deklarieren. Im Gegenteil: Wären nur die Kulturtanten da und nicht der eine oder andere distinguierte Herr und das eine oder andere junge Paar, würde man die Ausstellung oder die Premiere zum Fehlschlag erklären. Man nimmt die Kulturtanten in Kauf, profitiert sowohl von ihrer Konsumentenkraft als auch von ihrem gebildet-zivilen Auftreten, das der einzelnen Kulturveranstaltung eine gewisse Würde verleiht, selbst wenn man sich in der Mehrzweckhalle einer Kleinstadt im Schwäbischen befindet. Aber man würde niemals ihren Geschmack zu treffen versuchen. Oder sich von ihm beeinflussen lassen. Oder ihn wirklich ernst nehmen.

Das ist jetzt alles etwas pauschal, anekdotenhaft und mit viel gefühlter Statistik im Kopf beobachtet. Aber die Schere, die sich zwischen Kulturteilhabe und Wertschätzung in Bezug auf die älteren Generationen, und da insbesondere auf die älteren Frauen, auftut, ist eine reale. Im Kino sorgt sie dieser Tage wieder für einen blinden Fleck in den Analysen. Glaubt man der amerikanischen Branchenberichterstattung, dann hat sich gerade eine Revolution vollzogen: Der neue Spider-Man: No Way Home startete in den USA mit einem – zumal für Covid-Zeiten – sensationellen Einspielergebnis von 253 Millionen Dollar, einer Summe, die sich mit den Starts der letzten Star-Wars-Filme vergleichen lässt. Der Unterschied zu damals, den seligen Prä-Pandemie-Zeiten: Parallel musste sich Steven Spielbergs West Side Story, der eine Woche zuvor startete, mit 3,4 Millionen Dollar Umsatz zufriedengeben. Die Branche liest aus diesen Zahlen nun das Ende des „Filmdramas für Erwachsene“ ab. Der Covid-Faktor – die Älteren sind vorsichtiger – muss erst noch herausgerechnet werden, aber das Ergebnis sagt eben auch etwas darüber aus, welches Zielpublikum mit wie viel Werbe-Etat umgarnt wird: Als Trendsetter gelten immer nur die Jungen.

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