Überraschend zärtlich

Im Kino In "Der wilde Schlag meines Herzens" von Jacques Audiard gewinnt ein unsympathischer Held über manche Widrigkeit hinweg die Herzen der Zuschauer

Tom (Romain Duris) ist auf den ersten Blick alles andere als ein sympathischer Typ. Obwohl nicht hässlich, ist er zu angespannt, um gut auszusehen. Seiner kaltschnäuzigen Machoattitüde fehlt die für "Coolness" nötige Gelassenheit. Und er ist bereits zu alt, als dass man ihm das als jugendliche Unsicherheit durchgehen lassen würde. Sein Job trägt zu dieser negativen Ausstrahlung noch bei: In einer Art Immobilienagentur besorgt er diverse Schmutzarbeiten wie das nächtliche Aussetzen von Ratten zwecks Entmietung. Manchmal benutzen er und seine Kollegen auch Baseballschläger oder gar die eigenen Fäuste bei ihren Einsätzen. Kurioser Weise treten sie dabei gleichzeitig wie ordentliche Angestellte in weißem Hemd und Anzug auf. Allein Tom unterscheidet sich von ihnen, weil er eine altmodisch wirkende schwarze Motorradlederjacke trägt.

Die Jacke funktioniert wie ein diffuser Hinweis darauf, dass Tom eigentlich etwas anderes im Leben möchte. Unversehens scheint sich für dieses Andere eines Tages eine konkrete Möglichkeit zu ergeben: Tom trifft zufällig auf der Straße den Impresario seiner verstorbenen Mutter, die Pianistin war. Der Mann geht davon aus, dass auch Tom seine einst begonnene Musik-Ausbildung fortgesetzt hat und bietet ihm einen Vorspiel-Termin an. So krass ist der Gegensatz zwischen dem, was Tom lebt, und dem, was er nun plötzlich erreichen zu können glaubt, dass man als Zuschauer an dieser Stelle zum ersten Mal so etwas wie Mitgefühl für ihn empfindet.

Er beginnt ein merkwürdiges Doppelleben: Seinen schmutzigen Job unterbricht er fortan täglich, um bei einer chinesischen Immigrantin Klavierunterricht zu nehmen. Sie spricht kein Wort französisch. Wobei es gerade die Unmöglichkeit der direkten Kommunikation ist, die der vorsichtigen Annäherung zwischen ihnen den Weg bahnt. Am Anfang kann Tom es nicht ertragen, dass sie ihm beim Spiel zuschaut. Man sieht, wie mühsam es für ihn ist, den Stolz und die Steifhheit seiner professionellen Brutalität abzulegen, um so etwas wie Seele in sein Spiel hineinzukriegen. Der Film zeigt jedoch weniger sein langsames Auftauen als vielmehr, wie sich dieser Prozess in den Reaktionen der Chinesin spiegelt: Von Mal zu Mal lässt sie sich weniger von ihm einschüchtern. "Very good", lobt sie schließlich - aber da ist auch der Zuschauer schon längst auf Toms Seite.

Jacques Audiard ist mit diesem Film das seltene Kunststück gelungen, den Stoff von James Tobacks Fingers aus den siebziger Jahren so zu adaptieren, dass der Eindruck entsteht, er liefere das eigentliche europäische Original zum amerikanischen Remake nach. Den im Grunde plakativen Gegensatz von Kunst und Gewalt, von Pianospiel und Mafiajob verankert Audiard atmosphärisch derartig stimmig im heutigen Pariser Milieu, dass man dessen Gezwungenheit ganz vergisst.

Bei aller zum Ausbruch kommenden Gewalt auch in Audiards Film ist sein Hauptthema doch Toms überraschende Befähigung zur Zärtlichkeit. Die zeigt sich zuerst in seinem Verhältnis zum Vater, einer grotesken Gestalt mit blondiertem Haar und Depardieu-hafter Leibesmasse, die Geld an zwielichte Gestalten verleiht, um dann den Sohn zu nötigen, sich an den Brutalitäten des Schuldeneintreibens zu beteiligen. Nach und nach stellt sich heraus, dass sich ihre Beziehung verkehrt hat: Mit rührender Fürsorglichkeit versucht der Sohn seinen Vater vor gefährlichen Geschäftspartner und falschen Freundinnen zu beschützen. Auch gegenüber der Freundin seines besten Freundes erweist Tom sich als verblüffend sensibel und treu. Mit der Sympathie für ihn wächst schließlich auch die Ahnung, dass das Alles nicht gut gehen kann. Es kommt wie es kommen muss, und dann doch noch einmal ganz anders.


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