Unsere Dip-befleckte Jungfrau

Was läuft Barbara Schweizerhof erfreut sich an den Wegwerfwitzen der „Derry Girls“. Spoiler-Anteil: 23%
Unsere Dip-befleckte Jungfrau
Im Vordergrund der Serie stehen die Mädchen, und denen gehen ganz andere Dinge als Politik im Kopf herum. Zum Beispiel, wie man der Welt klar­ macht, dass man eine unentdeckte, aber zweifellos große Schreiberin in der Nach­folge Becketts ist

Foto: Jack Barnes

Wieder was gelernt (was man sich eigentlich schon hätte denken können): „Derry“ und „Londonderry“ sind dasselbe, und ob man die nordirische Stadt nun so oder so nennt, hängt von der eigenen Überzeugung ab. Wobei man statt „Überzeugung“ in diesem Fall besser „Credo“ sagen müsste, weil es tatsächlich auf den Glauben ankommt. Für Erin (Saoirse-Monica Jackson) und ihre Familie ist es natürlich Derry, denn sie sind katholisch. Genauso „natürlich“ ist es für sie, dass sie zusammen mit ihrer Cousine Orla (Louisa Harland) und ihren Freundinnen Michelle (Jamie-Lee O’Donnell) und Clare (Nicola Coughlan) die von Nonnen geleitete Mädchenschule „Unsere unbefleckte Jungfrau“ besucht. Genauso selbstverständlich ist es, dass freitagabends Fish & Chips bestellt wird und dass alle vier Mädchen, denn sie sind im empfindsamen Alter von 16 Jahren, den jungen Pastor anhimmeln, der eines Tages in die Schule kommt. Lächelnd stellt er sich ihren Fragen. Und was fragen sie? Ob er Linsen trage oder ob das seine natürliche Augenfarbe sei. Ob er für seine schönen Haare Gel oder Mousse verwende. Wie er sich in Form halte. Dabei sollte es eigentlich um die Marienerscheinung gehen, von der Erin und ihre Freundinnen erzählt haben.

Bei Derry Girls handelt es sich um eine für den britischen Channel 4 produzierte Serie, deren erste Staffel man in Deutschland auf Netflix sehen kann. All die Vorstellungen, die man sich bei den Stichworten Nordirlandkonflikt, Nonnenschule, pubertierende Mädchen und so weiter macht, werden in der von Lisa McGee geschriebenen Serie tüchtig durcheinandergewirbelt und in herrlich überdrehtem, exzentrischem Tonfall wiedergegeben. Das beginnt mit dem Hintergrund der „Troubles“ – die Serie spielt in den frühen 90ern, Jahre vor dem Good Friday Agreement –, den McGee streng im Hintergrund behält, und endet längst nicht mit der seltsamen Idee, einen einzigen Jungen im Gefolge von Erin mit zur Mädchenschule gehen zu lassen. Seine Einführung aber überzeugt: James (Dylan Llewellyn) ist der Cousin von Michelle, die ihn den Freundinnen mit den Worten vorstellt: „Erinnert ihr euch an meine Tante Kathie? Vor Jahren ging sie nach England, wegen einer Abtreibung. Nun, sie kam nie zurück, und die Abtreibung hatte sie auch nie ...“ Warum James zur Mädchenschule geht? Unter irisch-katholischen Jungs müsste man um seine körperliche Unversehrtheit fürchten, schließlich ist er englisch, was man nur zu deutlich hört. Die Mädchen gehen schon nicht gerade zimperlich mit ihm um. Den Zugang zur Toilette – es ist eine reine Mädchenschule! – versagen sie ihm genauso wie den zwischenmenschlichen Respekt. Zu den Running Gags der Serie gehören die stets seine Männlichkeit herabsetzenden Schimpfwörter, die vor allem Michelle für ihren Cousin erfindet.

Es erscheint vollkommen logisch, dass es von Derry Girls keine deutsch synchronisierte Fassung gibt, die Serie würde 30 Prozent ihres Charmes einbüßen. Schon das Lesen der Untertitel erfordert höchste Aufmerksamkeit, so viele „throwaway lines“ – schnell dahingesprochene Seitengags – gibt es. Und so streng die „Troubles“ von Autorin McGee im Hintergrund gehalten werden, so konstant sind die Verweise darauf. Je mehr Hintergrundwissen man darüber hat, desto mehr Pointen wird man entdecken. Was nicht heißen soll, dass man hier mit wenig Wissen über die historische Situation damals in Nordirland nichts zu lachen fände. Im Gegenteil, die schwer bewaffneten patrouillierenden Soldaten, die Bombendrohungen, die krassen Vorurteile über die jeweils anderen, das wirkt alles reichlich grotesk, auch ohne die Gewissheit, dass es das wirklich gab und zum Teil ja noch gibt. Manches könnte man nicht erfinden, wie etwa den „voice ban“ auf die Ausstrahlung der Stimmen der IRA-Führung im Vereinigten Königreich, der dazu führte, dass Aufnahmen von ihnen von Nachrichtensprechern oder auch Schauspielern nachvertont wurden. Wovon man hier wie gesagt ganz im Hintergrund erfährt ...

Im Vordergrund nämlich stehen die Mädchen, und denen gehen ganz andere Dinge im Kopf herum. Wie man den Trip nach Paris bezahlen könnte, wie man den Mathetest besteht, wie man der Welt klarmacht, dass man eine unentdeckte, aber zweifellos große Schreiberin in der Nachfolge Becketts ist. Und wie man die Scham überlebt, dass die eigene Cousine das Tagebuch klaut und laut daraus vorliest.

06:00 14.04.2019
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