Vom Tod aus gedacht

Kino Mit „The Irishman“ bringt Martin Scorsese das Genre des Mafiafilms nun zu seinem tristen Ende
Barbara Schweizerhof | Ausgabe 47/2019 5

Ich hoffe mal, dass es den meisten Kinobesuchern so geht wie mir: Alles, was ich über die Mafia weiß, habe ich aus Filmen gelernt (und nicht etwa aus eigener Anschauung, worüber ich in diesem Fall ganz froh bin). Die lehrreichsten Filme dafür waren die von Martin Scorsese. Casino, Mean Streets, Goodfellas. Was sich mir eingeprägt hat, war seltener die Geschäftspolitik, um die es darin geht, sondern mehr das Gebaren der Männer, die Details ihres Lebensstils, denen eben auch Scorseses Interesse besonders gilt. Paul Sorvino in Goodfellas, wie er den Knoblauch mit der Rasierklinge schneidet – die Szene ist vielleicht sogar berühmter als die legendäre ungeschnittene Kamerafahrt, die Ray Liotta durch die Hintertür ins Copacabana hinein begleitet. Als Zubereitungstipp hat sie sich so verselbständigt – Kochen à la Goodfellas! –, dass man daran erinnern muss, was sich im Film alles an ihr ablesen lässt über den „Wiseguy“, den amerikanischen Mafioso: die Liebe zur italienischen Heimat, die ein Imago ist, zum guten Essen, das zu den wenigen reuelosen Genüssen gehört, der Glaube an die Tradition, die lehrt „wie man etwas macht“, ein gewisser Stolz auf das handwerkliche Geschick, das hier harmlos scheint, aber sich eben auch auf Mord und Folter beziehen könnte, die Kameraderie der Männer untereinander. Das alles und noch mehr liegt in dieser Szene, die in subtiler Weise genau das widerlegt, was man Scorsese bis heute oft vorwirft: dass er die Gangster verherrliche. Gerade weil sie so „harmlos“ ist, gerade weil sie die Mafiosi von ihrer menschlichsten Seite zeigt, als Gefängnisinsassen, beim Kochen, werden die machtvollen Männer vom Podest geholt, gleichsam transparent gemacht. Ohne die Augen vor ihren Verbrechen zu verschließen, betrachtet Scorsese die Gangster immer auf Augenhöhe, nicht als Monster, weshalb er ihnen besonders nahekommt.

Auch in The Irishman gibt es eine Szene im Gefängnis unter alten Gefährten, in der es ums Essen geht. Sie ist eine der erschütterndsten des ganzen Films. Der von Joe Pesci gespielte Russell Bufalino kann das italienische Brot nicht mehr essen, das er einst so geliebt hat. Der Krebs hat ihm die Möglichkeit des Genusses genommen, für immer. Als Zuschauer könnte man dabei Genugtuung empfinden, weiß man doch, dass Russell für nicht wenige Morde mitverantwortlich ist. Aber es überwiegt der Schrecken: ein Erschrecken darüber, wie sinnlos die große Mafia-Karriere eines Russell Bufalino auf einmal erscheint, wenn am Ende das steht: ein elender Krebstod in einer Gefängnisanstalt.

Dieses Gefühl der Vergeblichkeit durchdringt den ganzen Film. Sie ist das neue Element in Scorseses Langzeitprojekt der Mafia-Soziologie: Wie sieht ein „Wiseguy“-Leben aus, wenn man es konsequent vom Alter, vom Tod her denkt, scheint der Film zu fragen. Und die Antwort ist trostloser, kälter und furchteinflößender, als es explizite Gewaltszenen je sein könnten. Visuell ist The Irishman einer der am wenigsten blutrünstigen Filme Scorseses, seine Wirkung aber ist die eines schleichenden, um so nachhaltigeren Entsetzens.

Kamerafahrt im Altersheim

Der Film beginnt mit einer Kamerafahrt durch die Korridore eines Altersheims. Dann erzählt ein sehr alter Robert De Niro, wie er gelernt hat, was das heißt: Häuser anmalen. De Niro spielt Frank Sheeran, dessen „Geständnisbuch“ den Titel trug I Heard You Paint Houses“ und Scorseses Vorlage bildet. Sheeran behauptet darin, dass „Hausmalen“ Mafia-Code wäre für Auftragsmord. Keine andere Quelle bestätigt das; es ist nicht das Einzige, was man Sheeran nicht ganz glaubt. Auch sein darin gemachtes Geständnis, dass er Jimmy Hoffa ermordet hätte, wird angezweifelt.

Für Scorsese ist es nicht wichtig, ob es wahr ist, was Sheeran erzählt. Er nutzt den Stoff, um ein Stück Gesellschaft unter die Lupe zu nehmen. Sein Blick ist ein suchender: Wie ein echter Wissenschaftler weiß er nicht, was er unter der Lupe finden wird. Durch eine doppelte Rahmenhandlung weist Scorsese auf die Subjektivität des Erzählten hin: Da gibt es den großen Rahmen, die Stimme des alten Sheeran im Altersheim, und darin eingeschlossen dessen eigenen Narrationsbogen, die Schilderung eines „Road Trips“ von Ende Juli 1975, der ihn, Russell Bufalino und ihre zwei Ehefrauen von Philadelphia nach Detroit führte. Wer US-Geschichte kennt, weiß, worauf es hinauslaufen muss: Der 30. Juli 1975 ist das Datum, an dem der Gewerkschaftsführer Jimmy Hoffa unter bis heute ungeklärten Umständen verschwand.

Der Road Trip an sich besteht aus so vielen sprechenden Details, dass er ein eigenes Epos ergibt: Bufalino und Sheeran sind da bereits alte Männer, die auf lange Jahre der Mafia-Männerfreundschaft zurückblicken, wobei völlig klar ist, dass der massige Sheeran dem zierlichen Bufalino gewissermaßen untertan ist. In Rückblenden schildert Sheeran, wie es dazu kam.

Gut fünf Jahrzehnte umfasst die Erzählung, früher hätte man eine Figur durch Maske altern oder durch einen jüngeren Schauspieler verkörpern lassen, heute ermöglicht digitales „de-aging“, dass der 76-jährige Robert De Niro einen 40-Jährigen spielt. Es ist gewöhnungsbedürftig und nicht immer überzeugend – das blank geputzte Gesicht kontrastiert mit dem doch alterssteifen Körper –, aber man nimmt es willig in Kauf; eine Neubesetzung wäre viel irritierender. Ähnlich willig nimmt man in Kauf, dass dies eine Netflixproduktion ist – die man trotz dreieinhalb Stunden Länge natürlich unbedingt im Kino sehen sollte. Zumindest beim ersten Mal.

Für ein proklamiertes Alterswerk gibt es hier ungeheuer viel neu zu entdecken, allem voran Joe Pesci in der Rolle von Bufalino. Pesci ist eine Offenbarung, die klarmacht, dass man den Schauspieler sein Leben lang unterschätzt und in Komikerrollen verheizt hat. Auch das ist eine gewissermaßen erschreckende Erkenntnis.

Info

The Irishman Martin Scorsese USA 2019, 209 Minuten

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06:00 23.11.2019
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Ausgabe 40/2020

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