Wen die Zeit jagt

Film M. Night Shyamalan zeigt mit „Old“, dass er sein inneres Kind gut versteht

Zum Filmende hin fragt ein mittelalter Mann namens Trent seine Schwester, ob es wohl allen Erwachsenen so geht: dass sie sich innerlich immer noch wie Kinder fühlten? Was nach rein rhetorischer Frage klingt, hat in M. Night Shyamalans neuem Film Old eine ganz eigene Relevanz. Denn Trent haben wir zu Beginn als Sechsjährigen kennengelernt, am Schluss ist die Figur über 50 und wird vom inzwischen vierten Schauspieler dargestellt. In der Handlung sind aber nicht Jahre, sondern kaum mehr als 24 Stunden vergangen.

Womit keineswegs das „überraschende Ende“ verraten wäre, für das die Filme von M. Night Shyamalan seit The Sixth Sense (1999) vermeintlich bekannt sind. Vielmehr geht es um die Perspektive, aus der Old das meiste abzugewinnen ist. Das innere Kind in sich abzurufen, empfiehlt sich als Zuschauerhaltung in allen Filmen des 51-jährigen amerikanischen Regisseurs. Er selbst wird oft porträtiert als einer, der mit dem Herzen eines Elfjährigen Filme macht: viel lustangstiges Vergnügen an blutigem Horror und viel Gefühl für Familie, gepaart mit einer Begeisterung für Technik und wenig Gespür für Dialoge.

Zusammen mit seiner Schwester Maddox, elf Jahre, und seinen Eltern Guy (Gael García Bernal) und Prisca (Vicky Krieps) betritt der sechsjährige Trent am Anfang staunend das luxuriöse Ferienresort, das der kleinen Familie dringend benötigte zwei Wochen der Entspannung bescheren soll. Zwischen den Eltern kriselt es, was, wie so oft, den Kindern weniger verborgen bleibt, als es jene wahrhaben wollen. Der schmerzlich-distanzierte Blick, den Prisca manchmal auf ihren Nachwuchs wirft, scheint aber auf mehr als nur eine Trennung hinzudeuten.

Auf jeden Fall haben sie Aufmunterung bitter nötig. Als beim Frühstück der Resort-Leiter zu ihnen tritt und einen Trip zu einem „geheimen“ Strand vorschlägt, den er nur seinen bevorzugten Gästen anbiete, greifen sie zu. Dass in den bereitgestellten Minivan dann doch noch eine weitere Familie einsteigt, war fast zu erwarten.

Ein geheimer Strand

Immerhin fährt mit der kleinen Kara eine Spielgefährtin für Trent mit, der Rest scheint leider wenig sympathisch. Charles (Rufus Sewell) ist ein arroganter Arzt, der weder sein Trophäen-Weib Chrystal (Abbey Lee) noch seine „mitgeschleifte“ Mutter Agnes (Kathleen Chalfant) sonderlich beachtet. Am Strand angekommen, der sich majestätisch-leer vor einem Felspanorama erstreckt, sind alle zuerst so eingenommen von der Schönheit der Umgebung, dass sie den Mann (Aaron Pierre), der im Schatten der Felsen kauert, gar nicht entdecken. Sie arrangieren ihre Sonnenschirme, breiten Campingstühle aus, dippen die Zehen im Meerwasser. Ein weiteres Paar kommt durch den engen Felszugang an den Strand gestolpert: Jarin (Ken Leung), der sich als Krankenpfleger vorstellt, und seine Frau Patricia (Nikki Amuka-Bird). Unterdessen scheren die Kinder aus, um die entlegeneren Ecken zu erkunden – und machen eine furchtbare Entdeckung.

Die Zutaten für einen ganz gewöhnlichen Katastrophenfilm sind also zusammen: Menschen, die auf je unterschiedliche Weise an einem Wendepunkt stehen, werden konfrontiert mit etwas Unfassbarem und müssen über sich hinauswachsen – das wird auch das Programm in Old sein, oder?

Es ist eine Frage der Perspektive: Denn Shyamalan erzählt nicht als Mastermind hinter den Kulissen, der Hinweise ausstreut, auf dass der Zuschauer sich schnitzeljagdartig von Rätsel zu Rätsel hangelt. Vielmehr scheint er alles darauf zu verwenden, das Staunen aufrechterhalten zu wollen. Der Schock interessiert ihn weniger als der Zustand der Desorientierung. Schreckliche Dinge passieren Schlag auf Schlag – eine an Land gespülte Leiche, ein Epilepsie-Anfall, eine Messerstecherei –, aber das wahre Rätsel ist zugleich unscheinbarer und überwältigender.

Es beginnt damit, dass Trent sich bei seiner Mutter über den Sitz seiner Badehose beklagt und sie ihn mit leichter Verwunderung anguckt. Die Kamera zeigt ihn in dieser Szene nur von hinten, über seine Schulter hinweg zoomt sie auf Priscas Gesicht, bevor sie wieder den Strand in den Blick nimmt und sich auf andere Figuren konzentriert. Nahaufnahmen wechseln mit Totalen, doch statt mehr Überblick zu gewähren, kommen überraschende Veränderungen in den Blick, oder auch das Gegenteil: So rasant die einzelnen Figuren an sich bemerken, wie ihnen die Zeit zusetzt, wie sie mit jeder Stunde gut zwei Jahre altern, so stetig vergeht am Strand der Tag, wechselt das weiche Morgenlicht in harte Mittagssonne, um dann von goldenen Nachmittagstönen abgelöst zu werden.

Der Film bleibt dabei stets auf der Höhe seiner Figuren. Man kann, wie oft bei Shyamalan, einzelne Wendungen für hanebüchen, die Dialoge für hölzern und den Schlusstwist für überflüssig halten, aber sich dem Sog der Bilder zu widersetzen, fällt schwer. Fast meint man, den lauen Wind auf der eigenen Haut zu spüren. Und umso mehr fühlt man den Figuren und ihrem Staunen, auch ihrem Entsetzen nach.

Es dauert lange, bis sie begreifen, was Sache ist; bis zuletzt können sie das aussichtslos scheinende Ankämpfen nicht lassen. Erst als es zu spät ist, kehrt ein Moment melancholischer Ruhe ein. Ein „erwachsenerer“ Regisseur als Shyamalan würde daraus eine Parabel auf die menschliche Existenz machen, aber in Old steht die Melancholie einfach für sich.

Info

Old M. Night Shyamalan USA 2021, 108 Minuten

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06:00 31.07.2021
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Ausgabe 37/2021

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