Wir sind am Ende

Serie Geliebt wie Fußball, heißer diskutiert als jede Politik: „Game of Thrones“ war das letzte große Gemeinschaftserlebnis

Und dann war da der Kaffeebecher. Einer jener Plastikbehälter, wie ihn Starbucks verkauft. Nur dass er sich hier ins Fantasy-Mittelalter von Game of Thrones verirrt hatte. Man schrieb Folge vier der letzten, alles abschließenden achten Staffel. Die Überlebenden des „Großen Kriegs“ feierten ihren verlustreichen Sieg nach der „Schlacht von Winterfell“ von Folge drei. Und während die Kamera die Helden beim Parlieren und Weintrinken im dunklen Gewölbe zeigte – hatte sich Königin Daenerys offenbar einen Kaffee kommen lassen.

Der Becher war eigentlich nur für den sehr, sehr aufmerksamen Zuschauer sichtbar. Aber wenn Game of Thrones etwas hat, dann sind das nun mal sehr, sehr aufmerksame Zuschauer. Binnen Minuten, die Folge lief noch, verbreiteten sich die Screenshots des Kaffeebechers, versehen mit dem zugehörigen Online-Spott. „Einen Latte für … Denise?“, nahm jemand das notorisch schlechte Gehör der Starbucks-Baristas für Namen auf die Schippe. HBO selbst versuchte Schadensbegrenzung durch einen Tweet, der den Fehler bedauerte: Königin Daenerys habe sich keinen Latte, sondern Kräutertee bestellt.

Aber keine noch so humorvolle Reaktion konnte verhindern, dass das vordergründige Detail für viele Fans zum Symbol einer Nachlässigkeit im Umgang mit „ihrem Stoff“ wurde, zum Symbol für alles, was sie zunehmend als falsche Umsetzung der Vorlage oder als schlampig ausgedachten Plot empfinden. Denn auch wenn es der Bezahlsender HBO ist, der für die letzte Staffel seiner erfolgreichsten Serie dem Vernehmen nach ein Budget von 100 Millionen Dollar investiert, macht die immense Popularität Game of Thrones zu einer Art Gemeinschaftseigentum. Nicht umsonst spricht man im Englischen oft davon, dass die Fans „investiert“ seien – in einzelne Figuren, Beziehungen und bestimmte Handlungsstränge. Dany soll Königin werden, nein Jon; Brienne soll mit Jaime zusammenkommen, nein, mit Tormund; eine Frau soll am Ende den Eisernen Thron besteigen, nein, die Demokratie soll siegen.

Sieben Staffeln und 67 Folgen lang konnten die Macher – die Showrunner David Benioff und D.B. Weiss und ihr Autorenteam – ihren Stoff mit multiplen Erzähloptionen ausbreiten. Zuerst noch nach der Buchvorlage von George R. R. Martin, dann, als sich herausstellte, dass Martin mit dem Schreiben nicht vorankommt, losgelöst vom „Urstoff“. Solange das Universum von Game of Thrones sich erweiterte, mit neuen Figuren, Mysterien, Konflikten, kamen immer neue Fans hinzu, während die alten in Erwartung nächster Wendungen ihre Enttäuschungen wegsteckten. Nun, dem Finale zu, das Fragen beantwortet und Geschichten abschließt, steigt die Zahl derer, die vieles gerne anders hätten.

Die Aufregung über den Kaffeebecher war so gesehen eine Ersatzhandlung für all den Ärger, den Fans während der Ausstrahlung dieser letzten Folgen auf Twitter kundtun. Ärger entzündete sich daran, dass zu Staffelbeginn zu wenige Figuren starben in einer Show, deren „claim to fame“ es doch war, rücksichtslos Charaktere umzubringen. Als das Sterben dann anfing, starben doch prompt erst mal die Falschen. Anderen gefiel es nicht, dass ein zu Serienbeginn minderjähriges Mädchen, das inzwischen eine junge Frau war, zum ersten Mal Sex hatte. Dritte können sich nicht beruhigen darüber, dass ihre Lieblingsfigur am Ende nicht mehr zu den Guten gehören soll. Sogar Prominenz schaltete sich ein: Schauspielerin Jessica Chastain erhob Einspruch gegen eine Dialogzeile, in der es um Vergewaltigung ging. Eine „Ygritte Targaryen“ tweetete, dass alle zu negativ drauf seien. Und „History of Westeros“ setzte einen Friedensappell ab: „Ihr müsst doch keine Partei ergreifen! Das ist Entertainment, keine Schlacht!“

Tolkien mit Sex

Alles in allem zeigt die Heftigkeit der Reaktionen vor allem eins: dass Game of Thrones mehr ist, beziehungsweise war, als eine Serie. Sie sei das letzte gemeinschaftlich, weil noch in Echtzeit geteilte Erlebnis, wurde diagnostiziert, ein Schwanengesang aufs alte lineare Fernsehen. Andererseits: Wann gab es das schon einmal, dass ein Publikum weltweit auf eine Erzählung mit der Intensität reagiert, die sonst Sportereignissen vorbehalten ist? Vielleicht ist Game of Thrones ja eher die erste ihrer Art – als Serie, die eine neue Weise der Rezeption geprägt hat, die Schule machen wird.

Tatsächlich emuliert Game of Thrones als Medienphänomen die Bizarrerien der Sportberichterstattung, vom Fanatismus der Fans, die ihr „Team“ verteidigen („Wenn Davos stirbt, gibt’s Prügel!“), bis hin zum riesigen Feld der Expertenrunden in Form von Podcasts und Reddit-Foren, die akribisch jede Folge untersuchen, Replays inbegriffen. So betrachtet wundert es nicht, dass umgekehrt vor allem die englische Sportberichterstattung wie infiziert scheint von Game of Thrones: „Red Wedding“ ist da das neue Codewort fürs Favoritensterben, und als Sergio Ramos im vergangenen Jahr den ägyptischen Stürmer Mo Saleh niederrammte, brachte ein Tweet mit einem Bild der beiden unter der Überschrift „Die Lannisters lassen grüßen“ den Verdacht auf absichtliches Foul Play auf den Punkt.

Wie der Fußball selbst ist Game of Thrones zu einer Art Ersatzpolitik geworden – mit seinen zitierfähigen Dialogzeilen und seinen formidablen Bösewichten in allen Schattierungen von raffiniert bis tumb, von soziopathisch bis populistisch. Zwar gibt es kein Links und Rechts, sondern allenfalls Buchkenner und Show-Lover, Jon-Fans, Dany-Stans und solche, die für immer zu Tyrion („Ich trinke und weiß Dinge“) halten. Aber wie in der richtigen Politik läuft auch im Game-of-Thrones-Diskurs viel darüber, dass in „wir“ und „sie“ aufgeteilt wird, in „meine Show“ und „was die daraus gemacht haben“. Beständig wird auf latente Rassismen und versteckte Misogynie hingewiesen. Und oft weiß man nicht, ob der Vorwurf der Fantasy-Welt oder ihren Schöpfern gilt, ob man das Dargestellte meint oder die Mittel der Darstellung und wie man das eine vom anderen unterscheiden könnte. Immer mehr muss die Popkultur einlösen, worin die Politik versagt.

Dabei hat Game of Thrones in den acht Jahren seiner Laufzeit eine Evolution durchlaufen, in der die Fandiskurse sich durchaus eingeschrieben haben. Zum Beispiel die Sache mit der „Sexposition“, dem Verwenden nackter Frauenkörper als Hintergrund, um Zuschauer über erklärende Dialoge hinweg bei der Stange zu halten. 2011, zum Serienstart, galt das noch als probates Mittel, mit dem sich Bezahlsender von der stärker regulierten frei empfangbaren Konkurrenz absetzten. Aber einmal auf den spöttischen Begriff gebracht, wurde der Kontrast zur immer dringlicher diskutierten Forderung nach besserer Repräsentation von Frauen zu deutlich. Nach und nach verschwand die nackte Haut aus Game of Thrones. In der jüngsten Staffel nahm eine Szene noch als Selbstparodie darauf Bezug. Was einst als „Tolkien mit Sex“ begann, ist mit der Zeit geradezu prüde geworden.

Natürlich ist das nicht das erste Mal, dass eine TV-Serie auf ihre Zuschauer reagiert, aber die in Game of Thrones über die Zeit bemerkbaren Anpassungen an Fan- und Zeitgeschmack liefern bezeichnende Beispiele für eine Interaktion, die immer mehr Schule macht. Man muss nicht gleich in Kulturpessimismus verfallen, um zuzugestehen, dass die Vorstellung eines Twittermobs, der darüber mitbestimmt, wie ein Film, eine Serie aussehen und ausgehen soll, nicht nur wohlige Gefühle auslöst.

Dass mit dem Ende von Game of Thrones an diesem Wochenende der Ärger der Fans wohl seinen Gipfel erreichen wird, weil ein Großteil der Wünsche in all ihrer bewundernswerten „Wokeness“ eben nicht in Erfüllung geht – ist so gesehen vielleicht eher ein gutes Zeichen.

06:00 19.05.2019
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