Zähneklappern

THEATERKRISE Zuschauerschwund und Generationenwechsel verschärfen den prekären Stand der Dinge

Theater muss wie Fußball sein - verkündete Anfang der achtziger Jahre ein Buchtitel, dem damit ein ähnliches Schicksal beschieden warwie Peter Handkes Die Angst des Tormanns beim Elfmeter. Vielzitiert und kaum gelesen, ist der Titel allein so beredt, dass der eigentliche Buchinhalt darüber völlig in Vergessenheit geriet. Damals, denkt man sich heute, muss das eine Provokation gewesen sein, die Aufforderung an die schlechthinnige Bildungsbürgerinstitution Theater, sich der schlechthinnigen Proleteninstitution Fußball anzunähern. Und, vielleicht mag sich mancher noch erinnern, damit war nicht die Anbiederung an den Massengeschmack gemeint, nicht die bloße Sehnsucht nach Popularität und Medienpräsenz, sondern ein ästhetisches Programm: populäre Formen für die etablierten Künste nutzbar zu machen, die konventionellen Grenzen von Hoch- und Populärkultur zu durchbrechen.

In Zeiten, in denen die Frage, auf welchem Sender ein paar Spiele der nächsten Fußballweltmeisterschaft zu sehen sein werden, für wenige Tage zum höchsten Politikum werden kann, möchte man den Satz allerdings in einen Stoßseufzer umwandeln: Theater müsste wie Fußball sein. Womit ganz unästhetisch vor allem der Wunsch verbunden wäre, es ließe sich mit dem Verkauf von Übertragungsrechten so viel Geld verdienen. Denn immer noch und vielleicht um so mehr gilt in Zeiten der New Economy: Womit sich Geld verdienen lässt, das hat auch seine Existenzberechtigung.

Letztere nämlich muss das Theater in diesen Tagen einmal mehr verteidigen. Das ist nichts Neues, so wie die Generationen-Debatte, die seit der Bekanntgabe der Juryentscheidung des Berliner Theatertreffens entbrannt ist, auch nichts Neues ist, was ebenso für die endlosen Sparkonzepte gilt. Doch das alles zusammen ergibt ein Bild von Krise, in dem hinter den rhetorischen Abwehrroutinen ("Das Theater ist immer in der Krise!", "Ohne Krise kein Theater!") so etwas wie echtes Zähneklappern zu erkennen ist.

Von dramatischen Zuschauerverlusten wird berichtet, aus Hamburg, aus Basel, aus Berlin. Überlegungen werden angestellt, ob nicht den jungen Wilden, dem "Pop-Theater" zu viel Freiraum gelassen wurde, ob man das angestammte Publikum, das zahme, das den 68er-Regiesseuren bis heute aus der Hand frisst, nicht überfordert habe. Schon versuchen die Jungen sich zu formieren auf einer Art Gegentheatertreffen, während sich die Avantgarde der Kritiker vorsichtig dem Boulevard-Theater zuwendet, um zu sehen, ob sich da nicht vielleicht was hochjubeln lässt. Abwechselnd wird die Schuld bei den Politikern, den 68ern und den Kritikern gesucht. Gefunden wurde sie noch nicht.

So vertraut die vorgebrachten Argumente aus vorhergegangenen Theaterkrisen sind, klingen sie doch auf einmal anders. Dass der Zuschauer im Theater nicht das bekommt, wofür er bezahlen will, ist ein Standardvorwurf. Aber plötzlich scheint die Polemik eines Kritikers, ob diese oder jene Inszenierung noch subventionsberechtigt sei, einen neuralgischen Punkt zu treffen. Erkennbar wird, dass der bürgerliche Diskurs, in dessen Kosten-Nutzen-Rechnung auch das Wahre, Schöne, Gute seinen Preis hatte, den man mitbezahlen musste, endgültig durch den des Konsumenten abgelöst ist. Dem wird nämlich weisgemacht, was ein Werbespot zur Zeit so schön vorführt: Er bräuchte nur das zu bezahlen, was er auch gegessen habe, in diesem Fall die knusprige Haut des Entenbratens.

Deshalb ist das eigentlich Erschreckende der gegenwärtigen Situation des Theaters nicht die Finanznot und auch nicht die Häme der Kritiker, sondern die Tatsache, dass die Zuschauer davon so unberührt bleiben. Die Haltung, nichts "Überflüssiges" zu bezuschussen, kein Geld zu geben, wo nicht auch welches erwirtschaftet wird, hat sich weitgehend durchgesetzt. Fast kann man den Eindruck bekommen, als sei die Privatisierung der Kulturinstitutionen in den Köpfen schon längst weiter fortgeschritten als von der Politik angedacht. Wo man noch vor ein paar Jahren stolz die Vorteile des Subventionssystems gegenüber dem amerikanischen Modell der Eigenfinanzierung pries, redet man inzwischen der Rationalität "gesunder" Etatkürzungen das Wort - auch eine Art Globalisierung.

Theater sollte nicht wie Fußball sein. Die öffentlich-rechtlichen, gebührenfinanzierten Sender ließen sich eigens von Politik und Gesellschaft auffordern, doch den geforderten Wucherpreis für die Übertragungsrechte zu zahlen. Auch wenn es Vermarktung heißt, ist das letztlich vom Negativ-Modell der Subventionierung gar nicht so weit weg.

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Geschrieben von

Barbara Schweizerhof

Redakteurin „Kultur“, Schwerpunkt „Film“ (Freie Mitarbeiterin)

Barbara Schweizerhof studierte Slawistik, osteuropäische Geschichte und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin und arbeite nach dem Studium als freie Autorin zum Thema Film und Osteuropa. Von 2000-2007 war sie Kulturredakteurin des Freitag, wechselte im Anschluss zur Monatszeitschrift epd Film und verantwortet seit 2018 erneut die Film- und Streamingseiten im Freitag.

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