Zeitlupe

IM KINO »Mission: Impossible-2« von John Woo

Mission: Impossible 2 in der Regie von John Woo - für so manchen beinhaltete diese Vorankündigung für den Sommer 2000 ein Versprechen, auf dessen Erfüllung mit Demut gewartet wurde. Das waren die afficionados, jene Filmliebhaber also, die das Kino als Popkultur verehren und deshalb zu unterscheiden sind von den Cineasten, die bekanntlich für das Kino den Status der Hochkultur reklamieren. Den unterschiedlichen Rezeptionsweisen von Hoch- und Popkultur gemäß führen nicht erfüllte Erwartungen bei dem einen Lager zu enttäuschten Köpfen, bei dem anderen zu enttäuschten Herzen.

Die Kritiken zu M:I-2, wie das verschwörerische Kürzel für den Film lautet, waren bislang denn auch verhalten bis abwertend, wobei interessanterweise John Woo vor allem Defizite auf der emotionalen Seite vorgeworfen wurden: Kein suspense und zu wenig Gefühl. Die Rechtfertigungen der Fans fallen dagegen eher intellektuell aus: M:I-2 sei reich an Referenzen an die Filmgeschichte, selbstironisch und in der Choreographie der Kampfszenen überaus erlesen. Tatsächlich ist der Film ein Hybrid in mehrfacher Hinsicht: es kreuzen sich Hongkong- und Hollywoodkino, ein altes Fernsehformat und die neuesten Möglichkeiten der Filmtechnik, die Geradlinigkeit des Verfolgungsjagd- und Explosionsgenres mit cineastischer Verschraubtheit. Tom Cruise, einst schlechthin die Verkörperung des amerikanischen Junghelden, sportlich, aber unterspannt, stets gut gelaunt und nie zu ernst, muss hier kickboxend mit melodramatischer Ost-Macho-Attitüde die Welt und eine Frau retten. Die von ihm gespielte Figur des Geheimagenten Ethan Hunt stellt im Gegensatz zu James Bond, diesem melancholischen Relikt englisch-traditioneller Zigarren-Männlichkeit, einen Helden der Gegenwart dar. Als Free-climber sieht man ihn zu Beginn in den Steilfelsen des amerikanischen Südwesten hängen, und natürlich ist das genau die Sportart, die zum neuen Helden passt: weniger religiös, weniger patriotisch, weniger gipfelfixiert als das herkömmliche Bergsteigen, dafür von mehr narzisstischem Genuss an der eigenen Körperbeherrschung und dem Motto, dass der Weg das Ziel ist, geprägt. Dazu noch: ökologisch korrekt.

Auch im Verhältnis zu Aufgabe und Vorgesetzten unterscheidet sich Ethan Hunt von seinen berühmten Vorbildern: er hat - außer dem Flirt mit dem Ökologischen - keine Ideologie, an die er sich halten muss, dafür ein Arbeitsethos. Den Job gut zu machen ist wichtiger als jede Loyalität zu irgendwelchen Vorgesetzten, die im Falle von Komplikationen sowieso jede Kenntnis über ihre Beschäftigten abstreiten würden. Letztlich zeigt sogar das Männlichkeitsbild in Mission Impossible 2 leichte Verschiebungen im Verhältnis zu den Genrevorlagen: Ethan Hunt tritt weniger bindungsscheu und gepanzert auf; kein Held, der sich permanent in seiner Männlichkeit bedroht fühlt.

In der heutigen Zeit muss der Gegenspieler eines solchen positiven Helden mit der Börse zu tun haben, das verlangt das moderne Ressentiment. Das Drehbuch von M:I-2 tut uns diesen Gefallen, in dem es den bad guy nach Aktien geifern lässt. Ansonsten ist er der böse Zwilling, dessen Gefahr vor allem darin besteht, dass er sich mimetisch dem Guten so perfekt anzuwandeln vermag. Das plakative Gegenüber von Gut und Böse handelt immer auch von innerpsychischen Projektions- und Abspaltungsprozessen. Der Böse ist der Frau sexuell verfallen, der Gute darf sie väterlich retten; alle wollen wir Aktiengewinne machen, ohne wirklich Shareholder zu sein. Wer John Woos Mission Impossible die Primitivität des Plots vorhält, rennt offene Türen ein. M:I-2 stellt die Verfahren von Melodram und Actionkino ganz explizit aus. »Um einen Helden zu konstruieren, braucht man einen Bösewicht«, erklärt bereits der russische Wissenschaftler seine Genforschung. Die digitalen Bilder der Zellzerstörung spiegeln die Kampf- und Jagdszenen auf anderer Ebene. So wie jene unter dem Mikroskop vergrößert und beschleunigt werden, um die ablaufenden Prozesse sichtbar zu machen, so verlangsamt und zerstückelt Woo seine Actionszenen. Am Ende hat man den Eindruck, fast die Hälfte des Films in Zeitlupe gesehen zu haben. Für manche mag sich damit ein Kindheitstraum erfüllen, sind es doch die Szenen, in denen sich alle Elemente der Beherrschung des Helden unterwerfen: ein Kick und aus dem Sand springt die Waffe genau in die schussbereite Hand. Als Kind hätte man diese Zeitlupe wieder und wieder nachphantasiert.

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Geschrieben von

Barbara Schweizerhof

Redakteurin „Kultur“, Schwerpunkt „Film“ (Freie Mitarbeiterin)

Barbara Schweizerhof studierte Slawistik, osteuropäische Geschichte und Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin und arbeite nach dem Studium als freie Autorin zum Thema Film und Osteuropa. Von 2000-2007 war sie Kulturredakteurin des Freitag, wechselte im Anschluss zur Monatszeitschrift epd Film und verantwortet seit 2018 erneut die Film- und Streamingseiten im Freitag.

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