Barbara Schweizerhof
Ausgabe 2414 | 11.06.2014 | 11:11 1

Zwei Schwestern

Familie Götz Spielmann erzählt in "Oktober November" altbekannte Dinge so genau, dass sie einzigartig werden

Zwei Schwestern

Kann ihren Gesichtsausdruck entleeren: Sonia, Schauspielerin (Nora von Waldstätten)

Foto: coop99/ Spielmannfilm

Der Gegensatz von Stadt und Land, von Glamourberuf und Familiengeschäft, zwei unterschiedliche Schwestern, ein Vater, der nicht mehr lange zu leben hat: Es sind vertraute Themen, die der Österreicher Götz Spielmann in seinem neuen Film Oktober November aufgreift. Man hat sie Dutzende Male gesehen, allerdings in den letzten Jahren immer seltener im Kino. Das simple menschliche Drama, das ohne „brennende Aktualität“ oder andere schlagzeilenträchtige Konflikte auskommt, findet mehr und mehr nur im Fernsehen statt – und dort immer strenger in nach Marktsegmenten ausgerichteten Formaten. Dienstagabends als Krimi, freitagabends im Gewand der Frauenaffinität, sonntags als Zweiteiler mit Topbesetzung.

Spielmanns Oktober November wirkt in beiden Welten wie ein Fremdkörper. Vom heute gängigen Kino setzt der Film sich durch seine Ruhe, seine sorgfältigen Dialoge und eine gewisse Aufgeräumtheit ab; im Fernsehen wiederum würde er wegen des Sinns für Atmosphäre und der wenig auf Zuspitzung setzenden Dramatik aus dem Programm herausragen.

Die eine Schwester, Sonia, wird von Nora von Waldstätten gespielt. Ihre erste Szene zeigt sie mit einem jungen Mann in einem Restaurant, sie sind sichtlich erst dabei, sich kennenzulernen. Aus ihrem Gespräch lässt sich erschließen, dass beide Schauspieler sind, die hier vor dem ersten Drehtag zu einem Film versuchen, miteinander warm zu werden. Schnell wird zum Du übergegangen, schließlich spielen sie im Film ein Liebespaar. Distanz bleibt trotzdem: Man merkt, dass Sonia der größere Star ist. Nicht nur dass sie, wie ihr Gegenüber mit einer Portion Neid bemerkt, die interessantere Rolle hat, während seine Figur ein Pappkamerad sei.

Es ist die Aura von Sonia, deren Gesicht zwar von aparter Schönheit ist, gleichzeitig aber völlig undurchsichtig scheint. Was diese Frau denkt und fühlt, das lässt sie ihre Umwelt nicht wirklich wissen. Sie kann sich perfekt einfügen in die Stimmung im Raum, kann ihren Gesichtsausdruck entleeren und wieder neu anfangen, ganz wie es von ihr gefordert wird. Ihr Beruf scheint ihr so sehr zweite Natur geworden zu sein, dass sie oft selbst nicht mehr weiß, was sie eigentlich empfindet.

Bei ihrer Schwester Verena (Ursula Strauss) dagegen würde man nie vermuten, dass sie eine Rolle spielt. Verena scheint geradeheraus, lebenstüchtig, ohne Falsch. Und das, obwohl sich später herausstellt, dass sie, als wir sie das erste Mal sehen, einen Akt der Täuschung begeht. Anders als Sonia, die den elterlichen Gasthof im Gebirge früh hinter sich gelassen hat, ist Verena geblieben. Den alten Vater (dem Peter Simonischek eine unmanierierte Bodenständigkeit und Altersresignation verleiht) konnte sie überreden, das Wirtshaus aufzugeben. Nun führt sie gemeinsam mit dem Mann (Johannes Zeiler) den Betrieb als Hotel für Pilgergruppen.

Spielmann stellt die beiden Schwestern in Parallelmontagen vor. Da sind Sonia und ihr doch nicht ganz so glamouröses Filmleben, zu dem das Blöd-angequatscht-Werden („Sie sind doch die bekannte Schauspielerin?“) genauso dazugehört wie ein abgelegter Lover. Immer wieder wechselt die Perspektive abrupt in die heimatfilmartige Gebirgslandschaft, in der Verena rund um den Gasthof ihren von haushälterischen Tätigkeiten geprägten Alltag führt. In raren Momenten kann sie sich aus der Routine und der neugierigen Beobachtung ihres kleinen Sohns befreien, um sich mit dem (von Sebastian Koch gespielten) Landarzt zu treffen. Dann erleidet der Vater einen Herzinfarkt, und Sonia kommt für einige Zeit in die Heimat zurück, um mitzuhelfen und sich um den Vater zu kümmern.

Zu den vertrauten Themen Abschied von den Eltern und Rivalität von Lebensentwürfen kommt bei Spielmann das vertraute Terrain der Heimatfilmkulisse. In feinen Strichen bei der Charakterzeichnung und präzisen Entscheidungen der Kameraführung gelingt es dem Filmemacher jedoch, diese Vertrautheiten in das Gegenteil von Klischee zu verwandeln. Was Sonia und Verena im Verlauf von Oktober November durchmachen, bleibt nachvollziehbar und transparent und fesselt gleichzeitig mit Unausgesprochenem und mit Undurchsichtigkeiten.

Götz Spielmann betreibt keine Politik der radikalen Brüche, sondern eine der kleinen Unterschiede. Das Resultat aber kommt individueller daher als manche hochgelobte „neue Schule“.

Oktober November Götz Spielmann Österreich 2013, 114 Minuten

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 24/14.

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