Beaujolais nouveau. Schicksalsglaube & Liebe

Liebe Fragment aus dem Leben in einer Thüringer Stadt
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Fragt man in den meisten Ländern Europas nach dem Aberglauben, entsteht oft ein Gespräch voller Beispiele. Auch bei Skeptikern. Spätestens wenn man sich erkundigt, ob sie Glücksbringer in der Handtasche haben oder aufgefordert werden, den Schlüsselbund rauszuholen, wird es ihnen oft bewusst, dass sie abergläubisch sind.

Die meistens Menschen in Ostdeutschland scheinen jedoch anders zu sein. Sie sind nicht abergläubisch, religiös sowieso nicht. Die Statistik bestätigt die alltäglichen Eindrücke: Nirgendwo in Europa – sei es im Osten oder Westen – glaubt man weniger an höhere Mächte[1]. Auch wenn es Esoterik-Interessierte gibt, z.B. beim Yoga-Festival in Erfurt, ist ihre Zahl doch eher marginal. Umso frappierender ist es, dass man bei einer Sache schicksalsgläubig zu sein scheint, d.h. an die Macht einer höheren Kraft glaubt, die sich durch Vorzeichen manifestiert: in Sachen Liebe.

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Samstag abends in einem Erfurter Restaurant im November. Es ist ein besonderer Ort der Geselligkeit in der Altstadt. Mit französischer Musik und Küche pflegt es das „petit extra.“ Martina war gekommen, um dem Wirt und seiner Frau ihren neuen Freund vorzustellen, Hans-Peter. Soviel erfuhr ich, als ich Platz am Stammtisch nahm.

Die kleine versammelte Gesellschaft bestand aus den zwei Paaren, die schon mehrere Beziehungen hinter sich hatten. Über die oder den Ex wurde gesprochen, Fotos von ihnen und deren neuen Partnern rumgezeigt und es schien mir, als ob die Zeit anhand früherer Beziehungen gemessen wurde.

Wir tranken Beaujolais nouveau, den jungen französischen Wein, der üblicherweise jährlich im November getrunken wird, und plauderten. Weil Martina und ich lange mit dem Wirt befreundet waren, wunderten wir uns, dass wir uns noch nicht kannten. So suchten wir nach gemeinsamen Bekannten. Anhand von Kriterien – wie Beruf, Wohnort, geschätztes Alter des Gegenübers – fanden wir schnell einen. Martina machte ein Selfie von uns beiden und schickte es dem gemeinsamen Freund per SMS. Als er nicht gleich antwortete, vermutete sie: „Er hat vielleicht eine neue Freundin.“

Während Martina und die Frau des Wirtes redeten und dabei mit ihren Smartphones hantierten und der Wirt an einem anderen Tisch beschäftigt war, unterhielt ich mich mit dem neuen Schauobjekt. Hans-Peter, so stellte sich heraus, war nicht wie seine Begleiterin kunstmäßig unterwegs, sondern naturwissenschaftlich.

Als Hans-Peter auf Toilette verschwand, kam der Wirt dazu und Martina fragte neugierig in die Runde: „Na, wie findet ihr ihn?“ Bevor wir uns über den neuen Freund äußern konnten, kam er schon zurück. Schade, denn er war das Gesprächsthema des Abends, über das wir nicht sprechen konnten. Und Martina schien es daran zu liegen, nicht nur glücklich zu sein, sondern auch wissen zu wollen, dass sie es war. Mit der Ankunft Hans-Peters stockte das Gespräch. Man öffnete eine neue Flasche. Martina warf einen kurzen Blick auf ihr Telefon. Der gemeinsame Bekannte hatte noch nicht auf das Selfie reagiert. „Er hat bestimmt eine neue Freundin“, wiederholte sie.

Das Gespräch kam erst wieder in Gang, als das neue Paar über ihr erstes Treffen zu sprechen begann. Es fand im Thüringer Wald statt, an einem bekanntlich magischen Ort mit Cachet, der vielleicht die trockenen und formellen Kriterien ihrer Partnerbörse kompensieren sollte. Obwohl uns Details erspart blieben, muss es etwas unbeholfen gewesen sein. Das Wetter war schlecht, matschig; überhaupt war es kein besonderer Tag. Entgegen ihrer Erwartungen hatte er sich später gemeldet. Sie zeigte sich überrascht. Vor allem passte es astrologisch nicht. Ihr Ex war – wie Hans-Peter – Steinbock und es ging nicht gut aus... Als Martina das Thema ansprach, erzählten alle von ihren Sternzeichnen – samt Aszendenten – und zu wem sie passten. Auch Hans-Peter, der Naturwissenschaftler, gab zu, dass das erste Treffen unter keinem guten Stern stand.

Sozusagen über-dem-Schicksal-stehend ist das Paar noch zusammen. Wird die Beziehung tatsächlich halten? Hans-Peter ist zwar das, was man eine gute Partie nennen kann: Ein gebildeter, bereister, gepflegter, nicht rauchender Mann, den Martina ihren Freunden vorführen und mit dem sie zusammen in Urlaub fahren kann. Trotzdem lassen sich Vorzeichen – nicht nur astrologischer Natur – nicht übersehen. Weil sie verschiedene Berufe ausüben und andere Interesse hegen, ist man geneigt, zu fragen, worüber sie miteinander reden. Es schien Martina bewusst zu sein, als sie am Abend diesbezüglich widerholt kleine Witze machte, die eine gewisse Gereiztheit bei ihm auslösten. „Schon“, dachte ich mir.

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Wie der Beaujolais nouveau, den wir jedes Jahr aufs Neue trinken, ist Hans-Peter wahrscheinlich weder der erste noch der letzte neue Freund Martinas.

[1] Die Frage „Ich glaube nicht, dass es einen Gott, irgendein höheres Wesen oder eine geistige Macht gibt“ beantworteten 55% der Befragten in den neuen Ländern mit „ja“. Siehe Müller, Olaf (2014). „Religiöser Wandel in Ostmittel- und Osteuropa. Ein vergleichender Abriss der Entwicklung seit 1989/90.“ ThPQ 162: 232 [Quellen: 2006-1999].

17:08 11.06.2019
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