Das doppelte Handicap

Queer Auf die Bedürfnisse der homosexuellen und transsexuellen Flüchtlinge wird zu wenig geachtet
Bartholomäus von Laffert | Ausgabe 12/2016 2

„Meine Umgebung hat meine Seele in Schwarz gehüllt, so fühlt es sich an“, spricht Maggie in den Spiegel, auf den sie in arabischen Lettern „Widerstand“ gekritzelt hat. Die schwarze, perlenbehangene Burka hat sie tief ins Gesicht gezogen. Noch als die Worte im Saal des Gorkitheaters in Berlin verhallen, beginnt das Publikum zu klatschen. Maggie tanzt über die Bühne. Es sind Tonnen von Ballast, die in diesem Moment von ihren Schultern fallen. Die sie auf der Bühne abladen kann, indem sie ihren Leidensweg erzählt. Sieben Jahre des Versteckens, der Demütigung, des Kampfes. Sieben Jahre, seit sie ihre konservativ-religiöse Heimatstadt Tripoli im Norden des Libanons verlassen musste. Maggie hieß damals noch Majd. Und sie sah damals noch aus wie der Mann, der sie nie sein wollte. Maggie ist transsexuell – deshalb musste sie fliehen.

„Ich bin endlich angekommen. Hier kann ich die sein, die ich nie sein durfte“, sagt sie. Die junge Frau sein, die sich die Zöpfchen um die Finger wickelt und dabei Rauchringe durch die mit Lipgloss bemalten Lippen pustet. Die Maggie, die erst seit zehn Monaten in Deutschland ist, schon auf der Bühne des Gorki-Theaters auftritt und gerade erste Schauspiel-Angebote bekommt. Die auf der Berlinale mit Regisseur-Freunden über den roten Teppich spaziert, die sich noch immer nicht wohl fühlt im eigenen Körper, aber sagt: „In Deutschland kann ich endlich die Freiheit atmen.“

Drohungen, Beleidigungen

Deutschland, das Paradies für queere Flüchtlinge? So einfach ist es dann doch nicht. „Am Anfang dachte ich, Deutschland ist ein großer Fake“, erinnert sich Maggie. Am Anfang, das heißt, drei Monate nachdem sie am Lageso ihren Asylantrag eingereicht hatte. Damals wurde sie umverteilt von dem Erstaufnahmezentrum in Charlottenburg, wo sie ein Einzelzimmer bewohnen konnte, in eine Containerunterkunft am nördlichen Rande Berlins. Bunte Container, die wie Legotürmchen aufei-nandergestapelt wurden, in denen sich jeweils zwei Menschen ein Zimmer von 14 Quadratmetern teilen. 50 eine Gemeinschaftsküche, eine Gemeinschaftstoilette. Privatsphäre? Fehlanzeige. Eine Belastungsprobe für Geflüchtete, ein Albtraum, wenn sie homosexuell oder transsexuell sind.

„Ich wurde bedroht, ich wurde beleidigt“, erzählt Maggie „Es waren dieselben Beleidigungen, vor denen ich geflohen bin. Ich bin verrückt geworden.“ Die Sicherheitsleute patrouillierten alle halbe Stunde vor ihrem Zimmer. Sie hatte Angst vor den Gemeinschaftsduschen, Angst, das Zimmer zu verlassen. Die doppelte Diskriminierung: Flüchtling sein und trans sein. Maggie läuft weg. Einmal mehr. Seitdem zieht sie von einem Freund zum nächsten, von einer Couch zur anderen. „Nie wieder gehe ich dorthin zurück.“

„Die Unterbringung in Massenunterkünften macht es nahezu unmöglich, für die Sicherheit von LSBTI-Geflüchteten zu garantieren“, sagt Stephan Jäkel von der Schwulenberatung Berlin. Die Abkürzung LSBTI steht für lesbisch, schwul, bisexuell, trans und inter. Jäkel sagt: „Die Verhältnisse kann man mit überfüllten Gefängnissen vergleichen, in denen sich dann regelrechte Hierarchien herausbilden. LSBTI-Geflüchtete sind dabei besonders vielen Angriffen ausgesetzt.“ Jäkel ist Projektleiter der ersten Flüchtlingsunterkunft, die nur von LSBTI bewohnt wird. Ende Februar wurde die Unterkunft im Berliner Stadtteil Treptow eröffnet. 120 Menschen werden hier in Zukunft wohnen. Die ersten zehn sind bereits eingezogen.

„In den Gesichtern der Menschen war eine große Erleichterung zu sehen“, sagt Jäkel. Das Projekt war eine Reaktion darauf, dass sich zwischen September 2015 und Februar 2016 160 LSBTI bei der Anlaufstelle für queere Geflüchtete gemeldet hatten. Aber Segregation statt Integration – kann das die Lösung dieses Problems sein?

Maggies Fall und das Wohnprojekt der Schwulenberatung um Stephan Jäkel werfen grundsätzliche Fragen auf. Wie kann der deutsche Staat für die Sicherheit von LSBTI-Geflüchteten garantieren? Und: Wird mit den Geflüchteten, die vorwiegend aus dem arabischen Raum kommen, Homophobie importiert – und wenn ja, wie ist damit umzugehen?

„In vielen Herkunftsländern der Geflüchtete werden LSBTI gesellschaftlich stigmatisiert, kriminalisiert und ermordet. Mitunter wird gesellschaftliche Homo- und Transfeindlichkeit auch als Herrschaftsin-strument benutzt, um von anderen Themen abzulenken“, sagt Jäkel. Genau aus diesem Grund hat Maggie den Libanon verlassen. „Die Diskriminierung ist politisch institutionalisiert und entlädt sich auf der Straße“, sagt sie. Minderheitenrechte und Antidiskriminierungsgesetze für Homo- und Transsexuelle gibt es im Libanon nicht. Dafür eine Menge willkürlicher Gesetze, die es möglich machen, die sexuelle Orientierung zu kriminalisieren: So sind „widernatürliche“ sexuelle Beziehungen verboten. Maggie selbst saß sechs Tage in Untersuchungshaft, weil sie sich in einer Straßenkontrolle als Mädchen gekleidet mit männlichem Ausweis ausweisen musste. „Ausweisfälschung“ lautete die Anschuldigung. Freunde von ihr seien allein wegen der Homo-Dating-App Grindr auf ihrem Smartphone verurteilt worden, erzählt sie.

Ein Bildungsproblem

Nachdem Bilder von Maggie samt Klarnamen in einer Talkshow gezeigt wurden, wurde es für die damals 23-Jährige unerträglich. Sie entschloss sich, nach Istanbul zu fliehen. Später weiter über das Meer nach Europa. „Homophobie ist kein arabisches oder islamisches Problem. Homophobie ist ein Bildungsproblem“, sagt sie.Um dieses Problem zu lösen, brauche es Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung. Am besten in Form von Workshops in den Heimen. „Am Lageso bekommen Geflüchtete einen riesige Blättersalat mit Regeln und Verhaltensnormen in Deutschland. Über Homo- und Transsexuelle steht da nichts“, sagt Maggie.

Stephan Jäkel von der Schwulenberatung ist der gleichen Meinung: „Wir benötigen mehr Aufklärung über LSBTI-Lebensweisen bei den Mitarbeitenden in den Unterkünften, bei der Security, den Übersetzern und bei den Geflüchteten selbst.“ Diesem Problem stellt sich seit Ende Februar auch ein Internet-Angebot der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Auf der Webseite zanzu.de werden in zwölf verschiedenen Sprachen sexuelle Umgangsformen erklärt. Für all jene, die keinen Aufklärungsunterricht in der Schule hatten, und in deren Herkunftsstaaten Sex ein gesellschaftliches Tabu ist. „Vor allem zu uns geflüchtete Menschen, die noch nicht lange in Deutschland leben, erhalten hier einen diskreten und direkten Zugang zu Wissen in diesem Bereich“, sagt die Staatssekretärin im Bundesfamilienministerium Elke Ferner dazu.

Aber Stephan Jäkel warnt: „Wir können von den Geflüchteten nicht mehr verlangen als von der einheimischen Bevölkerung. Und Diskriminierung ist auch in Deutschland noch weit verbreitet.“ Der Umgang mit Geflüchteten ist in der deutschen LSBTI-Szene ein hitzig diskutiertes Thema. Viele haben sich im vergangenen halben Jahr mit Geflüchteten solidarisiert und geholfen. Auch weil sie Diskriminierung aus derselben Ecke ausgesetzt sind: dem konservativen bis rechten Milieu.

Es gibt aber auch die, die sich gegen Zuwanderung stellen. Die vor einem Homophobie-Import warnen. Die sich etwa in der schwulen Arbeitsgruppe in der AfD engagieren. Leute, deren Abneigung gegenüber Flüchtlingen die eigene Selbstwertschätzung zu überbieten scheint. Leute, die dann nämlich eine Partei wählen, deren Thüringer Fraktionsvorsitzender Sachen sagt wie: „Gender-Mainstreaming ist eine Geisteskrankheit.“ Und eine Partei, die in Baden-Württemberg in ihr Programm schreibt, alle nichtheterosexuellen Lebensformen seien „gesellschaftlich kaum relevante Konstellationen“. Stephan Jäkel kann bei so viel Zynismus nur fassungslos den Kopf schütteln: „Es ist bigott, wie Rechte und Konservative plötzlich ihr Herz für LSBTI zu finden scheinen. Viele benutzen sie aber nur für die Bestätigung ihrer fremdenfeindlichen Vorurteile.“

Am Ende sind es zwei Forderungen, die alle Geflüchteten, alle LSBTI in Deutschland und natürlich alle queeren Geflüchteten betreffen: die menschenwürdige Unterbringung von Flüchtlingen. „Ein dezentrales Konzept würde die Situation sehr entspannen“, sagt Jäkel. Und zweitens ein diskriminierungsfreies, aufgeklärtes Deutschland.

Maggie ist vor kurzem zum zweiten Mal im Gorki-Theater aufgetreten. Diesmal im Rahmen des Karnevals der Flüchtlinge. Und diesmal ganz in Weiß. „Die schwarze Hülle habe ich abgelegt, the spirit goes out“, sagt sie und lacht. „Jetzt brauche ich nur noch eine eigene Wohnung.“

06:00 30.03.2016

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