Bartholomäus von Laffert
Ausgabe 0616 | 15.02.2016 | 11:00 19

„Ein Verteilungskampf muss verhindert werden“

Interview Die Zuwanderung darf nicht für Lohndumping missbraucht werden, sagt der Gewerkschafter Dierk Hirschel

„Ein Verteilungskampf muss verhindert werden“

In vielen Branchen fehlen Fachkräfte: eine Chance für die vielen Neuankömmlinge

Foto: Joerg Koch/Getty Images

der Freitag: Herr Hirschel, vergangenes Jahr kamen über eine Million Flüchtlinge nach Deutschland. Auch wenn nicht alle eine Arbeitserlaubnis bekommen werden, ist doch jeder, der eine kriegt, ein potenzieller Konkurrent auf dem Arbeitsmarkt. Müssen deutsche Arbeitnehmer da Angst haben?

Dierk Hirschel: Nein, der deutsche Arbeitsmarkt ist im Moment in einer guten Verfassung. Wir haben einen Zuwachs offener Stellen, die Erwerbstätigkeit steigt, die Arbeitslosigkeit sinkt. In vielen Branchen fehlen Fachkräfte. Die Flüchtlinge, die jetzt kommen, sind zwar beruflich geringer qualifiziert, sie sind aber jung und verfügen über eine teils gute Schulausbildung.

Was muss da jetzt getan werden?

Wir müssen viel Geld in die Hand nehmen, um zu investieren. Jeder Euro, der jetzt in Flüchtlinge investiert wird, wird sich künftig mehrfach auszahlen. Die Bundesregierung ist da viel zu zaghaft. Ich erinnere daran, dass in der Finanzmarktkrise Geld plötzlich keine Rolle mehr gespielt hat. Damals floss ein dreistelliger Milliardenbetrag. Jetzt haben wir eine weltweite Flüchtlingskrise, und da darf Geld genauso wenig eine Rolle spielen. Wir brauchen zweistellige Milliardeninvestitionen in den sozialen Wohnungsbau, die Arbeitsmarktpolitik und die Bildung. Zudem braucht die öffentliche Verwaltung mehr Personal. Von diesen Investitionen profitieren nicht nur die Zuwanderer, sondern alle.

Gerade die öffentliche Verwaltung wurde in den vergangenen Jahren immer weiter abgebaut. Wieso soll sich das nun ändern?

Es ist ein großes Problem, dass die Kommunen seit 15 Jahren auf Verschleiß fahren. Es gab einen enormen Personalabbau und Investitionsstau. Jetzt kommen viele Menschen zusätzlich, die die Leistungen der Verwaltung in Anspruch nehmen werden. Das führt dazu, dass viele Städte und Gemeinden überfordert sind. Es gibt da nur einen Ausweg: Geld in die Hand nehmen, Zurückhaltung ist hier nicht angebracht.

Wo soll das Geld herkommen? Viele Steuerzahler haben Angst, die Flüchtlinge würden ihnen etwas wegnehmen ...

Entscheidend ist doch: Geld ist genug da. Ein gigantischer privater Reichtum steht öffentlicher Armut gegenüber. Deswegen sollten hohe Einkommen und Vermögen höher besteuert werden. Die Kommunen sind unterfinanziert. Wenn wir das ändern wollen, können wir natürlich kurzfristig höhere Schulden machen, wie das in der Finanzmarktkrise getan wurde, um Banken zu retten. Mittelfristig sind aber höhere Reichensteuern der bessere Weg.

Zur Person

Dierk Hirschel, Jahrgang 1970, ist seit 2010 Bereichsleiter Wirtschaftspolitik, Europa und Internationales der Gewerkschaft Verdi. Von 2003 bis 2010 war er Chefökonom des DGB

Für welche Branchen ist denn der Großteil der Flüchtlinge qualifiziert?

Zunächst werden viele Flüchtlinge in Branchen arbeiten, die Jobs für gering Qualifizierte anbieten: Wir reden über Gastronomie, Gebäudereinigung, Altenpflege, Einzelhandel. Also meist Bereiche, die auch geringer entlohnt werden.

In Ihrer Broschüre zum Thema finden sich Daten, wonach nach fünf Jahren 50 Prozent der Migranten Jobs haben, nach 15 Jahren 70 Prozent. Bleiben 30 für die Sozialkasse?

Diese Zahlen müssen wir relativieren. Die Altersstruktur hat sich geändert. Die Menschen, die jetzt zu uns kommen, sind deutlich jünger als die bereits bei uns lebenden Zuwanderer. Heute sind 80 Prozent der Zuwanderer unter 35 Jahre alt und 55 Prozent jünger als 25. Die Voraussetzungen sind heute besser. Die alten Integrationsergebnisse für den Arbeitsmarkt können wir also nicht so einfach fortschreiben.

Von Arbeitgeberseite wird der Ruf lauter, den Mindestlohn wieder aufzuheben, um Flüchtlingen den Einstieg zu ermöglichen.

Für uns als Gewerkschaft gilt es zu verhindern, dass Ausnahmen beim Mindestlohn gemacht werden. Ausnahmen sind ökonomisch unsinnig und politisch brandgefährlich. Eine neue Welle des Lohndumpings würde den Rechtsextremen in die Hände spielen, die das Sozialneid-Argument stark machen. Wir würden mit einer solchen Entscheidung dafür sorgen, dass das Klima in Deutschland weiter vergiftet wird. Es gibt aber keine gesellschaftliche Mehrheit dafür. Viele Unternehmer und Arbeitgeberverbände teilen die Auffassung der Gewerkschaften, dass es keine Ausnahmen für Flüchtlinge geben darf.

Ihre Gewerkschaft lebt von den Beiträgen Ihrer Mitglieder. Deshalb sind Ihnen deren Interessen doch näher als die anderer Arbeitnehmer. Und für Flüchtlinge sind Sie ja eigentlich nicht zuständig.

Wir kümmern uns um alle abhängig Beschäftigten. Für uns ist nicht entscheidend, woher jemand kommt, sondern dass er seine Arbeitskraft verkaufen muss. Wir versuchen deshalb zu verhindern, dass Arbeitnehmer gegeneinander ausgespielt werden. Bei entfesselter Lohnkonkurrenz verlieren am Ende alle. Das zu verhindern, kann aber nur gelingen, indem wir Flüchtlingen die gleichen Arbeitsrechte zugestehen wie den heimischen Arbeitnehmern. Was wir verhindern müssen, ist ein Verteilungskampf zwischen Geringverdienern, Hartz-IV-Empfängern und Langzeitarbeitslosen auf der einen Seite sowie Flüchtlingen auf der anderen.

Wie ist die Stimmung in der Gewerkschaft?

Wir sind optimistisch im Herzen und pessimistisch im Verstand. In einer Einheitsgewerkschaft spiegelt sich immer die ganze Gesellschaft wider. Die Stimmung variiert, je nach persönlicher Betroffenheit und politischer Haltung. Viele Gewerkschaftler engagieren sich ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit. Sie haben nicht vergessen, dass Gewerkschaftler hier auch einmal politisch verfolgt waren. Gleichzeitig haben viele Beschäftigte des öffentlichen Dienstes die Grenzen der Belastbarkeit erreicht. Da muss politisch gehandelt werden. Was uns eint, sind aber unser humanitäres Grundverständnis und unsere klare Kante gegen Rechtspopulisten und Neonazis.

Sie betonen den ökonomischen Nutzen. Wenn Flüchtlinge sich für eine Volkswirtschaft nicht lohnen würden, wäre das für Sie ein Argument für geschlossene Grenzen?

Nein, die Flüchtlingsfrage ist vor allem eine humanitäre Frage. Dennoch wird Deutschland von der Zuwanderung wirtschaftlich profitieren, wenn die Politik jetzt die richtigen Entscheidungen trifft.

Und wo ist da Schluss? Hat der deutsche Arbeitsmarkt eine Obergrenze?

Natürlich wäre es sinnvoll, eine europaweite, solidarische Lösung zu finden. Auf diese Weise auch die Belastung auf die Mitgliedsländer der Europäischen Union gerecht zu verteilen, wäre wünschenswert …

... aber entspricht nicht der Realität.

Stimmt, aber das Problem bei der nationalen Be-wältigung sind nicht die Flüchtlinge, sondern die finanziell ausgehungerten Kommunen. Klar gibt es faktische Grenzen für Integration. Aber es ist auch klar, dass, wenn Investitionen jetzt nicht getätigt werden, diese Grenze viel schneller erreicht wird.

Und die Grenze ist noch nicht erreicht?

Nein.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 06/16.

Kommentare (19)

Reinhold Schramm 15.02.2016 | 12:07

Zum Verteilungsk(r)ampf:

Der Verteilungskampf -- nach unten -- verschärft sich weiterhin!

Ein Verteilungskampf findet bereits seit vielen Jahren statt und wird sich in Zukunft noch weiter verschärfen.

Mein persönliches Beispiel:

Im zeitlich befristeten Arbeitsvertrag am Martin-Gropius-Bau Berlin, hatte ich 2004/05 einen Brutto-Stundenlohn von 14 Euro. Dieser vertraglich mit der KBB-Personalstelle vereinbarte Stundenlohn lag bereits bei nur 62 % des zuvor mit dem damaligen und heutigen MGB-Direktor mündlich vereinbarten Arbeitslohns.

Nach dem Ende meines Zeitvertrags mit der KBB-MGB Berlin, lag mein monatliches ALG I. bei Netto: 982 Euro.

Im 56. Lebensjahr, noch im ALG I, nach 35 Vollzeitarbeitsjahren, bekam ich im Frühjahr 2006 von der zuständigen BA-Beamtin ein "unbefristetes" Arbeitsplatzangebot für eine Berufstätigkeit als Tischlermeister und Projetleiter [für öffentliche Aufträge], bei der Firma BITAN in Berlin Tempelhof-Lichtenrade.

Die Bezahlung in Vollzeit [40 Std.-Wo.] lag hierfür, beim staatlich geförderten BITAN, nur bei mtl. Brutto: 1200 Euro, bzw. mtl. Netto: 850 Euro. *

* [Zuletzt hatte ich bei der KBB im MGB, als zeitlich befristeter Techn. Mitarbeiter und Handwerksmeister -- im 55. Lebensjahr, bereits in vorsätzlicher Unterbezahlung durch den KBB, ein Brutto-Arbeitslohn von nur mtl. ca. 2400 Euro (= nur 62 % des Lohns der ursprünglichen mündlichen Vereinbarung mit dem MGB-Direktor.]

Auf meine Nachfrage bei der BA-Arbeitsagentur hin, wegen der extrem geringen Bezahlung, bekam ich von der zuständigen BA-Beamtin [könnte auch ein Beamter sein] die Mitteilung:

"Sie können dort bis zur Rente arbeiten", und "Sie können einen Antrag stellen (für diese Vollzeitarbeit als älterer Meister und Projektleiter) und Aufstockung beantragen." [Sinngemäß]

So bereits auch schon die ungeschminkte Realität, vor allem auch für gut qualifizierte ältere Arbeitskräfte, im Jahr 2006.

[-- so auch weiterhin stets ungeschminkt, gegen alle Behördenleugnung.]

na64 15.02.2016 | 12:10

Ich kann mir mit Geld kein Vertrauen erkaufen. Arbeitsverhältnisse sind auch ein Akt des Vertrauens zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer und in vielen Arbeitsbereichen gibt es kein Vertrauen mehr. Da existiert nur Nutzen, Kosten und kurzfristige gewinnbringende Einsätze für eine Bereitschaft zu einer Anstellung. Das zeigt dann, dass die Realität anders verlaufen wird, wie hier im Interview gewünscht wird.

luzie 15.02.2016 | 12:22

Über sieses Thema kann man Romane schreiben oder auch nicht. Die Politik in Deutschland ist so durchsichtig geworden, allein der Glaube, der Mut dieses Regime zu durchschauen fehlt 80% der Bevölkerung. Ich möchte sagen dass dies alles so geplant war, Frau Merkel würde nie so einen Flüchtligsstrom zulassen wenn sie nichts davon hätte. An humane Motivation glaube ich bei dieser Regierung ganz sicher nicht. Es sind rein Machtpolitische Motive. Da kann man den Kontext der Reportage noch so lang zerreden. Es ist nur Politik und Ausbeutung durch Politiker, per Hilfesuchender und noch mehr des eigenen Volkes.

luzie 15.02.2016 | 12:22

Über sieses Thema kann man Romane schreiben oder auch nicht. Die Politik in Deutschland ist so durchsichtig geworden, allein der Glaube, der Mut dieses Regime zu durchschauen fehlt 80% der Bevölkerung. Ich möchte sagen dass dies alles so geplant war, Frau Merkel würde nie so einen Flüchtligsstrom zulassen wenn sie nichts davon hätte. An humane Motivation glaube ich bei dieser Regierung ganz sicher nicht. Es sind rein Machtpolitische Motive. Da kann man den Kontext der Reportage noch so lang zerreden. Es ist nur Politik und Ausbeutung durch Politiker, per Hilfesuchender und noch mehr des eigenen Volkes.

luzie 15.02.2016 | 12:23

Über sieses Thema kann man Romane schreiben oder auch nicht. Die Politik in Deutschland ist so durchsichtig geworden, allein der Glaube, der Mut dieses Regime zu durchschauen fehlt 80% der Bevölkerung. Ich möchte sagen dass dies alles so geplant war, Frau Merkel würde nie so einen Flüchtligsstrom zulassen wenn sie nichts davon hätte. An humane Motivation glaube ich bei dieser Regierung ganz sicher nicht. Es sind rein Machtpolitische Motive. Da kann man den Kontext der Reportage noch so lang zerreden. Es ist nur Politik und Ausbeutung durch Politiker, per Hilfesuchender und noch mehr des eigenen Volkes.

gelse 15.02.2016 | 13:10

Dass Flüchtlinge als Lohnkonkurrenz benützt werden sollen war ja schon im vergangen Jahr klar. Von den Wirtschaftsverbänden war nie etwas Anderes zu hören, oder glaubt jemand ernsthaft, "unsere" Oligarchen würden ganz ohne Profitabsicht Kriegsflüchtlingen Asyl bieten wollen?
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>>Deswegen sollten hohe Einkommen und Vermögen höher besteuert werden.<<
Das hab ich schon öfter gehört & gelesen: Nur ist das eben ohne grundlegende Änderung der Machtverhältnisse nicht erreichbar.

Schäuble hat schon angekündigt, dass Steuererhöhungen notwendig sein werden.
>>Ich erinnere daran, dass in der Finanzmarktkrise Geld plötzlich keine Rolle mehr gespielt hat. Damals floss ein dreistelliger Milliardenbetrag.<<
Ja. Unmittelbar danach wurde die Mehrwertsteuer um 3 % erhöht. Jetzt sind also die nächsten 3 % fällig, denn: Die Reichen geben halt nichts her, man müsste es ihnen schon mit Gewalt nehmen.

denkzone8 15.02.2016 | 13:42

schon die überschrift macht mutlos/kotzen: statt: den verteilungskampf jetzt organisieren! dieses......und weiter:

"wir müssen jetzt viel geld in die hand nehmen und investieren..."

ja gehts noch? "das wir entscheidet!"?

"wird sich künftig mehrfach auszahlen". prima, gewinne!!! für wen? leben wir im genossen-schafts-sozialismus oder wenigstens auf der gewerkschafts-kapital-dominierten sonnen-seite der privat-kapital-abgewandten seite der erde?

"von diesen investitionen profitieren(!) nicht nur zuwanderer, sondern alle."

und, aufgrund der aktuellen marktlage, nicht überstürzen: "mittelfristig sind aber höhere reichensteuern der richtige weg."

= da die reichen erfolg-reich sind im nutzen von gelegenheiten,werden sie diesen weg schon alleine finden, da brauchts keinen großen (nach-)druck.....jetzt muß ich aber erst mal kurz zum eimer...

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Ehemaliger Nutzer 15.02.2016 | 15:02

Jeder Euro, der jetzt in Flüchtlinge investiert wird, wird sich künftig mehrfach auszahlen.

Was für eine widerwärtige Haltung. Als wären Menschen Nutzvieh, die sich Zeit ihres Lebens zu amortisieren hätten.

Und überhaupt VERDI und der DGB, die die neoliberale Zurichtung der BRD partnerschaftlich mit ROTGRÜN mitgestaltete haben. Erinnert sich einer an irgend so was wie Widerstand gegen HIV? Aber hetzen gegen die kämpferische GDL, die ihnen gezeigt hat, wie man es machen muss.

Der große Dauervorsitzende von Verdi trägt als ewiges Vorstandsmitglied der GRÜNEN auch unmittelbare Verantwortung, er ganz persönlich!

Außerdem will ich von der Gewerkschaft nicht wissen, was ihrer Meinung nach zu passieren habe, sondern, was sie tun werden. Aber ich verrate es euch. Das Gleiche wie immer: Reden und Beten.

Außerdem steht wieder alles Falsche, Ausgedachte und Erlogene im Text. Fachkräftemangel zum Beispiel.

Aber was ist zu sagen. Es wird erhebliche Kosten geben, die ausschließlich von denen getragen werden müssen, die eigentlich von den Gewerkschaften zu schützen wären. Schon heute zum Beispiel werden die Kosten der medizinischen Behandlung ausschließlich von den gesetzlich Versicherten gezahlt.

Die Gewinne kassieren andere: Mehr Konsum, Lohndumping, Erhöhung der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt. Und Gewerkschaften, die das gleiche machen wie immer in den letzten Jahren - verfickte Phrasen dreschen.

In den Arbeitgeberverbänden tanzen die auf dem Tisch, wenn die so was lesen. Dann wissen sie, es läuft mal wieder ausgezeichnet - für sie.

McCormick 15.02.2016 | 15:44

Ich frage mich was der Grund für den Vorstoß war, den Mindestlohn bei Flüchtlingen auszusetzen?

Ein solcher Beschluss nur Wochen vor den Landtagswahlen, würde die menschen zu Scharren die Arme der AFD treiben.

Nein dieser Vorschlag war nicht ernstgemeint und das Veto der SPD war einkalkuliert, wenn nicht gar abgesprochen. Was ist dann der Grund?

Ein Testballon, oder soll vielleicht sogar die Bevölkerung auf einen späteren Beschluss langsam vorbereiten?

Oder geht es um eine neue Verschärfung der Asylgesetzgebung? Und der Mindestlohnvorstoß soll den SPD-Rechten in die Karten spielen. Schließlich kann die nun zu den SPD-Linken sagen: Schaut, es gab zwar eine weitere Verschärfung aber dafür sind wir beim Mindestlohn standhaft geblieben?

Nur eins scheint sicher: Das gesellschaftliche Klima in diesen Lande wird immer rauer und kälter und dieser Prozess hat im letzen jahr nochmal eine erschreckende Dynamik bekommen

Nordlicht 15.02.2016 | 16:36

Ja, liebe Kommentarschreiber, da möchte man doch wirklich heftig mit den Füssen aufstampfen und eine Revolution ausrufen, aber wohin soll es gehen? Irgendwie soll alles gerechter sein, aber die Behaglichkeit darf nicht leiden.

Revolutionen haben sich ja eigentlich nie als wirklich nachhaltig herausgestellt, und die Kollateralschaden waren stets beträchtlich.

Trotz allem Geklapper mit dem Wort "Neoliberalismus" ist weder ein revolutionäre Situation für eine linke Revolution da, noch nicht einmal ein Anlass vorhanden. Mit dem Kapitalismus in der deutschen Ausprägung geht es dem Volke im Mittel doch gut.

Und die Empörungen, dass es den Regierenden nur um die Macht ginge, den Arbeitgebern um den Profit, und die hier eingereisten Migranten den Mindestlohn unterbieten helfen. Ja was denn sonst? Glaubt Ihr denn, dass mehr als 1 Mio. Aufstiegswillige eine Arbeit sausen lassen werden, bei der nur mit 6 € stdl. auf die Hand (ohne Karte) geboten werden? Ja, wer hat denn den Zuzug so romantisch beklatscht?

Und dann dieser PR-Gewerkschaftler: Was ist denn mit der Solidarität der Mitglieder gegenüber Arbeitslosen? der Bandarbeiter mit Festanstellung gegenüber den Leiharbeitern neben ihm? Da entsolidarisiert man sich nicht nur individuell schnell, da halten auch die Gewerkschaften zu ihrer zahlenden Stammbelegschaft.

Und dann diese Vernebelungen:

Frage: "Was muss da jetzt getan werden?" (Das nenne ich "täterloses Passiv": Ein klar denkender Journalist müsste fragen Wer soll was konkret tun, und wer wird es bezahlen?)

Antwort: "Wir müssen viel Geld in die Hand nehmen, um zu investieren." (Ja, wer ist den "Wir"? Doch nicht die eigenen Gewerkschaftskassen? "Wir" als der Staat, der schon lange die mittleren Einkommen schröpft mit der Steuerprogression und ungleich getragenen Krankenkassenbeiträgen.

Und sagt nun nicht wieder "die Reichen". Denn die könnten sich davon machen in eine schönes und sicheres Land, wenn sie nicht genug Steuerschlupflöcher hier geboten bekämen.

Aber noch ist hier Alles gut, so viel Wohlstand war hier vorher nie, und die Immigranten werden wir teils integrieren, teils unfair ausnutzen und teils abschieben.

Also Business as usual? Oder?

denkzone8 15.02.2016 | 21:39

"entfesselte lohn-konkurrenz vermeiden,

indem wir flüchtlingen die gleichen arbeitsrechte wie den einheimischen zugestehen".

das ist ein wort, auf das das afd-umfeld gewartet hat. von da sind sicher keine beitritte zu erwarten.

die gewerkschafts-mitgliedschaft= ein abbild der gesellschaft? warten sie ab, wie es nach zeitnahen aus-tritten aus-sieht.

diese "klare-kante-politik" wird die einheits-gewerkschaften zerlegen, weil sie die real-existierende gesellschaft nach ihren aparten ideen neu erfinden will.

aber wer sagt denn, daß die agonie(absterbens-phase) der lern-unfähigen arbeits-kräfte-institutionen nicht durch auf-flackernde pseudo-hoffnungen und selbst-überschätzung durchbrochen sein könnten?

ein bißchen tröstend wärs schon, wenn dieser kamerad hirschel kontra aus eigenen reihen ernten könnte.

rita 16.02.2016 | 09:40

Gerade nach Schröder müsste man genau hinsehen und "wem nutzt das" nachdenken. Was diese Regierung verzapft nutzt dem Volk in keinem Fall. Was Nachdenker schon 2000 gesagt haben stimmt. Wir sind im Mittelalter (Regierungsideologisch) gelandet und werden von elitärem Raubritterkapitalisten regiert. Wo auch immer die im Westen sitzen.

Comparse 16.02.2016 | 11:27

Die Weichen für diesen stärker werdenden Verteilungskampf wurden schon längst gestellt.

Wir vergessen nicht, dass sich die Arbeitgeber (laut Marx sind sie tatsächlich die Arbeitnehmer, die sich die Arbeit zu Profitzwecken aneignen) beizeiten bei den Krankenversicherungsbeiträgen in der Form verabschiedet haben, dass man ihre Beiträge gedeckelt und den nun stetig ansteigenden Rest auf die Arbeitnehmer abwälzt.

Reinhold Schramm 16.02.2016 | 16:15

Richtig! Die Unternehmer waren stets die Nehmer [objektiv: Arbeitnehmer]. Diese objektive Wahrheit wird vom akademischen Personal der Bourgeoisie und Aktionäre, ebenso im privaten und staatlichen Ver-Bildungssystem der BRD und EU, einschließlich deren Hochschulen und Universitäten etc., weiterhin erfolgreich unterschlagen! So aber auch von den rechts-sozialdemokratischen, wirtschafts-liberalen und häufig auch noch gut-geschmierten höheren Gewerkschafts- und DGB-Funktionären!

R.S.: Gewerkschafter seit 47 Jahren.

denkzone8 16.02.2016 | 19:19

ohne das zynisch behaglichkeits-bedürnisse vorwerfen, könnte ihre funzel zum licht werden.

wenn es dem kamin-feuer "im mittel doch gut" geht, heißt das nicht, daß es die weiter herum-sitzenden wärmt.

die desolate(traurig-vereinsamte) ausgangs-lage für widerstand bei re-nationalisierter wut-politik und ent-politisierter hoffnungs-verblendung legitimiert keinen zynismus der indifferenten art. ob die an anpassung gewöhnten geschäfte- und politik-macher weiter unbehelligt bleiben - bei" täterlosem passiv"(respekt) - sollten wir nicht abgemacht sein lassen. oder?

Nordlicht 18.02.2016 | 06:28

Auf Ihr "Oder?" ein NEIN. Nicht es so lassen.

Aber: Mir sind alle einfachen Lösungen durch -ismen suspekt. Und auf den Kapitalismus nur einzuschlagen, ist dumm. Der freie Markt hat für Vieles selbst-erganisierend intelligente Lösungen.

Also: Unter die Kandarae nehmen. "Free merket is a good slave but a bad master." (Ich weiss, nicht pc.)