„Europa kann das gar nicht allein lösen“

Interview Der Kriminologe Andrea Di Nicola warnt die EU davor, einfache Lösungen fürs Schlepperwesen zu versprechen
Bartholomäus von Laffert | Ausgabe 36/2015 1
„Europa kann das gar nicht allein lösen“
„Die Leute, die hier verhaftet werden, sind nur kleine Fische“, meint Di Nicola

Foto: Achilleas Zavallis/AFP/Getty Images

der Freitag: Herr Di Nicola, Sie haben jahrelang zum Schlepperwesen und Menschenhandel recherchiert. Welche Arten von Schleppern unterscheiden Sie?

Andrea Di Nicola: Wenn man es stark vereinfachen will, kann man es auf zwei Arten runterbrechen. Die Amateur-Schlepper, die den Job einmal machen und danach mit dem Geld abhauen. Und die, die ein professionelles Business betreiben und sich eigentlich – wertfrei formuliert – als Dienstleister verstehen. Erstere sind meistens vertraglich an die Profis angeschlossen. Sie machen das, weil sie ein Auto, einen Lastwagen oder ein Fischerboot haben und dringend Geld brauchen. Sie sind es auch meistens, die von der Polizei geschnappt werden.

Wie sind die Organisationen aufgebaut?

Das ist unterschiedlich. Es gibt Leute, die arbeiten allein. In Italien haben wir einen Pakistaner interviewt, der allein jedes Jahr 600 Menschen ins Land holt. In Nordafrika und in Libyen sind die Schlepper-Organisationen in den Händen einzelner Stämme. Das sind richtige Firmen mit über 100 Leuten, Recruiter, Schiffer, Banker.

Gibt es Konkurrenz zwischen den Gruppen?

Das Geschäft mit dem europäischen Traum bietet Platz für jeden. So viele Menschen wollen hierherkommen, dass es den Schleppern an Nachschub kaum mangelt. Es gibt auch Wettbewerb, teilweise werden die Preise gedrückt. Häufiger aber bilden die einzelnen Organisationen Allianzen. Wie in der legalen Wirtschaft auch sind viele Unternehmen aneinandergeknüpft.

Zur Person

Andrea Di Nicola, 41, ist Professor für Kriminologie an der Universität Trient. Er veröffentlichte mit Giampaolo Musumeci Bekenntnisse eines Menschenhändlers – Das Milliardengeschäft mit den Flüchtlingen (Antje-Kunstmann-Verlag)

Foto: Getty Images

Nicht jeder kann alles gleich gut.

Auf diesem Markt sind unterschiedliche Fähigkeiten vonnöten. Es gilt viele Grenzen zu überqueren – du musst Leute bestechen und Ausweisdokumente fälschen. Diese unterschiedlichen Fähigkeiten werden von verschiedenen Gruppen entlang der Route bereitgestellt, die eng zusammenarbeiten.

Aus welchen Ländern kommen die Schlepper?

Es gibt viele syrische, pakistanische, libysche und afghanische Organisationen. Natürlich auch welche aus Afrika und Osteuropa. Das Schlepperwesen ist ein sehr ethnisches Business. Das heißt, dass meist Leute mit gleicher Nationalität beziehungsweise aus der gleichen ethnischen Gruppe zusammenarbeiten. Auch ihre Kunden sind normalerweise gleicher Herkunft. Syrer schmuggeln Syrer. Pakistaner schmuggeln Pakistaner. Das liegt an der Kultur, an der Sprache und vor allem am Vertrauen.

Wie viel Geld machen die Schlepper im Jahr?

Das ist schwer zu sagen, da ja eigentlich keine Bezahlung registriert wird. In der Türkei haben wir einen Schlepper getroffen, der hat in nur einem Jahr sechs bis sieben Millionen Euro gemacht, indem er alte Frachter von Mersin in der Türkei nach Italien geschickt hat. Wenn jetzt, wie im vergangenen Jahr, 300.000 Leute versuchen übers Mittelmeer zu fliehen und wir rechnen einmal mit 2.000 Euro pro Person, sind das immerhin 600 Millionen Euro allein auf dem Seeweg.

Wie reagieren Schlepper auf sich ständig ändernde Gesetze und Gegebenheiten, wie die Sicherung der Außengrenzen?

Schlepper finden immer Schlupflöcher, selbst wenn wir denken, dass alles blockiert ist. In Kairo haben wir einen Schlepper getroffen, der Englisch, Französisch, Deutsch und alle arabischen Dialekte sprach. Er hatte immer sieben Zeitungen aus verschiedenen europäischen Städten da-bei, um die aktuellen Umstände im Blick zu behalten.

Und was hält er von den Ankündigungen der EU, den Schleppern das Handwerk legen zu wollen?

Er hat über Europa gelacht und gesagt: „Lasst uns doch einfach in Ruhe, ihr bekommt uns sowieso nicht. Ihr hattet eure Chancen und seid kläglich gescheitert. Schließt eure Grenzen, aber glaubt nicht, dass wir deswegen nicht mehr reinkommen.“ Die Schlepper sind den Ermittlern gedanklich immer einen Schritt voraus.

Haben Sie dafür noch ein Beispiel?

Für unser Buch haben wir in Italien einen Schlepper getroffen, der sich Kabir nennt. Er hat sich darauf spezialisiert, Pakistaner aus dem Grenzgebiet von Afghanistan zu schmuggeln, die wie Afghanen Paschtun sprechen. Kabir ist in Italien und besticht dort meistens Landwirte, dass sie seine pakistanischen Bekannten für drei Monate einstellen. Dafür erhält der Landwirt ein paar tausend Euro. Der Pakistaner kommt mit legalen Papieren und Arbeitsvertrag nach Italien, fährt weiter nach Deutschland, wirft da seine Papiere weg, gibt an, aus Afghanistan zu kommen – und seinem Asylantrag wird stattgegeben. Wir reden hier nicht von Booten und Fake-Ausweisen, wir reden hier von hunderten Menschen, die Jahr für Jahr quasi legal eingeschleust werden.

Was macht die EU bei der Schlepperbekämpfung falsch?

Es ist ein Problem, das Europa nicht allein lösen kann. Den Ermittlern der EU können wir keine Vorwürfe machen. Die Leute, die festgesetzt werden, sind nur kleine Fische. Die Hintermänner sitzen oft in Staaten wie Syrien, Libyen, Afghanistan oder Nigeria. Das sind Länder, die entweder gar keine funktionierende Regierung mehr haben oder so viele andere Probleme, dass die Schlepper-Bekämpfung dort die unterste Priorität hat. Was wir brauchen, ist eine bessere Kooperation und mehr Vertrauen zu betroffenen Staaten, mit denen sich arbeiten lässt: mit Marokko, Ägypten, der Türkei.

Aber was muss Europa selbst anders machen?

Ich bin nicht so naiv und sage, wir müssen unsere Außengrenzen öffnen. Aber in den europäischen Verträgen steht der Schutz der Menschenrechte an oberster Stelle und auch, dass wir unsere Türen für Schutzsuchende öffnen. Jetzt frage ich mich nur: Warum muss ein Syrer, der hier so oder so Asyl bekommt, auf dem Weg hierhin sein Leben riskieren und tausende Euro an kriminelle Organisationen bezahlen? Wenn das schon menschlich kein Argument ist, dann sollte man doch wenigstens den ökonomischen Nutzen in Betracht ziehen. Es ist ein immenser Berg an Geld, der der europäischen Wirtschaft verloren geht und die Sicherheit bedroht. Milliarden landen jährlich in Geldwäschereien und Schwarzmärkten, aus denen sich nicht zuletzt Terrorismus finanziert.

Wie sehen Sie Ideen wie die Bombardierung von Schlepperbooten, die die EU im April vorgelegt hat?

Das ist leeres Gerede. Wir müssen realisieren, dass der Weg, wie wir Legislative und Administrative in Europa gestalten, direkten Einfluss darauf hat, wie die Leute zu uns kommen. Nicht ob sie kommen. Kommen werden sie sowieso. Um das Problem zu bewältigen, müssten wir langfristig die Verteilung von Reichtum und Wohlstand weltweit ändern. Solange müssen wir versuchen, kleine Dinge zu ändern, die den Schleppern das Leben schwerer machen: Eine legale Einreise für syrische Flüchtlinge beispielsweise.

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06:00 14.10.2015

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