Fahrstuhl zum Schafott

Psychologie Der Aufzug als Ort der Freude? So zeigt es ein virales Video. Es ist reines Blendwerk
Bartholomäus von Laffert | Ausgabe 06/2016 1

Witzig! Dachten sich vergangene Woche mehr als sechs Millionen Youtube-Nutzer, als sie den Videoclip von der Verabschiedung des Vize-Sheriffs von El Paso im US-Bundesstaat Colorado guckten. Ein dicker Mann mit weißem Schnauzer und knallorange Hemd, der seine Hüften zu Hip-Hop-Beats schwingt. Ein Cop macht Party, in einem Aufzug. Witzig? Nicht für mich. Aufzüge mögen alles sein, aber bestimmt kein place to be. Und schon gar nicht witzig.

Schon als Kind habe ich mir beim Aufzugfahren Gedanken gemacht. Nicht wegen der Äußerlichkeiten, den mal gläsernen, mal metallenen Wänden, deren Duftnote von Urin bis zum Krankenhausflur reicht. Viel verrückter ist, was diese Maschine mit all jenen Menschen macht, die sie verschluckt. Kollektive Anspannung, wenn die Türen schließen. Der Versuch, sich möglichst schnell ins Freie zu drücken, wenn sie sich einen Spalt weit öffnen. Schnappatmend. Das nervöse Suchen nach Fixpunkten, an denen man den Blick für die nächsten 17,52 Sekunden festnageln kann. Zu wenig Zeit, um ein Gespräch anzufangen. Zu viel, um nichts zu sagen. Zu wenig Platz, um nicht unweigerlich intim zu werden. Deshalb lieber: kollektive Beschämtheit.

So ähnlich habe ich mir das damals im Garten Eden vorgestellt. Adam und Eva naschen vom Baum der Erkenntnis, erkennen ihre Nacktheit, und zack: Rot vor Scham, die Blicke irren nervös umher. Auch im Fahrstuhl gilt es, den direkten Augenkontakt unbedingt zu vermeiden. Ein bisschen nackt ist im Fahrstuhl ja jeder. Nackt und ausgeliefert. Da kannst du im richtigen Leben, also außerhalb des Fahrstuhls, ein noch so dickes Auto fahren oder Millionen besitzen. Im Fahrstuhl hilft das nichts, hier werden soziale Hierarchien schlagartig nivelliert. Alle Uhren auf Null. Alle nackt. Alle voller Angst.

Aufzug-Urangst, sozusagen. Davor ist keiner gefeit. Was passiert, wenn die Stricke reißen und das Ding mit 100 Sachen in den Abgrund stürzt? Oder was, wenn der Aufzug stecken bleibt? Ich muss bei dem Gedanken immer ein wenig schmunzeln, mustere daraufhin meine Mitfahrer und überlege mir, wer wohl wen als Erstes aufessen würde, sollte es wirklich hart auf hart kommen. Ich grusle mich dann stets ein bisschen vor mir selbst. Aber so was kommt ja auch nicht von ungefähr. Denn inzwischen habe ich so einen Verdacht geschöpft. Hinter alldem steckt Konzept. Was auch immer es da draußen für eine höhere Macht gibt, die uns zu kontrollieren versucht – sie hat es auf Aufzüge abgesehen. Und zwar, um uns kleinzuhalten. 17,52 Sekunden am Tag zeigen, wie verwundbar und anfällig wir doch sind. Und um uns das immer wieder vor Augen zu führen, ganz groß auf der Kinoleinwand, hat Hollywood geradezu einen Fetisch für Fahrstühle entwickelt. Da bin ich mir sicher.

In Hollywood-Filmen ist das nicht so wie in dem Sheriff-Video, dass dich da einer mit deinen Sorgen abholt, an die Hand nimmt und sagt: „Du, guck mal, Aufzugfahren kann auch witzig sein, da musst du echt keine Angst haben.“ Nein, da schießt eine Flut von Blut aus dem Aufzugschacht und zieht dir die Beine weg (Shining). Da öffnen sich die Türen im Kellergeschoss, und du wirst von einer Horde Monster in Stücke gerissen (Cabin in the Woods). Da zieht dein Kabinenkollege die Knarre und bläst dir die Rübe weg (Stirb langsam; Departed). Da werden die Halterungen gesprengt (Speed), und dann toi, toi, toi. Wer findet das jetzt noch witzig?

06:00 24.02.2016

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