„Sie haben uns im Stich gelassen“

Interview Der syrische Autor Sami Alkayial über Trumps Angriff, das Versagen der internationalen Linken und Wege aus dem Bürgerkrieg
„Sie haben uns im Stich gelassen“
"Die Gewalt hat der Revolution das Rückgrat gebrochen"
Bild: Dimitar Dilkoff/AFP/Getty Images
Sami Alkayial

Als im März 2011 in Syrien die Proteste gegen den Machthaber Bashar al-Assad begannen, besuchte Sami Alkayial gerade seine Schwester in Berlin. Damals hätte er nicht gedacht, dass ihn der Krieg in Syrien vier Jahre später wieder nach Deutschland zurückbringen würde. Sami Alkayial lebt heute in Potsdam und ist Autor, Journalist und Marxist. In Syrien schrieb er unter anderem für die marxistische Wochenzeitung Kassioun-Paper, in der türkisch-syrischen Grenzstadt Gaziantep gründete er zusammen mit geflüchteten Kollegen die oppositionelle Zeitung Sham-Journal. Er ist Ko-Autor des Buches Faktoren des zivilen Friedens und Konflikts in Syrien, in dem er die Anfänge der syrischen Revolution beschreibt (Das Buch ist bislang nur auf Arabisch erschienen). Zuletzt veröffentlichte die Rosa-Luxemburg-Stiftung seinen Essay Der Krieg in Syrien und die Krise der linken Traditionen.

Herr Alkayial, nach dem Giftgasangriff in Khan Sheikoun mit 86 Toten am Dienstag hat US-Präsident Donald Trump Raketen auf einen syrischen Militärstützpunkt feuern lassen. War die Entscheidung richtig?

Ich glaube kaum, dass Trumps Angriff auf den syrischen Luftwaffenstützpunkt den Kriegsverlauf in Syrien maßgeblich beeinflussen wird. Es ist mehr ein symbolischer Akt, der uns daran erinnern soll, dass die USA auch noch da sind. Ich halte nichts von einer Solo-Intervention der USA in Syrien. Was es braucht, ist eine internationale Kollaboration. Und weil die UN dazu nicht in der Lage ist, müssen sich die EU, die Arabische Liga und die USA zusammenschließen und handeln.

Sie fordern also eine Intervention eines internationalen Bündnisses in Syrien. Welches Ziel soll ein solches Eingreifen haben?

Ich unterstütze alles, was das Töten von Zivilisten verhindert. Aber die UN hätte schon viel früher eine No-Fly-Zone und Schutzzonen für Zivilisten einrichten müssen, um die Menschen vor den Angriffen durch Assad und seinen Verbündeten zu schützen. Im besten Fall wird Assad abgesetzt und Syrien unter UN-Verwaltung gestellt. Wir Syrer sind derzeit nicht fähig, eine Regierung zu stellen. Daher ist es absurd, an der Überzeugung festzuhalten, dass die staatliche Souveränität hier das höchste Gut ist. Was wir jetzt brauchen, ist der Internationale Schutz durch die UN – bis wir wieder in der Lage sind, uns selbst zu verwalten. Das schlimmste Szenario wäre, dass es weitergeht wie bisher: ergebnisoffene Friedensgespräche, während das Regime weiter Menschen ermordet.

In Syrien ist es nach sechs Jahren noch immer nicht gelungen, den Machthaber zu stürzen, obwohl die Revolution in Tunesien und Ägypten nur wenige Wochen gedauert hat. Was haben die Syrer falsch gemacht?

Das Traurige ist, dass wir es nicht besser hätten machen können. Das Unterfangen war von Anfang zum Scheitern verdammt. In Tunesien und Ägypten hatten die Machthaber den Menschen gewisse Freiheiten gewährt. Sie konnten etwa Gewerkschaften gründen, und das Militär war eine eigene Macht, eine Kontrollinstanz für die Regierung. Dieser Staatsaufbau machte es möglich, dass der Kopf des Systems geopfert werden konnte, ohne das System tiefergehend zu verändern. In Syrien sind Kopf und Körper des Systems eins. Es kann keinen Regimewechsel ohne Systemwechsel geben.

Glauben sie noch an die Revolution?

Nein. Zwei Dinge haben der Revolution das Rückgrat gebrochen. Zum einen Assad und die entfesselte Gewalt des Regimes. Indem er die Plätze zerstörte, auf denen wir demonstrierten. Indem er die Schlüsselfiguren des friedlichen Protests einsperrte und ermordete und gleichzeitig inhaftierten Islamisten Amnestie gewährte. Zum anderen das Auftauchen von professionell organisierten, islamistischen Gruppierungen mit jihadistischer Ideologie, wie al-Quaida und IS. Diese Gruppen haben zu keinem Zeitpunkt gegen das Regime gekämpft, sondern gegen das säkulare und progressive Gedankengut der Aktivisten. Die Revolution ist gescheitert, weil die Zivilgesellschaft diesem doppelten Druck nicht standhalten konnte. Sie wurde im Stich gelassen.

Herr Alkayial, wo waren Sie, als in Syrien die Proteste gegen Assad begannen?

Als die Revolution begann, war ich in Deutschland. Als mir meine Freunde erzählten, was los ist, wurde mir sofort klar: Ich muss zurück und diese Bewegung unterstützen. Das war im April 2011. Wir hatten alle die Bilder aus Ägypten und Tunesien gesehen. Das war unsere Chance, die Demokratie zu erkämpfen. Anfangs richtete sich unser Protest gar nicht gegen den Präsidenten selbst, sondern gegen das korrupte System. Erst als die Armee anfing, auf Demonstrationen Unschuldige zu erschießen, haben wir den Sturz Assads gefordert.

Was war die Motivation der Menschen hinter dieser Revolution?

Die Motivation der Menschen war so heterogen wie die Gruppe selbst. Die führenden Köpfe der Revolution waren zu Beginn die Aktivisten, die für Freiheit und Demokratie und einen säkularen Staat kämpften, über soziale Medien die Proteste koordinierten und zusammen mit den Menschen vor Ort organisierten. Es gab auch Islamisten, die von einem islamischen Staat träumten und wieder andere, die persönliches Unrecht durch das Regime erfahren hatten und sich dafür rächen wollten. Was diese Menschen einte, war vor allem der Hass auf das Regime – das sollte uns später zum Verhängnis werden.

Welche Rolle hat der Islam gespielt?

Der Islam als Religion spielte anfangs überhaupt keine Rolle. Aber die Proteste waren allesamt lokal organisiert. Dabei waren die Sheiks und Imame sehr wichtig, weil Moscheen in Syrien gleichzeitig die Orte sind, in denen die Zivilgesellschaft zusammenkommt. Damals waren sie die einzigen Orte, an denen wir Aktivisten uns austauschen und organisieren konnten und gleichzeitig vor der Verfolgung durch das Regime geschützt waren. Ob jemand gläubig ist oder nicht, war egal. Man kann die Rolle der Moscheen in Syrien durchaus mit der der Kirchen in der DDR vergleichen.

Wenn man in Europa die Syrien-Berichterstattung verfolgt, bekommt man manchmal das Gefühl, es gäbe nur Assad oder islamistische Terroristen. Gibt es die moderaten Rebellen überhaupt noch?

Diese Extremisten, die Sie ansprechen, gab es zu Beginn der Revolution in Syrien nicht. Aber die Menschen haben sich vermehrt den radikalen islamischen Gruppen angeschlossen, je gewaltsamer das Regime gegen Demonstranten vorging. Die Leute haben nach Antworten auf die Brutalität der Regierung gesucht, die sie im friedlichen Protest nicht mehr finden konnten. Für viele war daher der radikale Islam die Lösung, als Gegenpart zu Assads alawitischem Regime.

Sie fühlten sich „im Stich gelassen“. Welche Unterstützung hätten sie denn aus dem Ausland erwartet?

Zumindest von der internationalen Linken hätte ich eine klare Haltung zu Syrien erwartet. Dass sie sich gegen ein Regime positioniert, das friedliche Demonstranten ermordet, weil diese für ihre Rechte und für Demokratie streiten. Aber das Gegenteil war der Fall. Als Obama nach dem Giftgasangriff in Ghouta 2013 mit dem Gedanken spielte, in Syrien zu intervenieren, sind dagegen tausende Menschen weltweit auf die Straße gegangen. Wann wurde demonstriert, als Assad tausende Unschuldige gefoltert und ermordet hat?

Jetzt ist eine internationale Linke kein wirklich scharfer Begriff. Gegen wen genau richten Sie ihren Vorwurf?

Nun, fürs Erste ist es ausreichend, von den Bewegungen zu sprechen, die sich selbst als „links“ bezeichnen. Ich spreche dabei von den kommunistischen Parteien in Deutschland, Belgien, Griechenland, auch von Teilen der deutschen Linkspartei und der weltweiten Friedensbewegung, die sich in ihrem Pazifismus verrannt hat. Diese Gruppen kritisieren ständig die NATO und die Vereinigten Staaten, vergessen darüber aber den Konflikt in der syrischen Gesellschaft selbst. Für diese Linken war der Krieg in Syrien von Anfang an ein von außen gesteuerter, imperialistisch motivierter Stellvertreterkrieg. Sie ignorieren den Kern der Revolution, den Befreiungskampf und die Bemühungen der syrischen Bevölkerung, ein repressives Regime zu stürzen.

Wieso war die Linke ihrer Meinung nach nicht in der Lage, die Situation in Syrien richtig einzuschätzen?

Am Fall Syrien kann man studieren, wie verkrustet das Denken in weiten Teilen der Linken ist und wie sehr sie in binären Denkmustern feststeckt. Gut gegen Böse, Imperialismus gegen Antiimperialismus. Dabei vergisst sie ihren eigenen Anspruch, für die Befreiung und die Gleichheit der Menschen zu kämpfen. Was ist aus den Werten der Solidarität, des Säkularismus und der freien Meinungsäußerung geworden? Die Solidarität mit den Armen und mit der Arbeiterklasse wird zum Wohl des Antiimperialismus geopfert und Russland und der Iran als antiimperialistische Mächte gegen den Westen gefeiert. Das ist nicht progressiv, das ist reaktionär.

Hätten Sie ernsthaft erwartet, dass die Linke nach der missglückten UN-Intervention in Libyen eine weitere Intervention in Syrien unterstützen würde?

Gerade die Linken hätten Druck auf ihre Regierungen machen müssen, dass diese handeln, um Zivilisten vor der Gewalt zu schützen. Stattdessen haben sie wieder die Klischees von den illegalen US-Invasionen im Irak und Afghanistan wiederholt und vor einem Eingreifen gewarnt. In Libyen dagegen hat die UN den Fehler gemacht, sich nach dem Sturz al-Gaddafis zu schnell zurückzuziehen und den Wiederaufbau des Landes nicht weiter zu begleiten. Auch wenn es zynisch klingt: Libyen steht heute besser da als Syrien – was Zerstörung und die Zahl der Toten und Geflüchteten angeht.

13:12 08.04.2017

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