Bartholomäus von Laffert
Ausgabe 0516 | 08.02.2016 | 06:00 5

Wenn das die Regierung wüsste

Griechenland Auf der Insel Lesbos haben die Bewohner gelernt, sich selbst zu helfen, indem sie den Flüchtlingen helfen

Wenn das die Regierung wüsste

Boot mit Geflüchteten vor der Insel Lesbos

Foto: Dimitar Dilkoff/AFP/Getty Images

„Oh, Mann! Was ist denn mit euch passiert? Komm her, Onkelchen, setz dich!“ Paris pfeift durch die Lücke zwischen seinen Vorderzähnen und grinst übers ganze Gesicht, als er den alten Herrn auf den Beifahrersitz seines weißen Lieferwagens hievt. „Bäckerei Dodopoulos“ steht darauf in großen griechischen Lettern. Normalerweise fährt der stämmige Grieche damit morgens Brote aus, die er in seiner staubigen Bäckerei in Klio bäckt, einem schläfrigen 300-Seelen-Ort, irgendwo zwischen Olivenbäumen über der ägäischen See auf Lesbos.

Heute jagt er mit seinem Transporter wie ein Irrer die schlammige Dirt-Road hinauf. Im Rücken das Meer. Zwischen Olivenbäumen hindurch tritt er immer wieder krachend auf die Bremse, wenn eine Ziege den Weg kreuzt. Keine Brote, dafür zehn klatschnasse Menschen hat er zu befördern, die sich im Laderaum zusammenkauern. Der ältere Herr bekam den Beifahrersitz.

Seit neun Wochen macht Paris das jetzt: Taxi spielen. Menschen abholen vom Strand, die es bis nach Lesbos geschafft haben – nach zweistündiger Überfahrt im überfüllten Schlauchboot. 15 Euro bekommt Paris pro Fahrt. Ein Zubrot zum Bäckerlohn. Die Leute, die hinter ihm durchgeschüttelt werden, danken es ihm.

Sie können es nicht wissen, aber bis vor kurzem wäre es ihnen noch viel schlechter ergangen – im Sommer, als täglich über 5.000 Menschen pro Tag auf der Insel eintrafen. Als es noch keine Helfer gab, um die Ankömmlinge am kleinen Leuchtturm zu empfangen, und die großen NGOs sich sträubten, Autos die halsbrecherische Straße hinabzuschicken.

Herz und Geld

Die Einheimischen hatten es da schon aufgegeben, die sich am Strand auftürmenden orange-schwarzen Hügel aus Gummibooten und Rettungswesten abzutragen. „Menschen, überall Menschen“, erzählen die Dorfbewohner. „Die sind wie die Ziegen die Olivenhaine hinaufgeklettert, ohne Orientierung.“ Oben habe sie „die Mafia empfangen“, sagt Paris. Kleinkriminelle, die wie Geier darauf gewartet hätten, die Flüchtlinge in ihre „Taxis“ zu locken – 200, manchmal 300 Euro pro Fahrt. Und dann seien die Menschen oft im nächsten Kaff einfach abgesetzt worden.

„Das waren Leute, die waren nicht von hier. Viele Albaner und Bulgaren“, schimpft Giannis hinter der Theke seines Tante-Emma-Ladens, gleich gegenüber von Paris’ Bäckerei. Giannis ist so etwas wie der Chef im Dorf. Jeder kennt ihn, jeder mag ihn. „Wir haben den Leuten, die mitten in der Nacht bei uns ausgesetzt wurden, Wasser gegeben oder – wenn nötig – einen Krankenwagen gerufen. Man kann uns ja viel vorwerfen, aber nicht, dass wir kein Herz haben.“ Giannis ist wütend. Wütend auf die ausländische Presse, von der die Insel-Bewohner diffamiert werden, wie er findet, wütend auf die Regierung. „Keine staatliche Hilfe, Geld gibt’s hier sowieso keins, die meisten leben von der eigenen Landwirtschaft – und dann noch Tausende Flüchtlinge und die Mafia. Wir mussten was tun.“ Und Giannis hatte einen Plan. Das war im Oktober.

Da waren schon die Freiwilligen aufgetaucht aus aller Herren Länder, sie wollten die Insel vor einer humanitären Katastrophe bewahren. Nach Klio kam keiner. Keiner bis auf Matt Llewelline, einen designierten Schuldirektor aus Großbritannien. Ein Mann mit Visionen, Herz und Geld, der Tag und Nacht am Leuchtturm Ausschau hielt nach neuen Booten und angesichts der Zustände gar nicht wusste, wo er anfangen sollte. „Ich machte den Vorschlag: 15 Euro pro Fahrt, und meine Leute holen die Flüchtlinge mit ihren Pick-ups, bringen sie direkt ins Dorf, wo sie dann der Bus abholt“, erzählt Giannis. Matt zuckt mit den Schultern: „Ich hatte keine Wahl: die Dorfbewohner oder die Abzocker.“ Heute sagt er, es sei absolut richtig gewesen, sich für die Einheimischen zu entscheiden.

Ununterbrochen sind die Fahrer erreichbar. Leftie, der eigentlich Fischer ist. Stratos, der Oliven anbaut, Paris, der Bäcker. „Hier“, sagt Giannis und zieht einen kleinen weißen Block hervor. „Paris, Korakas, 04:30, 2x“ steht darauf gekritzelt. „Der Junge hat gleich zwei Fahrten in einer Nacht gemacht“, sagt Giannis und ist stolz auf seine Fahrer, denen er für jede Tour kleine Gutscheine ausstellt, die sie später bei Matt Llewelline in Bargeld wechseln können. „So ist allen geholfen: Es gibt keine Mafia mehr, die Flüchtlinge brauchen keine Angst zu haben, die lokale Ökonomie wird angekurbelt“, rechnet Giannis vor.

Bis das Boot kentert

Etwas außerhalb der Inselhauptstadt Mytilini liegt ein sogenannter Hotspot, an dem sich Flüchtlinge registrieren lassen müssen, damit sie weiterreisen können. Vor den beiden Containern warten bei Tag und Nacht einmal Dutzende, dann wieder Hunderte Menschen. Ein Camp, das nur für gut 400 Leute ausgelegt war, und in dem sich an schlechten Tagen 5.000 sammeln. Die Behörden sind als Regulierer an dieser Drehtür nach Europa überfordert. Die maximal zehn Schiffe der Küstenwache sind es erst recht. Allein nach Lesbos kamen im Vorjahr gut eine halbe Million Menschen übers Meer. Mindestens 210 haben die Überfahrt nicht überlebt. Es ist den freiwilligen Seenot-Rettern zu verdanken, dass es nicht mehr wurden. Die Grenzen sichern die Ehrenamtlichen zum Unmut vieler EU-Politiker aber nicht. Denen wäre es am liebsten, die EU-Grenzschutzagentur Frontex, die dann eingreifen soll, wenn ein Land seinen Aufgaben nicht mehr nachkommt, würde in Griechenland umgehend übernehmen. Es gibt einen Antrag aus der EU-Kommission, um den Grenzschützern Mandate ohne Zustimmung der einzelnen Staaten zu gewähren. Bei den Griechen ist das überflüssig. „Griechenland hat bei Frontex 1.600 Grenzschützer angefragt. Nur 170 sind bisher im Einsatz“, heißt es in einem Statement der Regierung in Athen.

Marius grinst verbittert, als er das hört. Der junge Grieche sitzt rauchend neben einer alten, rostigen Blechtonne, in der ein wärmendes Feuer lodert. Wir sind im Platanos-Camp in Skala, einem kleinen Touristenort, nicht weit von Klio. Tag und Nacht jagt der 24-Jährige mit seiner Crew im Schnellboot über das Wasser, um Flüchtlingsboote, sobald sie über die Grenze sind, an den Strand zu lotsen. „Bitte, was soll das bringen? Will Frontex die Boote versenken, die die Türken noch nicht erwischt haben? Oder die Helfer verhaften, die von der griechischen Küstenwache noch nicht eingesperrt wurden?“ Es ist die bittere Wahrheit. Erst kürzlich wurden fünf Helfer verhaftet. Der Vorwurf: Hilfe bei illegaler Einreise. Tathergang: Die fünf hatten einem Boot mit 50 Menschen geholfen, das zwischen den Wellen hin und her geworfen wurde, da der Motor ausgefallen war.

Die Freiwilligen werden auf See immer wieder Zeuge der grausamen Methoden türkischer Grenzwächter, ohne dass sie eingreifen können. Es sind stets die gleichen Geschichten, die gleichen Bilder, die man durch das Fernrohr von der griechischen Seite aus beobachten kann: Wie Hyänen umkreisen türkische Patrouillen die labilen Schlauchboote. In immer engeren Bahnen: bis das Boot kentert.

Marius schüttelt sich den Regen aus den schwarzen Locken. Nein, er hat im Moment keine Zeit, darüber nachzudenken. Gerade ist wieder ein Boot angekommen, das fünfte heute Morgen. Zehn Meter weg vom Camp. Es sind 40 Menschen, die neu eingekleidet werden müssen, Wärmedecken brauchen, Zuspruch und heißen Tee.

Leftie, Tsonia, 07:00, 15 Euro

Anfang Oktober hat eine Gruppe junger griechischer Anarchisten das selbstorganisierte Lager aufgebaut. Für Nicht-Eingeweihte sieht es aus wie der Ort für ein großes Familienfest. Es gibt Obst, Gebäck, kleine Maltische für die Kinder. Am Feuer wärmen sich junge Männer und rauchen. Im hinteren Teil steht ein Kinderzelt, in dem Plastikspielzeug verstreut liegt. Man sieht junge griechische Frauen, die mit kleinen afghanischen Jungs Autorennen spielen. Menschen, die wieder lachen können.

„Es gibt für mich keine Entschuldigung, nicht hier zu sein“, sagt Fotis, während er ein kleines Mädchen einkleidet. Der 29-Jährige sieht matt aus, kreidebleich im Gesicht, hat die vergangenen beiden Tage nicht geschlafen. „Ich kann nicht studieren, bekomme keinen Job – da ist es meine verdammte Pflicht, hier einzugreifen.“

Die Geschichten der Helfer klingen ähnlich. Viele von ihnen stammen aus den von der Schuldenkrise gezeichneten Metropolen Athen und Thessaloniki. „Ich habe mal hier, mal da gearbeitet“, erzählt Marius. „Als ich eines Morgens wieder einmal besoffen heimgekommen bin, saß meine Mutter vor dem Fernsehapparat und hat mich angeschrien: ‚Du Nichtsnutz, was machst du noch hier, da draußen ersaufen Menschen, tu was!‘“

So wie Marius haben andere Griechen erlebt, dass ihnen der Boden unter den Füßen entglitten ist. Vielleicht kann gerade deshalb kaum jemand sonst in Europa besser verstehen, wie sich die Menschen aus den Booten fühlen, die alles hinter sich ließen. „Wir haben durch unseren Einsatz etwas zurückgewonnen, woran niemand mehr geglaubt hat“, sagt Fotis, „Solidarität.“ Stefania nickt. Sie sieht das ähnlich. Eigentlich arbeitet sie als Fotojournalistin: „Über unser Schicksal können wir nicht mehr selbst entscheiden, die Krise in Griechenland ist zu groß. Aber das hier – den Flüchtlingen helfen –, das können wir schaffen.“

Genau damit, den vielen Helfern, die kommen, all den Idealisten, hadert Giannis, der Kioskbesitzer aus Klio. „Es gibt Leute, die betreten meinen Laden und beschweren sich, dass ich für Essen und Zigaretten Geld von den Flüchtlingen nehme. Aber wir haben ja selber nicht mehr als das, was bei uns auf dem Feld wächst.“

Im letzten halben Jahr hat sich auf der Insel viel geändert. Bewohner, deren Dörfer so gut wie eingeschlafen waren, haben gelernt, mit der Krise umzugehen – zum Wohl der Ankommenden, zum eigenen Vorteil. Journalisten und Volunteers bewohnen im Winter die Unterkünfte, in denen die Touristen im Sommer nicht mehr wohnen wollten. Tausende von Euro, die von den vielen Freiwilligen über Crowdfunding-Plattformen eingesammelt werden, fließen in die lokale Wirtschaft.

Wie notwendig diese Injektion ist, zeigt die Bezahlung bei einem Abendessen mit den Fahrern aus Klio. „Ich habe mal wieder kein Bargeld da“, flucht Leftie, während er seine leere Geldbörse schüttelt. „Geht das auch so?“, fragt er, während er dem Wirt einen weißen Notizzettel in die Hand drückt. „Leftie, Tsonia, 07:00, 15 Euro“ steht darauf. Der Wirt wirft einen prüfenden Blick, nickt und drückt ihm einen Fünf-Euro-Schein in die Hand. Auch das hat sich in Klio etabliert: eine Parallelwährung. Wenn das die griechische Regierung wüsste.

Bartholomäus von Laffert ist freier Autor und war längere Zeit auf Lesbos unterwegs

Keine Stunde, keine Sekunde, die Matt Llewellin und seine CK-Team-Crew das Meer aus den Augen lassen. Leute aus dem Meer fischen. Den sicheren Weitertransport der ankommenden Menschen organisieren. Infrastruktur aufbauen und das neu entstandene Camp mit Kleidung, Lebensmitteln und Medikamenten versorgen. Ein einzigartiges Projekt, das seinen Preis hat und das Unterstützer sucht!

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 05/16.

Kommentare (5)

Nil 09.02.2016 | 08:00

Danke fuer den Beitrag. Trotz der schwierigen Lage, ist die Menschlichkeit noch nicht ins hintertreffen geraten. Die Welt wird zusammenruecken muessen. Je eher wir uns mit diesem Gedanken anfreunden, um so besser. Ich hoffe, das die Vereinten Nationen ihre Ankuendigung so bald wie moeglich umsetzen, die Kluft zwischen Armut und Superreichtum zu minimieren. Das ist das Grunduebel in unserer globalisierten Welt. Jetzt muessen mal Taten folgen, indem Politiker endlich anfangen und dafuer, entsprechende Gesetze auf den Weg bringen. Und noch viel mehr.

seriousguy47 10.02.2016 | 14:07

Dem Dank der Vor-KommentatorInnen kann ich mich anschließen.

Gestern Abend kam auf ARD alpha ein Bericht des WDR mit ähnlicher Linie. Und es tut gut, nicht immer nur die Kriegsberichterstattung sehen zu müssen, sondern auch von Menschlichkeit in diesen Zeiten zu erfahren - und sich in einem übernationalen Netz zu sehen.....

Am Ende des TV-Berichts gestern stand der Satz eines Arztes, bei solcher Arbeit öffne sich einem das Herz. Schön, wenn für die griechischen Helfer auch materiell was herausspringt, aber denjenigen, die ständig von Überforderung reden und vor allem denjenigen, die darauf auch noch mit blankem Hass reagieren, wäre schon auch deutlich zu machen, dass die wahre Bedrohung unserer Gesellschaft vielleicht gar nicht die "Islamisierung" sein könnte, sondern jene "Öffnung der Herzen".

Wen die aber trifft, das zeigt dieser Bericht sehr schön: die Profiteure des Neoliberalismus. In diesem Fall die Rein-Inkarnation: die Mafia.

Allen anderen tut sie - wie der Bericht zeigt - gut.