Kultur statt Rasse

Die Neue Rechte Niemand ist mehr Rassist. Heutzutage spricht man lieber von »kultureller Identität«. Ein gefährliches Spiel. Denn dadurch kommt die Rechte in der Zivilgesellschaft an
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Kultur statt Rasse
Die Alternative für Deutschland spricht den "Deutschen" Mut zu, sich zu bekennen
Foto: John MacDougall/AFP/Getty Images

Jürgen diskutiert mit seinen Kollegen über Differenzen: Sind die nicht grundlegend anders als wir? Allein schon die kulturellen Unterschiede? Fest steht ja: Wer hierhin kommt, muss sich integrieren. Aber wie soll das gehen? Wie will man denn so tiefgreifende Differenzen überwinden? Also Jürgen hält das alles für sehr schwierig - wenn nicht sogar unmöglich. Die Mittagspause endet - man muss wieder an den Schreibtisch. Manche Kollegen können mit Jürgen überhaupt nicht übereinstimmen. Sie halten es für hochproblematisch, was er da sagt. Andere stehen nur daneben, hören zu und hin und wieder nicken sie eine Aussage zustimmend ab. Wieder andere Kollegen greifen Jürgens Bemerkungen auf, spinnen seine Gedanken weiter, erwägen politische Schritte. Mit allen Kollegen hat Jürgen jedoch etwas gemeinsam: Sie diskutieren miteinander - auf Augenhöhe. Jürgens Argumentation ist ein Teil des kleinen Diskursuniversums während einer Mittagspause. Jürgens Meinung ist damit ein Teil unserer zivilgesellschaftlichen Ordnung. Und das gehört sich in einer ausgewachsenen Demokratie bekanntlich so. Oder?

Jürgen ist eine frei erfundene Person, die es überall gibt. Jürgen ist kein Rassist. Er würde auch nie an einem Montagabend in Dresden spazieren gehen und sich als »das Volk« bezeichnen. Damit hat Jürgen nichts zu tun. Alles, was er tut, ist, auf bestimmte Probleme hinzuweisen, die er sieht. Er will nur sagen, dass wir das vielleicht nicht ganz so einfach schaffen wie es uns manchmal erzählt wird. Vielleicht ist Jürgen aber gar nicht so frei in seiner Meinung wie es ihm vorkommt. Was wäre, wenn Jürgens Meinung (und die von uns allen - egal welcher politischen Coleur) ein Phänomen des Zeitgeist ist? Was wäre, wenn die kurzen Diskussionen während der Mittagspause, das abendliche Streitgespräch am familiären Esstisch und sogar das Fernsehprogramm die unzähligen alltäglichen Manifestationen eines Kampfes darstellen? Eines Kampfes um die Vorherrschaft in der Zivilgesellschaft - so lässt sich im Ausgang des marxistischen Theoretikers Antonio Gramsci fragen.

Das Vorpolitische entscheidet

Politische Ideologien fallen nicht vom Himmel. Sie werden auch nicht einfach so in den Parlamenten entwickelt. Sie ringen in der Zivilgesellschaft miteinander im Versuch, kulturelle Hegemonie zu erlangen. Die vorherrschende gesellschaftliche Ideologie bringt auch die Ideen hervor, denen man politisch zustimmen kann. Gramsci versucht in den frühen 1930ern die russische Oktoberrevolution zu analysieren und fragt sich, warum es im Westen nicht ebenfalls zu einer erfolgreichen Revolution kam. Seine Antwort kurz und knapp: In den westlichen Ländern war eine Revolution eben deshalb nicht politisch zustimmungsfähig, weil ihre Ideale nicht in der Zivilgesellschaft vorherrschend waren. Auch wenn Gramscis Texte sich mit der europäischen Situation vor einhundert Jahren befassen, sind sie heute noch aktuell.

Das Politische entscheidet sich durch das Vorpolitische. Die oft spöttig belächelten Stammtisch-Parolen - so Gramscis These - werden über kurz oder lang den politischen Willen bestimmen. Dem Geist, der sich in der Folklore breitmacht, kann sich der Parlamentarier nicht auf ewig entziehen. Es gilt daher: Wenn eine politische Strömung parlamentarische Mehrheiten an sich reißen will, dann muss sie zuvor die Vorherrschaft in der Zivilgesellschaft übernehmen. Es bedarf bestenfalls intellektueller Vordenker, die bestimmte Denkmuster - wie man so schön sagt - »salonfähig« machen. Es sind Bestseller wie Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab oder neuerdings das Buch des Tübinger Oberbürgermeisters Boris Palmer (Die Grünen?) Wir können nicht allen helfen, die den nötigen Rückhalt bieten, den unser fiktiver Jürgen in der Mittagspause braucht.

Die perfide Eigenschaft von Ideologien besteht darin, dass sie im Vorpolitischen lediglich als Meinungen präsentiert werden. Nach dem Ende des Kalten Krieges wähnen wir uns alle ideologiefrei - vergessen dabei aber, dass Ideologien immer wieder ihren Weg zurück auf die große politische Bühne suchen. Sie sind im Kleinen repräsentiert als private Meinungen, als Bio-Eier im Supermarkt, als Deutschlandflagge über dem Bett. Und sie werden befeuert durch die öffentlichen Mechanismen unserer Meinungsbildung - die Nachrichten, die Bücher oder die politischen Parteien. In diesem Durcheinander von konkurrierenden Ideologien kann sich auch dasjenige wieder durchsetzen, von dem man dachte, man hätte es eigentlich überwunden - und zwar indem sich das Alte ein neues Gesicht gibt.

Ethnopluralismus statt Rassismus

Der Vorherrschaft des Rassismus in der Zivilgesellschaft ist undenkbar. Wir werden unsere zivile Ordnung doch nicht von rassistischen Vorurteilen dominieren lassen? Es ist doch jedem bewusst, dass Menschen sich nicht in Rassen einteilen lassen. Menschliche Verhaltensweisen sind nicht durch Abstammung determiniert. Die biologistische Schein-Wissenschaft der Nationalsozialisten ist zurecht verpönt. Doch wer will ernsthaft bestreiten, dass es tiefgreifende kulturelle Unterschiede zwischen verschiedenen Ethnien gibt? Sind es nicht gerade diese Unterschiede, die politische Konflikte und sogar Kriege auslösen? Der neuen Rechten geht es deshalb nicht mehr um Rasse. Ihre neuen Begriffe sind »Identität«, »Kultur« und »Ethnie«. Genau besehen handelt es sich dabei aber um alten Wein aus neuen Schläuchen. Wie schon Theodor W. Adorno völlig zurecht feststellte: »Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse«. Es wird damit dasselbe alte Denken lediglich kaschiert. Doch diese Tarnung ist keinesfalls plump, sondern brandgefährlich. Sie stellt die Möglichkeit dar, dem Rassismus in neuem Gewand die zivilgesellschaftliche Hegemonie zu gewähren.

Der Vordenker der neuen Rechten Alain de Benoist beruft sich schon in den 1970ern auf Antonio Gramscis Theorien zur Zivilgesellschaft und Hegemonie. In seinem 1985 auf deutsch erschienenen Buch Kulturrevolution von rechts plädiert der Franzose für eine Übernahme der marxistischen Theorien zugunsten der neuen Rechten - eine typische Querfront-Strategie. Gramsci habe eine gesellschaftliche und politische Verflechtung völlig richtig erkannt und dies könne sich die Rechte zunutze machen, indem sie die Vorherrschaft im Vorpolitischen übernehme. Wenn die Stammtische nur genügend abgerichtet würden und laut genug schrien, dann stünde auch der politischen Mehrheit nichts mehr im Wege.

Identität und Verschiedenheit

Auch in Deutschland lässt sich in den vergangenen Jahren das Wiedererstarken einer überwunden geglaubten Ideologie beobachten. Die sogenannte Identitäre Bewegung schwadroniert scharenweise durch Deutschland und plädiert für eben jenen Rassismus ohne Rasse. Man redet von kultureller Reinheit und verweist auf die gravierenden Unterschiede zwischen dem christlichen Abendland und dem islamischen Kulturraum.

Die These des Ethnopluralismus - und auch der Identitären - ist einfach: Die Verschiedenheiten zwischen den Kulturen ist so groß, das kein friedliches Miteinander möglich ist. Eine Vermischung der Ethnien muss zwangsläufig zu erheblichen gesellschaftlichen Problemen führen. Man muss sich jedoch fragen, ob sich diese These nicht noch weitertreiben lässt. Ist unsere eigene Kultur denn so homogen wie es die neue Rechte unterstellt? Immerhin finden wir schon innerhalb Deutschlands die gravierenden Unterschiede zwischen der Antifa und den Identitären. Kann es wirklich noch fremder werden? Können die Unterschiede zwischen »uns« und »denen« wirklich größer sein als die Unterschiede, die hierzulande ohnehin schon bestehen? Eine offene Gesellschaft schafft sich nicht ab. Die eine homogene Masse, in der dieselben Werte geteilt werden, gibt es nicht und gab es nie. Es gibt nur - mit Gramsci gesprochen - einen immerwährenden Kampf um kulturelle Vorherrschaft.

10:05 09.09.2017
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