Ungleichheit linksherum gedacht?

Gerechtigkeit Der Philosoph John Rawls ist ein Querulant, der den liberalen Grundgedanken mit sozialer Gerechtigkeit verbinden möchte. Eine Replik auf Community-Mitglied "dreher"
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Ungleichheit linksherum gedacht?
Die Solidarität in einer Gesellschaft kann nicht durch den Egoismus des Individuums gesichert werden
Foto: Spencer Platt/Getty Images

Sie sitzen zusammen mit anderen Personen in einer dunklen Kammer. So dunkel, dass Sie niemanden der anderen sehen. So dunkel sogar, dass Sie sich selbst noch nicht einmal sehen können. Sie wissen nichts - haben keine Ahnung, wer Sie sind, woher Sie kommen und wohin Sie gehen. Selbst wenn Sie sprechen, können Sie nicht zweifelsfrei ausmachen, ob Sie weiblich oder männlich sind. Aus irgendeinem Grund wissen Sie nur drei Dinge: was Sie für gut halten, was eine Person ist und wie Gesellschaften, in denen solche Personen leben, funktionieren. Und dann eine Stimme, die Ihnen und den anderen in der Kammer eine Aufgabe erteilt: »Bestimmen Sie gemeinsam in welcher Gesellschaftsform Sie leben möchten - und so werden Sie dann leben!«

So oder ähnlich könnte man das berühmte Gedankenexperiment des Harvard-Professors John Rawls († 2002) skizzieren. Personen befinden sich in einem vorstaatlichen Zustand, in dem sie sich darüber einig werden sollen, von welchen Prinzipien die künftige Gesellschaft geleitet werden soll. Der besondere Clou: Jedes einzelne Mitglied befindet sich hinter einem »Schleier des Nichtwissens«. Dadurch wird sichergestellt, dass sich niemand besondere Vorteile erschleichen kann. Wer zum Beispiel nicht weiß, ob sie oder er in der Gesellschaft die Rolle der Frau oder des Manns spielen wird, die oder der wird sich darum bemühen, ausgeglichene Wohlstandsverhältnisse zwischen den Geschlechtern zu gewährleisten - schlicht und einfach weil sie oder er nicht weiß, ob sie oder er weiblich oder männlich sein wird. Eine Person, die nicht weiß, in welche ökonomische Schicht sie hineingeboren wird, tut gut daran, zu versuchen, eine Gesellschaft anzustreben, die eine möglichst große Durchlässigkeit zwischen den ökonomischen Schichten gewährleistet. Wenn ich nicht, ob ich als Athlet oder mit einer Behinderung in der zukünftigen Gesellschaft leben werde, dann strebe ich natürlich eine Gesellschaft an, die in puncto Chancengleichheit keinen Wert auf diese Körperlichkeiten legt.

Prinzipien der Gerechtigkeit

In der politischen Theorie ist Rawls ein Querdenker. Er ist bemüht, verschiedene Positionen miteinander auszusöhnen. In seiner Theorie der Gerechtigkeit von 1971 - einem Meilenstein der politischen Philosophie - kommt er zu einem brisanten Ergebnis. Er entwickelt zwei Prinzipien der Gerechtigkeit, von denen er glaubt, dass Personen sich hinter dem Schleier des Nichtwissens auf sie einigen würden: das Prinzip der Gleichheit und das Prinzip der Differenz. Ersteres gleicht fasst einer Plattitüde - Personen sind freie und gleiche Wesen, was nichts anderes heißt als dass jedem die gleichen Chancen auf Ämter zustehen müssen. Niemand soll also auf seinem Weg gehindert werden, weil sie oder er einer bestimmten Religion, Kultur, Minderheit oder eines Geschlechts angehört. Das zweite Prinzip ist spannender: Ungleichheiten in der Gesellschaft können gerecht sein! - richtig gelesen: Dass der Vorstandsvorsitzende eines DAX-Unternehmens ein finanziell sichereres Leben führt als der Pförtner, der in seinem Unternehmen arbeitet und der mit zuständig ist für die Gewinne des Unternehmens, ist nicht nur eine Tatsache des Marktes, sondern obendrein moralisch gerecht. Rawls Trick ist der Folgende: Jedes Gut, das einer Gesellschaft hinzugefügt wird, ist nur dann gerechtfertigt, wenn selbst der Schlechtestgestellte noch davon davon profitiert. Machen wir es praktisch: Ein Unternehmen erwirtschaftet immense Gewinne. Nachdem die Aktionäre ihre Dividenden erhalten haben, sollen die Manager dieses Unternehmens mit Gehaltserhöhungen belohnt werden. Genau hier würde Rawls' Differenzprinzip dazwischen grätschen: Ja, der Vorstandsvorsitzende hat gute Arbeit geleistet und soll entsprechend belohnt werden, aber der Pförtner leistet eben auch seinen Dienst. Eine Erhöhung des Manager-Gehalts ist nur dann gerechtfertigt, wenn auch der Pförtner von den Gewinnen profitiert. Was nach einer fundamental linken Idee klingt, ist es bei genauerer Betrachtung doch nur so halb.

Der vereinzelte Mensch

Rawls' Prinzipien der Gerechtigkeit gehen von einem Grundgedanken der Linken aus: Solidarität. Jedes neue Gut ist nur dann gerechtfertigt, wenn es auch ganz unten auf der ökonomischen Skala noch spürbar ist. In der Tat könnte man die aktuelle Forderung der Linkspartei derart interpretieren: Managergehälter dürfen nur das 20-fache eines Angestelltengehalts betragen. Das heißt nichts anderes als dass Managergehälter nur dann erhöht werden können, wenn auch das Gehalt des Pförtners erhöht wird. So weit, so gut.

Das war es dann aber auch schon mit den Übereinstimmungen. Der Gedanke der Solidarität ist eben nur ein Teil der linken Attitüde. Schaut man sich das Grundsatzprogramm der Linkspartei an, dann wird klar: Der Gegensatz zu Rawls könnte nicht größer sein. Denn er betrifft das zugrundeliegende Menschenbild. Rawls ist ein liberaler Denker. In diesem Paradigma ist es klar, was es heißt, eine Person zu sein: ein vereinzeltes Wesen, das sich in einer Gesellschaft mit anderen vereinzelten Wesen wiederfindet und versucht, dort zurecht zu kommen. Es ist dieser Begriff der Person, der auch heutzutage noch den Grundstock des Neoliberalismus ausmacht. Im Grunde sind wir alle Egoisten. Dies macht schon Rawls' Gedankenexperiment klar: Ich versuche - aufgrund meiner Konzeption des Guten - die bestmögliche Position für mich herauszuschlagen.

Es ist genau dieser Gedanke, der dem Solidaritätsprinzip letztendlich im Wege steht. Rawls's Buch hat eine heftige Kontroverse ausgelöst: Es bildete sich die sogenannte kommunitaristische Schule in der politischen Philosophie, die das Menschenbild, welches Rawls' Buch zugrundeliegt, grundsätzlich infragestellt: Sind wir wirklich vereinzeilte Wesen? Philosophen wie Charles Taylor oder Alasdair MacIntyre argumentieren gegen Rawls, dass wir uns als Gemeinschaft begreifen müssen. Nur so ist der Solidaritätsgedanke letztlich umzusetzen. Wenn wir ursprünglich egoistische Wesen sind, dann wird das kapitalistische System auch immer Wege finden, Ungleichheiten nur unter einem scheinbaren Deckmantel der Gerechtigkeit zu etablieren.

18:31 09.09.2017
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