Wir sind nicht immun

Rechter Terror Bei aller nötigen Beschäftigung mit dem neuartigen Coronavirus darf das Problem des Rechtsextremismus in Deutschland nicht unter den Tisch fallen. Ein Kommentar
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Wir sind nicht immun
Deutschland hat ein Problem mit Rechtsextremismus – das darf man nie vergessen

Foto: Thomas Lohnes/Getty Images

Die mediale Öffentlichkeit ist in den letzten Jahren zu einer erschreckenden Eindimensionalität mutiert: Es ist als sei im kollektiven Bewusstsein stets nur Platz für ein großes Thema. So gaben sich allein seit 2015 beinahe im Halbjahresrhythmus der Grexit, die Flüchtlingskrise, die neue Klimabewegung und nun Corona nacheinander die Klinke in die Hand. Jedes Thema verdrängte das jeweils vorige mit brachialer Wucht aus der Einseitigkeit der großen, bundesweiten Berichterstattung.

Irgendwo zwischen der Klimakrise und der COVID-19-Pandemie blitzte kurz ein Thema hervor, dem in den letzten Jahren kaum mediale Aufmerksamkeit geschenkt wurde, obwohl es in der Bundesrepublik chronisch ist: der Terror von rechts. Die Anschläge in Halle und Hanau zeigten mit erschütternder Gewissheit, dass Migranten- und Judenhass tief in der rechten Szene verankert sind und umstandslos zu Toten führen. Die Anschläge zwangen sogar Innenminister Horst Seehofer anzuerkennen, dass der Rechtsextremismus die größte Gefahr für die innere Sicherheit der Republik ist.

Kurz schien es so als sei die Medienlandschaft nun bereit, dem Rechtsextremismus Raum zu geben und so zu zeigen, dass Deutschland dieses Problem lange unterschätzt und totgeschwiegen hat. Im medialen Schlagschatten der Corona-Krise gelangen dann jedoch Teile des Berichts zum Terror von Hanau durch WDR und NDR an die Öffentlichkeit, wonach das Bundeskriminalamt die Morde als rechte Tat einstuft, den Täter aber nicht als Rechtsextremist anerkennt. Nach einer kurzen Welle der Empörung dementiert BKA-Chef Holger Münch die Existenz eines solchen Berichts und macht klar, dass der Täter sehr wohl rassistisch motiviert war. Die genauen Worte des Abschlussberichts bleiben abzuwarten. Dieses Hin und Her macht jedoch deutlich, wie schwer es staatlichen Akteuren fällt, mit der erforderlichen Strenge auf den Rechtsextremismus zu blicken, wenn sie nicht dem medialen Druck ausgesetzt sind.

Die Eindimensionalität der modernen Öffentlichkeit bringt im Übermaß Krisen-Gewinner und -Verlierer hervor – im jetzigen Fall gewinnt die Bundesregierung unter Führung der CDU, die an Beliebtheit zunimmt und deren Abbau von Bürgerrechten nur zögerlich Kritik hervorruft. Zu den Verlierern darf sich die AfD zählen. Erfreulich ist es natürlich, dass sich die Nutzlosigkeit der AfD in der gegenwärtigen Krise offenbart und sich auch in ihrem Rückgang in aktuellen Umfragewerten niederschlägt. Dieser Umstand darf aber nicht leichtfertig zu einer Lösung des „Problems AfD“ erklärt werden. Wir sind nicht immun gegen das ideologische Gift von rechts. Es ist gerade die Eindimensionalität heutiger Medien, welche die AfD von heute auf morgen wieder auf Kurs bringen könnte. Auch die NSDAP erlangte 1928 gerade einmal 2.6% der Stimmen – bevor fünf Jahre später die Machtergreifung folgte. Völlig gleich, wie unsere Gesellschaft die Corona-Krise meistern wird: Was uns bevorsteht, ist eine Weltwirtschaftskrise, die 2008 in den Schatten stellen wird. Hinzu kommt, dass der Klimawandel und eine nicht zu vermeidende Rohstoffkrise immer noch unbezahlt auf unserer Rechnung stehen und in Zukunft weltweite Migrationsbewegungen auslösen werden. Reagieren die bundesweiten Meinungsmacher – von Boulevard-Zeitungen bis hin zu den Talkshows der Öffentlich-Rechtlichen – auf diese kommenden Krisen genauso wie in der Vergangenheit, dann wird die AfD zweifellos wieder als Profiteur hervorgehen. Die Fragen, die sich die Fernseh- und Zeitungsmacher hierzulande stellen müssen, lauten nun: Werden die großen Medienhäuser die Fehler ihrer Berichterstattung in den Jahren 2015 und 2016 reflektiert haben? Kann es gelingen die Nachrichten genauso facettenreich zu gestalten, wie es unsere Welt nun einmal ist?

10:48 15.04.2020
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