Bonapartistische Versuchungen in Italien

Beppe Grillo Grillo steht angeblich über dem Parteienstreit von Links und Rechts, er trete nur gegen ein morsches System an. Plebizitär soll seine Autorität legitimatiert werden.
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Die alten Führer der alten Parteien Italiens mit ihren stellen alte Kandidaten auf, die sie auf die alte Hinterzimmermethode erwählen.

"Ganz anders die Kandidatensuche der Fünf-Sterne-Bewegung: Sie bestimmte mittels Internet-Abstimmung den ehemaligen Kommunisten Stefano Rodotà zu ihrem Kandidaten [...] Die Parteibasis erinnert in einigen Zügen an die Piraten, sei es durch die Selbstorganisation über das Netz oder durch die Entsendung von jungen und politisch unerfahrenen Parlamentariern, die meist aus höheren Bildungsschichten stammen. [...] Der Grillo-Populismus unterscheidet sich von ähnlichen Bewegungen im Rest Europas vor allem darin, dass er sich nicht dem rechten oder linken Spektrum zuordnen lässt, sondern an beiden Rändern Anschlusspunkte bietet. [...] Widerspruch zwischen Basisdemokratie und Parteigründer-Kult doch immer wieder Belastungsproben ausgesetzt. Grillo steht im Mittelpunkt und gibt die Linien vor, obwohl er selbst nicht im Parlament sitzt, weil er vorbestraft ist." http://www.sueddeutsche.de/politik/nach-der-praesidentenwahl-in-italien-beppe-grillo-siegt-im-blockadespiel-1.1653600

Dagegen will eine neue Kraft plebizitär aufzubegehren. Sie begehrt auf gegen angeblich samt und sonders korrupte Berufpolitiker, gegen das Zähe der Mehrheitsfindung zwischen Parteien, die verschiedene Interessensgruppen vertreten. Und als Symbolfigur, trotz aller "Basisdemokratie" unangefochtenen Autorität, steht ER vorne, ER scheint ein Führer zu sein, der identisch mit seiner Bewegung ist.

"Charakteristisch für die bonapartistische Herrschaftsform ist zum einen die faktische Alleinherrschaft eines Einzelnen, zum anderen aber auch deren Stützung durch plebiszitäre Elemente ("Abstimmungen" über die Person des Regenten aber auch eine auf Prestige abzielenden imperialistischen Außenpolitik zur Mobilisierung der Massen)" http://www.uni-muenster.de/Geschichte/SWG-Online/sozialstaat/glossar_bonapartismus.htm

Die Tribune CEASARs legen ihr Veto ein. Wie sollen die "Massen" auf den Stillstand reagieren? Man spricht von 30% für IHN, sollte es Neuwahlen geben.

„Um dem Despotismus der Versammlungen zu entgehen, vertraute sich die Nation einem einzigen Mann an, der behauptete, den Willen des Volkes und zugleich die Macht des Staates zu verkörpern. Sie gab dem Bonapartismus eher ihre Zustimmung, als daß sie sich ihm aus Begeisterung angeschlossen hätte.“ Roger Dufraisse: Napoleon – Revolutionär und Monarch."

Für IHN kann es wohl nicht schnell genug zu Neuwahlen kommen. Bei den Abstimmungen zur Präsidentenwahl und im sizilianischen Regionalparlament stimmten einige SEINER Bewegung schon mit anderen Parteien. Je nachdem wie man es sieht sind sie Verräter an der Sache, oder sind sich der Verantwortung bewusst, die sie eingegangen sind. Oder werden sie schlicht ganz schnell in den Parlamentarismus eingesogen, so wie es Agnoli wohl vorrausgesagt hätte?

Agnoli beschreibt und analysiert darin die dem Spätkapitalismus immanente Tendenz zur sogenannten Involution. Als Gegenbegriff zur Evolution bezeichnet Involution, so Agnoli, »sehr genau den komplexen politischen, gesells chaftlichen und ideologischen Prozeß der Rückbildung demokratischer Staaten, Parteien, Theorien in vor- oder antidemokratische Formen«. Der der bürgerlichen Gesellschaft zugrunde liegende Klassenkampf zwischen Lohnarbeit und Kapital werde mittels des Verfassungsstaates zum bloßen Verteilungskampf zurückgebildet und der Antagonismus dadurch pluralistisch entschärft. Der seiner demokratischen Substanz zunehmend entleerte Staat erscheint vor diesem Hintergrund als neutraler Schiedsrichter zwischen den vielfältigen Interessen und verschleiere so seine ihm eigene soziale Gewalt. http://www.isioma.net/sds03003.html

ER hingegen will keine Kompromisse machen, keinen Konsens erzeugen, denn der Konsens scheint einfach da zu sein, nach eigenen Angaben keine 20%, oder 30%, sondern 100% bei der Wahl.

"Dem bonapartistischen Modell entsprechend, entsteht durch das Plebiszit bei der Präsidentenwahl eine unmittelbare Beziehung zwischen dem Volk und seinem leader." http://www.zeitschrift-marxistische-erneuerung.de/article/536.anmerkungen-zu-domenico-losurdo-demokratie-oder-bonapartismus.html

Aber dann muss ER schnell machen:

Der Marathon ist hingegen die Spezialität der viel gescholtenen repräsentativen Demokratie. Sie ist langsam, mühselig, und doch leistet sie das Entscheidende: Sie stellt über viele Verfahren den Konsens her, den eine Gesellschaft benötigt. [...] Strukturen aber fürchtet Grillo. [...] Es muss alles im Fluss bleiben. Nur dann kann er sich als autoritärer Führer halten. [...] Grillo will deshalb möglichst bald wieder aus dem Parlament auf die Straße. Er will Neuwahlen und hofft dann seine Truppen soweit verstärken zu können, dass die M5S dem “morschen System” den Todesstoß versetzen kann. blog.zeit.de/ladurnerulrich/2013/03/20/grillo-und-die-zahmende-kraft-des-parlamentes/comment-page-3/#comments

Da denke ich doch an klassische Lektüre:

Und dennoch schwebt die Staatsgewalt nicht in der Luft. Bonaparte vertritt eine Klasse, und zwar die zahlreichste Klasse der französischen Gesellschaft, die Parzellenbauern. [...] Die Parzellenbauern bilden eine ungeheure Masse, deren Glieder in gleicher Situation leben, aber ohne in mannigfache Beziehung zueinander zu treten. Ihre Produktionsweise isoliert sie voneinander, statt sie in wechselseitigen Verkehr zu bringen [...] Sie sind daher unfähig, ihr Klasseninteresse im eigenen Namen, sei es durch ein Parlament, sei es durch einen Konvent geltend zu machen. Sie können sich nicht vertreten, sie müssen vertreten werden. Ihr Vertreter muß zugleich als ihr Herr, als eine Autorität über ihnen erscheinen, als eine unumschränkte Regierungsgewalt, die sie vor den andern Klassen beschützt und ihnen von oben Regen und Sonnenschein schickt. http://www.mlwerke.de/me/me08/me08_194.htm

Doch nicht nur die Widersprüche zwischen dem sich anbahnenden Personenkult und der plebizitären Legitimation sollen aufgelöst werden, nein, angeblich nicht vorhanden sein. Anstelle des Streites der Interessen, der Parteien bahnen sich Querfrontvorstellungen den Weg, man sei nicht links, nicht rechts, sondern nur gegen ein diffuses "die da oben".

„Der Bonapartismus, wie ihn Napoleon III. durch sein Reden und Handeln vorstellte , schwankte zeit seiner Herrschaft zwischen rechts und links, zwischen Demokratie und Autokratie, Fortschritt und Reaktion.“ Johannes Willms: Napoleon III. Frankreichs letzter Kaiser.

„Die Masse ist die eigentlichste politische Entdeckung des Bonapartismus und sie ist eine zentrale Phantasmagorie des neunzehnten Jahrhunderts für das zweideutige nachrevolutionäre Sein.“Martin Blobel: Polis und Kosmopolis 2.

Auch in Deutschland riecht man Ähnliches, auch hier gibt es eine Gruppe die sich über den Gegensätzen von "Links" und "Rechts" erhaben fühlt, von "Demokratisierung des Parteienstaats" und "Stärkung der innerparteilichen Demokratie" palavert und dennoch das Parteiprogramm nach stehenden Ovationen für die Rede des Parteiführers, der Sprecher genannt wird, was aber auch heißen kann das außer ihm nicht viele sprechen sollen, ohne Diskussion absegnet. Und in dessen Dunstkreis treiben sich grauselige Gespenster um:
https://andreaskemper.wordpress.com/2013/04/08/zum-bonapartismus-der-alternative-fur-deutschland/
Tja, wie war das nochmal mit der Wiederholung der Geschichte, der Tragödie und der Farce?
Nachtrag I:

"Der Einzige, der momentan jubelt, ist wohl der Komiker Beppe Grillo. Als Bersani seinen Rücktritt ankündigte, sagte Grillo, er sei der Erste von vielen Parteichefs, die bald fallen würden. Er nannte Napolitanos Wiederwahl einen Putsch und rief seine Anhänger dazu auf, das Parlament zu stürmen." http://www.zeit.de/politik/ausland/2013-04/italien-praesident-napolitano-wahl/komplettansicht

Grillo scheint schnell ein gewiefter Taktiker zu sein. Erst verweigert er sich einer Zusammenarbeit und zwingt damit die traditionellen Parteien zur Zusammenarbeit und jetzt kann er noch mit dem Finger auf "die da oben" zeigen.

19:32 20.04.2013
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Geschrieben von

Bastian84

Ich hab Politikwissenschaften studiert und lebe in Berlin.
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