Der Freiheitslehrer. Eine Kunstfigur der Medien

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"Er hat nie von sich behauptet, vor 1989 zur Opposition gehört zu haben." meint Ulrike Poppe. „Er ließ sich [...] mit den Geschwistern Scholl vergleichen und wurde noch nicht einmal schamrot.“ schimpftHans-Jochen Tschiche. Doch suggeriert wird in weiten der Medienlandschaft schon fast das Bild eines Untergrundkämpfers. Recherchen ergeben allerdings eher das Bild eines Produktes aus dem Hause Springer.

War die Helle über Meer und Strand, Bodden, Feld, Wald, Dorf und Stadt nicht vielleicht deshalbso eingeprägt in meine Kindheits- und Jugenderinnerungen, weil alle Schönheit inmitten einer bösen und bedrohlichen politischen Umwelt existierte und offensichtlich der angestrengten Kinderseele Tröstung und Überlebensmittel war?“ Joachim Gauck. Unterwerfung, Anpassung, Widerstand - Anmerkungen zum Leben unter totalitärer Herrschaft.

War Joachim Gauck in der DDR ein aktiver Oppositioneller?

Joachim Gauck bringt ein Leben mit in seine Kandidatur und in sein Amt meint Mitpräsidentenmacher Sigmar Gabriel. Über dieses Leben scheint es einige Missverständnisse zu geben: "Er hat nie von sich behauptet, vor 1989 zur Opposition gehört zu haben." so Ulrike Poppe, Mitbegründerin von "Demokratie Jetzt". Gauck habe erst ab dem Wendeherbst eine wichtige Rolle im Neuen Forum gespielt. Sie hält ihn "durchaus für einen Protagonisten der Revolution" und will ihn als Mitglied der Bundesversammlung wählen, da sich dieser für das Stasi-Unterlagen-Gesetz eingesetzt habe. Nicht nur dabei soll er eine wichtige Rolle gespielt haben, sondern auch maßgeblich dafür verantwortlich sein, dass das Neue Forum auf Kurs „Deutsche Einheit“ ging.

Gerhard Rein, zur Wendezeit westdeutscher Korrospondent in der DDR und Autor der Bücher „Die Opposition in der DDR“ und „Die protestantische Revolution“, sieht in der, wohl nicht durch Gauck selbst suggerierten Lebensgeschichte, nicht viel Wahrheit. Gauck sei keineswegs Bürgerrechtler gewesen. Kein Oppositioneller. Wenn überhaupt, ein so unbedeutender, das man ihn nicht bemerkt hätte:

"Nun, zur politischen Opposition in der DDR hat Gauck nicht gezählt. In den systemkritischen Friedens- und Umweltgruppen im Umfeld der Evangelischen Kirchen trat er nicht in Erscheinung. Im Netzwerk der Oppositionsgruppen war er nicht vertreten. An der Oekumenischen Versammlung, die 1988 und 1989 die wichtigsten Freiheitstexte gegen die SED und ihre Politik veröffentlichte, hat Gauck nicht teilgenommen.

Es gibt keinen Text von Joachim Gauck, der in der DDR von Hand zu Hand gereicht wurde. In den Publikationen, die in der DDR von kritischen Gruppen illegal herausgegeben wurden, taucht der Name Gauck als Verfasser nicht auf. Joachim Gauck hat sich im Oktober 1989 in Rostock dem „Neuen Forum“ angeschlossen." Gauck sei "ein Bürgerrechtler der letzten Stunde."

Dieses Urteil eines westdeutschen Korrospondenten wurde auch in der SZ bemerkt. An dem gezeichneten Bild über den Pastor stimmt etwas nicht:Wenn er verabsäumt, von seinen vorbildlichen Erfahrungen als Dissident zu erzählen, dann mag das damit zu tun haben, dass er solche Erfahrungen nicht gemacht hat und sich seinen Ruf als Bürgerrechtler nicht kaputtmachen will.

´Auf der Bühne der DDR kam er nicht vor´, sagt der westdeutsche Journalist Gerhard Rein der Süddeutschen Zeitung. [...] Anlässlich des Kirchentags in Rostock 1988 wurde Rein auf Gauck aufmerksam. Er erinnert sich, dass dieser damals gesagt habe, die gute Außenpolitik der DDR müsse sich nun auch im Inneren bewähren.“

Können wir wirklich von einem ehrlichen Mann reden?

Gauck streut solche Fehlinformationen über sich zwar, soweit mir das bekannt ist, nicht selbst. Doch müsste er, dem so gerne Ehrlichkeit bescheinigt wird, seine Geschichte nicht klar stellen? Der frühere Pastor, Oppositionelle und Grünen-Politiker Hans-Jochen Tschiche würde diese Frage wohl mit einem eindeutigen Ja beantworten:

Die deutsche Öffentlichkeit [...] behängt ihn mit Würdigungen, die er nicht verdient. Er ließ sich in München bei einer Preisverleihung mit den Geschwistern Scholl vergleichen und wurde noch nicht einmal schamrot. Er hat niemals zur DDR-Opposition gehört, deren Akteure man im heutigen Sprachgebrauch Bürgerrechtler nennt. Er verließ erst Ende 1989 die schützenden Mauern der Kirche und kam über das Neue Forum in die Volkskammer.

Aus dem Blätterwald tönt es nun: Der Bürgerrechtler Gauck. Und er reist ohne Skrupel auf diesem Ticket durch die politische Landschaft. […] Gauck ist die falsche Person.“

Die SZ hält ihn im gleichen Artikel, in dem sie auf den Widerspruch zwischen Sein und Schein hinweist, für „ein[en] ehrliche[n] Mann“ und ergänzt er sei „ein Pastor, der seiner Gemeinde gern vor Augen hält, wie man sich verhalten soll.“

Der Super-Gauck in den Medien

Die Meinungsmacher helfen kräftig mit, einen falschen Gauck zu inszenieren. Sie können vielleicht auch gar nicht anders. Dieser Gauck lässt sich einfach zu gut verkaufen. Als jemand der unter Ungerechtigkeiten leiden musste. Einer, der engagiert für Wahrheit und Recht kämpfte. Er gilt fern vom Geschäft der Parteipolitik, als perfekt fürs Amt. Einer, der noch Ideale hat. Und immer wieder wird Gauck mit Freiheit in Verbindung gebracht. Er sei „der Freiheitslehrer“, wie das ZDF jüngst verbreitet.

Gauck redet nicht wie der typische Politiker. Er lobt Sarrazin für dessen Populismus, dass er sich nicht in der „Sprache der politische Korrektheit“ ausdrücke wie andere. Die Biologiesierungen Sarrazins lehne er ab, doch Sarrazin mache auf die richtigen Probleme aufmerksam, und zwar so, dass man ihn verstehe. Selbst mischt er diese populistischen „Zuspitzungen“ mit seiner pastoralen Attitüde. So verwendet er in einer als Video verfügbaren Diskussion mit der NZZ denn auch mal eben bewusst den verpönten Begriff „Überfremdung“ um als nächstes über die Überlegenheit des „aufgeklärten“ reformierten Christentums gegenüber eines „voraufgeklärten“ nicht reformierten Islams zu schwadronieren. Als der Juso bei Anne Will dieses ansprechen will, darf Vera Lengsfeld (CDU) dazwischen schreien, Gauck habe das nicht gesagt, dass man dass beweisen müsse. Der Juso darf es gar nicht beweisen, die Will steuert die Diskussion lieber in eine andere Richtung.

Wir können überall in den sogenannten Qualitätsmedien, die Linke würde diesen angeblich über alle Maßen ehrenwerten Bürgerrechtler, der harte Kämpfe im Widerstand gegen das SED-Regime geführt habe, ablehnen, weil dieser gegen die ehemaligen Stasimitarbeiter vorging. Wo dies nicht ausdrücklich gesagt wird, da wird es zumindest suggeriert:

Anne Will sagt dann z.B. dass es die Linkspartei wäre, die Gauck aberkenne, dass er Bürgerrechtler gewesen sei und suggeriert somit, es sei nur die Linke. Die ehemalige DDR-Oppositionelle Vera Lengsfeld darf sich dann darüber empören, diese Partei wisse doch gar nicht, was ein Bürgerrechtler sei, denn sie hat sie verfolgt. Als Gauckgegnerin darf dann eine der Partei die Linke nahestehende Mitarbeiterin der Tafeln in der Runde sitzen. Eine etwas unbedarfte DDR-Nostalgikerin und ehemalige FDJ-Sekretärin für Propaganda und Agitation. Sie erzählt ihre Geschichte und rundet damit das ganze Bild. Das erinnert mich an Fahrenheit 451.

Der ehemalige Kandidat der Partei die Linke, Peter Sodann, saß im Gegensatz zu Gauck, aus politischen Gründen in DDR-Haft. Das von ihm geleitete Kabarett „Rat der Spötter“ war wohl zu kritisch. Man sinnierte aber lieber über die merkwürdige Idee der regierungsunfähigen Ex-DDR-Staatspartei, irgendeinen einen Tatortkommissar aufzustellen. Einen ausgemachten Spinner auch noch, der die BRD nicht demokratisch findet und meint, Hartz IV hätte mit der Würde des Menschen nicht viel zu tun. Auch sowas erinnert mich an Fahrenheit 451. Die Ware Gauck dagegen ist für die Medien allerdings eine Ware wie aus dem Katalog. Ich muss an Marx denken: „Die erste Freiheit der Presse besteht darin, kein Gewerbe zu sein.“ Und auch an Georg Lukasz und seine Worte über den warenförmigen Journalismus:

Der spezialistische ,Virtuose', der Verkäufer seiner objektivierten und versachlichten geistigen Fähigkeiten wird aber nicht nur Zuschauer dem gesellschaftlichen Geschehen gegenüber, sondern gerät auch in eine kontemplative Attitüde zu dem Funktionieren seiner eigenen, objektivierten und versachlichten Fähigkeiten. Am groteskesten zeigt sich diese Struktur im Journalismus, wo gerade die Subjektivität selbst zu einem abstrakten Mechanismus wird. Die .Gesinnungslosigkeit' der Journalisten, die Prostitution ihrer Erlebnisse und Überzeugungen ist nur als Gipfelpunkt der kapitalistischen Verdinglichung begreifbar."

Wie Gauck zum Kandidaten wurde. Springers Fahrstuhl

Die Financial Times Deutschland berichtete über die „Entdeckung“ Gaucks als Kandidaten für das oberste Staatsamt:

Inzwischen geben die rot-grünen Parteigranden sogar ehrlich zu, wer sie auf die Idee mit dem Kandidaten Joachim Gauck gebracht hat: Thomas Schmid war es, Chefredakteur der “Welt” aus dem Verlag Axel Springer.
Als Gaucks Kandidatur dann offiziell war, jubelten “Welt” und “Bild” (“Yes, we Gauck”) so demonstrativ und laut, dass Kanzlerin Angela Merkel mehrmals zum Telefonhörer griff, um sich bei Verlegerin Friede Springer zu erkundigen, was denn mit ihrem Verlag los sei.“

Was Angela Merkel genau zu Friede Springer gesagt hat oder ihr auf der Mailbox hinterließ, ist zwar zu ihrem Glück nicht öffentlich, doch ist das schon ein bemerkenswerter Vorgang. Aber wir wissen ja, wer mit diesen Leuten im Fahrstuhl nach oben fährt, der wird mit ihnen irgendwann auch wieder nach unten fahren.

Bei den traditionelleren Medien heißt es jüngst, die Netzgemeinde würde sich auf einmal gegen ihren ehemaligen Liebling stellen. Der Spiegelfechter schrieb schon 2010, dass der Hype um Gauck durch geschickte PR gemacht wurde und fand dabei weitere Spuren zur Entstehung des Phänomens Gauck raus. Er sieht den Unternehmensberater und FDP-Mitglied Christoph Giesa in entscheidener Rolle. Er gründete die Facebook-Gruppe „Joachim Gauck als Bundespräsident“. Der Spiegelfechter weiter: „Mit dieser Idee war Giesa nicht alleine, auch der Urenkel des letzten deutschen Kaisers sammelt auf Facebook Gauck-Sympathisanten. Giesa scheint allerdings besser vernetzt zu sein und sammelte binnen weniger Wochen immerhin über 10.000 Klickaktivisten.“

Es fingen BILD, Spiegel und andere „Qualitätsjournalisten“ an, Gauck hoch zu schreiben. Die Klicks wurden so auch immer mehr. Es wurden auch noch andere Seiten für Gauck ins Netz gestellt. Die Seite „wir-fuer-gauck.de“ von Nico Lumma, Mitarbeiter der bekannten Werbeagentur Scholz & Friends, und Mitglied des “Gesprächskreis Netzpolitik des SPD-Parteivorstands”. Der Spiegelfechter weiter:

Aber wer glaubt schon an so viele Zufälle? Seltsam nur, dass unter den Erstzeichnern seiner Unterschriftenliste auffällig viele SPD-Politiker sind. Wer gut vernetzt ist, hat jedoch auch im Netz Erfolg. Nachdem der SPIEGEL über die Unterschriftenliste Lummas berichtete, wuchs diese sprunghaft von 1.300 auf momentan “sensationelle” 8.767. Sogar eine Unterschriftensammlung zur Rettung des Karstadt-Warenhauses in der Altstadt von Goslar hatte im letzten Jahr mehr Stimmen sammeln können.“

Ein weiteres Mitglied des “Gesprächskreis Netzpolitik des SPD-Parteivorstands” sei demnach Mathias Richel, Betreiber der Seite mein-praesident.de, ein Mann aus der Werbebranche, der auch einige Wahlkämpfe der SPD betreute.

Welche Taktik könnten die Rotgrüngelben gemeinsam verfolgt haben?

Für SPD und Grüne war Gauck aus Gründen parteipolitischer Taktik eine geniale Idee. Einerseits konnte man durch Gauck einen Keil quer durch das schwarzgelbe Lager und deren Parteien treiben, was im nach „Geschlossenheit“ dürstenden Deutschland, dessen Nationalhymne mit dem Wort „Einigkeit“ anfängt, schon mal was is´.

Die Linke stand 2010 schon als Partei der Ewiggestrigen Antidemokraten da, jetzt, wo sie die ganz goße Koalition nicht mitmacht, umso-mehr. Wer gegen Gauck ist, ist gegen die Demokratie, weil für Stasi-Unrecht. Die bürgerlich-demokratische Freiheit besteht, zumindest für diese Partei, mittlerweile darin, für Gauck und damit für die Freiheit zu sein, oder gegen Gauck und so auch gegen die Freiheit.

Als die FDP auf Gauck umschwenkte, schloß sich der Kreis. Die FDP hatte ihn schon in den Neunzigern ins Spiel gebracht. Die FDP gilt jetzt wieder als selbstständige politische Partei. Rösler darf bei Markus Lanz triumphieren. Und weil sie dem deutschen Michel seinen Kandidaten der Nationalen Einigkeit auf´s Recht zu „Freiheit“ ermöglicht hat, schafft sie es vielleicht wieder über die Fünf-Prozent-Hürde. Die Rotgrüngelben haben ein erfolgreichen Schlag gegen die Linke und Merkel gleichzeitig geführt. Das muss man ihnen erst mal nachmachen.

Das Schlusswort zur postdemokratischen Seifenoper

Mal schauen ob es überhaupt einen Gegenkandidaten geben wird. So weit, so Gauck: „Wir müssen lernen [...] dass wir immer eine Wahl im Leben haben. Vielleicht nicht immer jede Wahl, aber immer eine.“

Vielleicht gibt es ja bald die Direktwahl. Dann wird es vielleicht so laufen:

"Sounds fine," said Mrs. Bowles. "I voted last election, same as everyone, and I laid it on the line for President Noble. I think he's one of the nicest-looking men who ever became president."
"Oh, but the man they ran against him!"
"He wasn't much, was he? Kind of small and homely and he didn't shave too close or comb his hair very well."
"What possessed the ‘Outs’ to run him? You just don't go running a little short man like that against a tall man. Besides, he mumbled. Half the time I couldn't hear a word he said. And the words I did hear I didn't understand!"
"Fat, too, and didn't dress to hide it. No wonder the landslide was for Winston Noble. Even their names helped. Compare Winston Noble to Hubert Hoag for ten seconds and you can almost figure the results."

Aus Ray Bradburys Fahrenheit 451

Nachträgliche Hinweise:

Tschiche legt in der SZ nach

So deutet der Tagesspiegel: Der künftige Bundespräsident. War Joachim Gauck ein Bürgerrechtler?

Steinemeier spricht laut n-tv nach Gaucknmoinierung über Ampel:

18:50 24.02.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Bastian84

Ich hab Politikwissenschaften studiert und lebe in Berlin.
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