Integrationsunwille als Mitgrund für NSU?

In der FAZ schrieb Jasper von Altenbockum:„‚Lichtenhagen‘ brachte manche dieser Sozialalchimisten zur Besinnung.“ Sein neues Thema: Die angebliche Mitschuld von Türken am NSU.
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I

Zu zweifelhafter Berühmtheit kam Jasper von Altenbockum vor allem durch solche Zeilen:

"Ein wütender Mob zündete vor 20 Jahren das Asylantenheim in Lichtenhagen an. Der Terror brachte manchen Sozialromantiker zur Besinnung und machte den Weg für eine gesteuerte Einwanderungspolitik frei."

Der Progrom in Lichtenhagen habe dazu geführt, dass "Sozialromatiker", gemeint ist die SPD, zustimmten, das Grundrecht auf Asyl abzuschaffen, womit dem zündelnen Volkswillen zu verdanken wäre, dass es eine reduzierte Einwanderung in die soziale Hängematte gäbe und man den Ausländern endlich mal Pflichten auferlege:

"Erst 'Lichtenhagen' brachte manche dieser Sozialalchimisten zur Besinnung. Erst der 'Asylkompromiss' des Jahres 1993, erst die Änderung des Grundgesetzes und erst die Regulierung der bis dato mehr oder weniger schrankenlosen Einwanderung haben es möglich gemacht, in die Nähe eines gesellschaftlichen Konsenses über Rechte und Pflichten in einem Einwanderungsland zu kommen – ja, erst einmal darüber, ob Deutschland überhaupt ein Einwanderungsland ist oder nicht.

Erst dann, nach jahrelangem Streit, war es möglich, neue rechtliche Möglichkeiten für eine gesteuerte Einwanderung zu schaffen. Mit den Folgen einer Integrationspolitik, die ignorierte, dass Einwanderung nicht in ein Paradies aus Rechten, Freiheiten und Selbstverwirklichung führt, sondern nur gelingt, wenn Pflichten und Gemeinsinn im Mittelpunkt stehen, hat Deutschland bis heute zu kämpfen."

Das hier Asylpolitik und Einwanderungspolitik einfach mal in einen Topf geschmissen werden: Geschenkt. Zu diesem älteren Fall empfehle ich: http://hogymag.wordpress.com/2012/08/27/jasper-von-altenbockum-erklart-weshalb-terror-gut-ist/

Dort kommt man zu dem Schluss, dass man der Logik Altenbockums zufolge auch sagen könnte:

"Ein rassistischer und antisemitischer Mob randalierte und morderte vor 74 Jahren in Deutschland. Der Terror und Holocaust brachte manchen jüdischen Romantiker zur Besinnung und machte den Weg für eine zukünftige Heimstatt der Juden frei."

Dort auch Hinweise darauf, welche Textstellen nachträglich entfernt wurden. Geändert wurde übrigens eher die Wortwahl, weniger der Inhalt. Die entschärfte Version gibt es hier: http://www.faz.net/aktuell/politik/harte-bretter/harte-bretter-lichtenhagen-11866872.html

II

Das ausgerechnet Altenbockum den Linken vorwirft, Asylbewerber als "Marionetten" beim "Antirassimus" und "Rechtspopulimus stoppen" zu missbrauchen und Politik "Auf dem Rücken der Asylbewerber" zu betreiben, ist dann tragisch komisch. Mit Asylbewerbern zusammen Politik zu machen, gegen Bedingungen die gar nicht "so unmenschlich [sic]" (wie umenschlich darf es denn sein?) seien, scheint verwerflich zu sein. Das man dabei politsiche Forderungen erhebt, statt sich um "Einzelschicksale" zu kümmern, sie wohl ebenfalls verwerflich. http://www.faz.net/aktuell/politik/harte-bretter/harte-bretter-auf-dem-ruecken-der-asylbewerber-11962697.html

Weniger verwerflich scheint es ihm zu sein, Politik auf dem Rücken verbrannter Asylbewerber und, wie wir unten noch sehen werden, erschossenener Türken zu machen.

III

Nun wer den Progromen Anfang der 90er etwas Positives abgewinnen kann, der hat sicherlich Interessantes über die Terroristen der NSU zu sagen. Nämlich, dass die Türken ja auch irgendwie Schuld daran sind, weil sich so viele von denen einfach nicht integrieren wollen. In seinem aktuellsten Artikel schreibt er:

"Warum es aber unzulässig gewesen sein soll, Sicherheitsfragen in den Vordergrund zu stellen, wie es muslimische Verbände und die SPD jetzt und schon früher kritisierten, ist angesichts des NSU-Terrors eine recht eigenartige Perspektive. Extremismus und Terror gehören zu den Gründen, warum eine Minderheit der Muslime nicht integrationswillig ist; das wiederum ist einer der Gründe für islamfeindlichen Extremismus und Terror." http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/islamkonferenz-zumutungen-des-rechtsstaates-12175994.html

Aha. Die NSU zog wohl mordend durchs Land, um ihren Beitrag zur Integrations- und Sicherheitspolitik zu leisten. Und wieder die selbe perfide Logik: Der NSU-Terror zwinge ja gerade zu einer Perspektive, das Sicherheitsfragen im Zusammenhang mit Integration zu bereden sein. Als würde durch diese Politik bei der Islamkonferenz nicht ununterbrochen der Generalverdacht gegen Muslime, diese seien Extremisten und Terroristen, geschürt werden.

Stellen wir also fest: Nazis morden, weil die Türken sich nicht integrieren wollen und Linke generell Sozialromantiker sind. Eine Mitverantwortung für die Taten der Nazis tragen also immer die Opfer selbst und jene Leute, die die Ressentiments bekämpfen, die den Nährboden des Nazismus bereiten.

IV

Hat die NSU überhaupt wegen mangelnder Integration gemordet? Als Heinz Buschkowsky im Zusammenhang mit einer Gedenkveranstaltung für NSU-Opfer über angebliche Integrationsversäumnisse der Migranten schwadronierte, schrieb publikative.org unter der passen Überschrift "Einmal die Klappe halten, schweigende Mehrheit!" so einiges, was man hiermit auch mal Altenbockum mitteilen kann:

"Die Opfer wurden nicht von den Rechtsterroristen ermordet, weil sie besonders schlecht oder ausgesprochen gut, so wie Buschkowsky & Co. sich das wünschen, integriert waren, nein, sie wurden mit Kopfschüssen exekutiert, weil sie Migranten waren. Und sie wurden posthum öffentlich zu angeblichen Kriminellen gemacht, weil sie Migranten waren. Und weil sie Migranten waren, wird sogar an dem Tag der Trauerfeier über ihre vermeintlichen Versäumnisse gesprochen, anstatt die rechtsextreme Parallelwelt in Teilen Ostdeutschlands zu thematisieren, aus denen die Täter stammen, oder über Rassismus in den Medien, oder über einen designierten Bundespräsidenten, der ausdrücklich den Begriff “Überfremdung” benutzt.

Aber nein, damit würde man den Blick auf das eigentliche Problem lenken, auf den weit verbreiteten Rassismus in Deutschland. Da ist es doch bequemer über die Migranten zu palavern, die sich sowieso nicht anpassen wollen und angeblich überwiegend kein Deutsch können, auch wenn Migranten so angepasst sein können, wie die Deutschen es wollen, sie bleiben dennoch Migranten. Dem deutschen Blutsrecht und den tief verankerten völkischen Ansichten in der Bevölkerung sei Dank: Deutscher wird man nicht, Deutscher ist man.

[...]

Eine Rebellion des verrohenden Bürgertums gegen die, die unter ihnen stehen und keine Lobby haben, Feigheit und dumpfe Vorurteile wurden als Mut und kritisches Denken verkauft. Und selbst im direkten Umfeld der Trauerfeier, mit dem der Opfer der deutschen Rassisten gedacht wurde, konnten die mal-Sager nicht einmal die Klappe halten." http://www.publikative.org/2012/02/23/einmal-die-klappe-halten-schweigende-mehrheit/

V

Wie die Debatten um den angeblich allgegenwärtigen islamistischen Terror aber hätten helfen können, den NSU-Terror zu verhindern? Eine Antwort darauf gibt es nicht. Die dazu nötige Denkakrobatik wäre bestimmt spannend.

Altenbockum ist ein großer Experte in der Verallgeminerung mittels Begriffen oder Begriffsreihen wie Extremismus und Terror. Sein Beiträge dazu sind mir ein Beleg dafür, wie beim Denken in Breibegriffen wie Extremismus auch nur Brei heraus kommen kann. http://inex.blogsport.de/offener-brief-gegen-jeden-extremismusbegriff/

Nehmen wir mal das Beispiel:

"Für die politische Kultur Deutschlands ist auch das noch etwas Neues: rechte, linke und islamistische Extremisten, die sich jeweils bis in die Tiefen des Terrorismus hinein gegenseitig bekämpfen, aufheizen und übertrumpfen." http://www.faz.net/aktuell/politik/nsu-prozess/nsu-prozess-die-hydra-12173582.html

Der Tenor erinnert auch ein bisschen an das gelöschte Video der sogenannten Bundeszentrale für Politische Bildung. Diese Bundeszentrale für Propaganda hatte behauptet: "Die Linken fackeln Luxuskarossen ab, die Rechten KONTERN mit den sogenannten Dönermorden." Sinnvoll muss auch diese Aussage nicht sein, Hauptsache man hat mal festgestellt, dass an den Extremisten erstmal die Extremisten schuld sind, und man etwa vom sozialen Klima absehen kann. http://www.youtube.com/watch?v=5PdHHiUq-1Y

Den Schluss ließ auch schon der ältere, traurig berühmte, Text zu:

"Der Autor spricht von Exzessen. Als wäre ein vollkommen berechtigter Protest plötzlich aus dem Ruder gelaufen. Als wäre die “Kritik” legitim und nur die Umsetzung etwas “zu viel des Guten”. Aber eigentlich doch auch nicht, oder? Schließlich haben diese “Ausschreitungen” dazu geführt, dass endlich eingesehen wurde das Multikulturalismus nicht funktionieren kann. Problem waren also eigentlich all jene, die sich für eine gleichberechtige Gesellschaft einsetzten, nicht diejenigen, die Menschen angriffen.

[...] Er sähe durchaus eine Verbindung zwischen den Vorkommnissen in Rostock vor zwanzig Jahren und den NSU-Morden, halt diese Entwicklung einer 'gewaltbereiten rechtsextremistischen Szene'. Aber mit den Normalbürger_innen hat das nichts zu tun. Rassismus. Das ist das, was (Neo-)Nazis machen. Dass Politiker_innen und Sicherheitsbehörden in Rostock versagt hätten, hält von Altenbockum für eine Übertreibung. Aber noch perfider sei es zu behaupten, dass Politiker_innen die Stimmung von vor 20 Jahren nutzten um das Individualrecht auf Asyl einzuschränken." http://afrikawissenschaft.wordpress.com/2012/08/26/rassistischer-normalzustand-bei-der-faz/

VI

In einem anderen Artikel fragt Altenbockum: "Doch fand der Aufstieg des 'Nationalsozialistischen Untergrunds' nicht genau dort statt, wo der Rechtsextremismus demnach hingehören soll: ausgegrenzt, tabuisiert, verachtet, subkulturell?"

Und gibt sich dann selbst die Antwort:

"Wie diese Subkultur zurückgewonnen werden kann, die aus der Mitte der Gesellschaft herausgewachsen ist, sich abwendet und radikalisiert, ist noch immer ein schwach beackerter Weg, vielleicht deshalb, weil er wesentlich steiniger ist als der einfache Weg wiederkehrender und eingeübter Empörung. Dem Linksextremismus ergeht es anders: Hier steht Resozialisierung im Vordergrund, vielleicht deshalb, weil nicht jedem, der das propagiert, gleich der Vorwurf gemacht wird, ein Rassist oder Faschist zu sein."

Und nicht nur, dass der Linksextremismus salonfähig sei, nein, die Tatsache, dass man Nazis ausgrenze, helfe diesen doch erst:

"Eine breite Öffentlichkeit spielt dagegen das Spiel des Rechtsextremismus unfreiwillig mit - nichts ist Extremisten schließlich angenehmer als entsetzte Beachtung, schäumende Polarisierung und das Hochschaukeln rigoroser und moralistischer Tendenzen." http://www.faz.net/aktuell/politik/nsu-prozess/nsu-prozess-die-hydra-12173582.html

Nazis beziehen in der Regel ihre politische Motivation vor allem daraus, dass sie sich als Vertreter der „schweigenden Mehrheit“, als Vollstrecker eines wie auch immer gearteten "Volkswillens" begreifen. Stellvertretend dafür wörtlich aus einem Booklett der Naziband Stahlgewitter:

"Alles was wir tun ist richtig, denn wir sind im Recht.

Wir sind die Vollstrecker der schweigenden Mehrheit!" z.n.: http://jugendinfo-gegen-rechts.de/artikel.php/448/15753/funktion-und-bedeutung-rechtsextremer-rock-musik.html

Altenbockum treibt hier den alten Mythos der Nazis an, sie wären Widerstandskämpfer und würden lauter Dinge sagen, die die schweigende Mehrheit nur deswegen nicht sage, weil sie nicht es dürfte. Obschon Sarrazin in jedem einzelnen Polittalk, Buschkowsky im Rahmen einer NSU-Gedenkveranstaltung und eben auch Altenbockum mit seinen Artikeln zeigten, dass man hierzulande wirklich jeden Mist äußern darf. Der Verwechslung von "bitte nicht sagen" oder "nicht sagen sollen" mit "nicht sagen dürfen" wird hier Vorschub geleistet.

"nichts ist Extremisten schließlich angenehmer als entsetzte Beachtung, schäumende Polarisierung und das Hochschaukeln rigoroser und moralistischer Tendenzen", dass mag für Punks gelten, aber nur sehr begrenzt für Nazis. Nazis gehen eher damit hausieren ganz normale Deutsche zu sein, die ganz normale bürgleriche Werte verträten. Sie veranstalten haufenweise Kinder-, Familien- und Nachbarschaftsfeste und füllen in manchen Gegenden als Einzige die Lücken im sozialen Zusammenhalt (Von dem andere aber ausgeschlossen sind).

Was Herr von Altenbockum in den erwähnten Artikeln schrieb, ist geeignet, die Nazis in ihrem Glauben zu bestärken. Und dass er die Ergebnisse der Taten der Nazis, z.B. die Abschaffung des Grundrechts auf Asyl, begrüsst, hinterlässt einen besonders bitteren Nachgeschmack.

Nachtrag I

Auch Tom Strohschneider schreibt darüber:

"Unter der Überschrift „Zumutungen des Rechtsstaates“ bekommt man vor allem eines serviert: eine politische Zumutung, die nach der bisherigen Diskussion über die gesellschaftlichen Hintergründe der Mörderbande NSU kaum noch für möglich gehalten werden konnte.

Die ebenso schlichte wie gefährliche Aussage: Die Muslime sind irgendwie selbst Schuld am Rechtsterror, den mitbetrieben zu haben sich zurzeit Beate Zschäpe vor Gericht verantworten muss. „Extremismus und Terror gehören zu den Gründen, warum eine Minderheit der Muslime nicht integrationswillig ist; das wiederum ist einer der Gründe für islamfeindlichen Extremismus und Terror“, so die Worte des FAZ-Leitartiklers. Wie bitte? Der NSU hat, auf perfide Weise bringt das unter anderem das Bekenner-Video zum Ausdruck, neun Migranten hingerichtet, weil sie eben dies in den Augen der Neonazis waren: Nicht-Deutsche. Dies hinter einem kruden Zirkelschluss verschwinden zu lassen, in dem sich Extremismus, Integrationsunwilligkeit und rechter Terror gewissermaßen die Hand reichen, verhöhnt nicht nur die Opfer und ihre Hinterbliebenen. Die NSU-Morde werden so auch aus ihrem rassistischen, menschenverachtenden Zusammenhang gerissen und wie im Vorbeigehen das Täter-Opfer-Verhältnis umgekehrt. Eine Zumutung." http://www.neues-deutschland.de/m/artikel/820999.html

Nachtrag II

Auch publikative.org berichtet jetzt. Ein Auszug zu dem aktuellen Artikel:

"Bemerkenswert ist indes, dass von Altenbockum Muslimen (Ausländern) nicht nur eine Mitschuld am NSU-Terror zuschiebt, sondern ihnen auch noch unterstellt, den deutschen Rechtsstaat abschaffen zu wollen. Von Altenbockum schreibt:

“Oder wie sind Äußerungen Kenan Kolats zu verstehen, des Vorsitzenden der ‘Türkischen Gemeinde in Deutschland’, der eine ‘Verquickung zwischen den Sicherheitsbehörden und dem NSU’ unterstellt und dem Oberlandesgericht einen kurzen Prozess mit ‘Höchststrafe’ empfiehlt? Die Zumutungen des Rechtsstaates sollten nicht damit enden, dass er abgeschafft wird.”

Und wie ist es zu verstehen, dass die FAZ den NSU nicht in Anführungszeichen setzt, die Türkische Gemeinde in Deutschland aber schon?" http://www.publikative.org/2013/05/10/faz-integrationsunwillige-mitschuldig-am-nsu-terror/

Nachtrag III

Aus dem NSU-Prozess-Blog:

"Was hat Integration mit Terrorismus zu tun? – das NSU-Medienlog vom 10. Mai 2013

Von Mirjam Schmitt 10. Mai 2013 um 10:07 Uhr

An jedem Werktag fassen wir im NSU-Prozess-Blog die wichtigsten Medienberichte, Blogs, Videos und Tweets zusammen. Wir freuen uns über Hinweise via Twitter mit dem Hashtag #nsublog – oder per E-Mail an nsublog@zeit.de.

Ein Überblick über die Berichte der letzten 48-Stunden:

[...]

Empörung über einen Kommentar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: Schon am Dienstag schrieb Jasper von Altenbockum anlässlich der Islamkonferenz: “Warum es aber unzulässig gewesen sein soll, Sicherheitsfragen in den Vordergrund zu stellen, wie es muslimische Verbände und die SPD jetzt und schon früher kritisierten, ist angesichts des NSU-Terrors eine recht eigenartige Perspektive. Extremismus und Terror gehören zu den Gründen, warum eine Minderheit der Muslime nicht integrationswillig ist; das wiederum ist einer der Gründe für islamfeindlichen Extremismus und Terror.”

@zeitonline @besser_deniz @titanic @mdb_stroebeleDie angebliche Mitschuld von #Türken am #NSU. #nsublog freitag.de/autoren/bastia…

— Bamm Bamm (@BammdeBamm) 8. Mai 2013

Für diese Aussage hagelte es Kritik: “Integrationsunwille als Mitgrund für NSU?” fragte ein User der Freitag-Community.

Publikative: FAZ: “Integrationsunwillige” mitschuldig am NSU-Terror bit.ly/176kcp4 #nazis #nsu

— NSU Watch (@nsuwatch) 9. Mai 2013

Auf publikative.org kritisierte Patrick Gensing die “direkte Linie” die Altenbockum von “integrationsunwilligen” Muslimen zum NSU – und von dort weiter zur Islamkonferenz ziehe." http://blog.zeit.de/nsu-prozess-blog/2013/05/10/pannen-und-verantwortungslosigkeit-das-nsu-medienlog-vom-10-mai-2013/

Nachtrag IV

Auch Akif Sahin schrieb dazu:

"FAZ: Muslime selbst schuld an NSU und Rechtsextremismus

[...]

Der Leitartikel von Jasper von Altenbockum mit dem Titel „Islamkonferenz: Zumutungen des Rechtsstaates“ ist nichts weiter als ein Freifahrtsschein für Rassismus und Islamfeindlichkeit. Mit diesem Text wird der Mord an den NSU-Opfern relativiert und es wird indirekt den Opfern die Schuld für eine menschenverachtende Gesinnung, die zu Mord und Totschlag geführt hat, gegeben.

[...]

Hier werden Opfer und Täter absichtlich vertauscht und Rechtsextremismus als eine Folge von Integrationsverweigerung dargestellt. Wer ein solches Weltbild hat und angesichts der mörderischen Taten der NSU zu solchen Bemerkungen kommt, dem ist nicht mehr zu helfen.

Ein Blatt, dass sich als Qualitätsjournalismus-Ding verkauft hat es im Grunde nicht mehr verdient überhaupt noch erwähnt und beachtet zu werden. Ich finde die Redaktion und der Chef-Redakteur sollten sich schämen, dass sie einen solchen Artikel überhaupt mittragen und der Öffentlichkeit präsentiert haben. Es ist eine Schande. Die FAZ ist kein Qualitäts-Medium, sondern ein Hetz- und Hass-Blatt das Opfer von Rechtsextremisten und Rechtsterroristen verhöhnt. Glücklicherweise wird auch die FAZ vom Zeitungssterben irgendwann betroffen sein. Hinterher weinen werde ich ihr ganz bestimmt nicht mehr…

Leider sind aber solche Zeitungen weiterhin in der Lage das Gemüt und den Zustand von Menschen zu vergiften und Hass zu säen gegen Alles was anders ist und einem nicht ins begrenzte Weltbild passt. Es ist schade, dass sie dies unter dem Mantel der Meinungs- und Pressefreiheit tun können. Da hat man am Ende gar keine Lust mehr diese zu verteidigen, wenn dabei das rauskommt…" http://www.akifsahin.de/2013/05/09/faz-muslime-selbst-schuld-an-nsu-und-rechtsextremismus/

Nachtrag V

Patrick Ginseng schrieb für zeit.de einen guten Artikel, den der Herr Altenbockum mal lesen sollte. Dieser widmet sich dem Alltagsrassimus als Mitursache für den NSU-Terror, und der Tatsache, dass die Nazis ihre Ideen nicht in die "Mitte der Gesellschaft tragen würden, sondern umgehrt, sie seien Teile der selbsternannten Mitte, die sich radikalisiere. So wörtlich:

"Ein zunehmend entsichertes Bürgertum wirft zivilisatorische Errungenschaften leichtfertig über Bord; Hetze gegen Arme, Ausländer, Migranten und andere Minderheiten sowie gegen den Staat Israel gehören mittlerweile wieder zum guten Ton."

Die Verbotsdebatte um die NPD sei ein Ablenkungsmanöver, mit dem vom "Rassismus der sogenannten Mitte" und "vom Versagen der Behörden" abgelenkt werde. Die Geheimdienste würden sogar mit weiteren Kompetenzen ausgestattet werden.

Zum Problem gehörten auch die Redaktionen, die überwiegend homogen weiß seien und das Diskriminiert-Fühlen der Minderheiten als subjektives Empfinden abtäten, "genau das aber ist Rassismus: Eine Mehrheit definiert, was sie sich gegen Minderheiten herausnehmen kann."

Ein neuer Nationalismus würde in Deutschland auftreten:

"Deutschland erklärt derweil nicht mehr den Krieg, sondern Flüchtlingsabwehr, Frieden und Sparen. Es ist erstaunlich, mit welchem Brustton der Überzeugung deutsche Friedensfreunde, Sparfüchse, Umweltschützer und Hobbystrategen die Welt lehren, warum man sich an Deutschland orientieren müsse. Früher bezeichnete man so ein übersteigertes Selbstbewusstsein und lehrmeisterhaftes Auftreten übrigens als Nationalismus."

Dabei trete eine Doppelmoral zu Tage: Die Polizei dürfe Kalender mit rassistischen Motiven haben, weil diese, so die Polizei und die CSU, angeblich nicht rassistisch gemeint seien, würde die NPD ähnliches verbreiten, dann wäre die Öffentlichkeit empört. Die NPD dürfe nicht "von Pferderassen schwadronieren", Thilo Sarrazin aber schon. Mit den Worten: "Rassismus und Antisemitismus werden exotisiert und auf die Neonazis abgeschoben" beschreibt Herr Ginseng, wie die bürgerlichen Subkjekte ihren xenobhoben Hass abspalten.

Sogenannte Rechtsextreme seien "in den Regionen besonders stark, in denen Alltagsrassismus besonders virulent",die "NPD [...] Symptom, nicht Ursache des Rassismus". Es sei

"wichtig, über die Neonazis zu berichten. Doch nun muss der nächste Schritt folgen. Wer ausschließlich über die NPD reden will, schweigt über den Rassismus und Antisemitismus der Mehrheitsgesellschaft. Dabei liegt genau hier der Schlüssel, um den Rechtsextremismus zu besiegen." http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-05/gensing-neonazis-mitte/komplettansicht

Nachtrag VI

Manche Medienmacher scheinen aus ihren Fehlern gelernt zu haben:

Medienkritik: Der NDR sendete am Mittwoch im Medienmagazin “ZAPP” einen Beitrag zur NSU-Mordserie. Die Medien hätten die Berichte der Behörden über die “Türken-Mafia” hingenommen und nicht nachgefragt. “Berichtet wurde, was spektakulär klang”, heißt es in dem Beitrag. Selbstkritisch erzählen die Journalisten Frank Jansen und Heike Kleffner, wie sie in vielen anderen Fällen rechter Gewalt an Tatorte gefahren seien, um mit Hinterbliebenen zu sprechen – im Fall der NSU-Morde jedoch nicht.

Zur Frage, warum sie nicht weiter recherchiert hätten, sagte Kleffner. “Ich glaube, dass ich das nicht gemacht habe, dass die Kollegen das nicht gemacht haben liegt auch daran, dass es so eine große Distanz zu ganz normalen türkischen Menschen gibt von weißen deutschen Journalistinnen und Journalisten.” Bedauern sei zu wenig, sagte sie. “Dafür kann ich mich nur entschuldigen bei den Angehörigen.” http://blog.zeit.de/nsu-prozess-blog/2013/05/11/ich-kann-mich-nur-entschuldigen-das-nsu-medienlog-vom-11-mai-2013/

NSU, Medien, Integr
06:35 08.05.2013
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Geschrieben von

Bastian84

Ich hab Politikwissenschaften studiert und lebe in Berlin.
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