Über die Unfreiheit der Liberalen

Klimakrise Warum die Freiheit zu Auto, Flugzeug und übermäßigem Konsum keine Freiheit ist
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Über die Unfreiheit der Liberalen
Die größte Freiheit genießt man in Deutschland im Stau

Foto: Daniel Garcia/AFP/Getty Images

Über den Klimanotstand – auch gerne zum Klimawandel verharmlost – wird, nicht zuletzt dank Greta Thunberg und der Fridays for Future-Bewegung, aktuell heftig diskutiert. Nicht zu vergessen ist dabei, dass diese nur auf längst bekannte Ergebnisse verweisen. Allerdings werden diese Fakten,obwohl sich 97% der aktiven Klimatolog*innen darüber einig sind, von der Gegenseite heftig bestritten. Gründe, die ich zumindest einigen unterstellen würde, sind die Angst vor Veränderung und der Gefährdung der eigenen wirtschaftlichen Überlegenheit. Zumindest wird sehr häufig – neben pseudowissenschaftlichen Behauptungen und Verschwörungstheorien – der Schutz der persönlichen Freiheit als Argument hergenommen.

Gelegentlich ist auch von „Verbotskultur“ die Rede, etwa wenn gefordert wird, einen einzigen Tag pro Woche keine Tiere zu essen oder auf mehr als drei Flüge pro Jahr zu verzichten. Christian Lindner setzt auf ominöse technologische Innovationen, bevor er sich in seinen Privilegien einschränken lässt undUlf Poschardt besteht auf seine Freiheit, ein Auto mit Seele zu fahren. Überhaupt scheinen große, giftige Autos – neben Grillfleisch und geduldetem Sexismus – für einige der Inbegriff der Freiheit zu sein.

Freiheit hat Bedingungen

Auf unserer Freiheit bestehen wir natürlich zu Recht. Insbesondere auf unserer Freiheit vor übermäßiger staatlicher Bevormundung. Allerdings wird gerne vergessen, dass unsere Freiheit immer an Bedingungen geknüpft ist. Die absolute Freiheit hätte nur eine Person, die völlig alleine auf der Erde lebt. Sobald wir mehrere sind, muss die gleiche Freiheit eben auch für die anderen gelten. Auch haben wir gegen staatliche Beschränkungen nichts einzuwenden, wenn es beispielsweise um Gewalt, Betrug oder Sachbeschädigungen geht. Unsere Freiheit zu einem friedlichen Leben haben wir nur, solange wir keine „Freiheit“ dazu haben, anderen Schaden zuzufügen.

Der Staat darf meine Freiheit also da beschränken, wo sie die Freiheit anderer einschränkt, wo sie also keine Freiheit mehr ist, sondern ein Privileg. Ein Privileg ist eine Freiheit, die einer bestimmten Gruppe vorbehalten ist. Freiheit ist etwas, das allen gleichermaßen zukommt.

Privilegien sind keine Freiheiten

Was einige liberale, konservative oder rechtsradikale Politiker*innen schützen wollen, wenn sie (partikulare) wirtschaftliche Interessen über die Klimarettung stellen, das Ganze mit (noch mehr) technischem Fortschritt lösen wollen oder nötige Verbote verhindern möchten, sind also Privilegien.

Nun kann darüber gestritten werden, ob Unterschiede im Einkommen oder im Zugang zu Bildung gerechtfertigt sind oder nicht. Was aber definitiv nicht gerechtfertigt sein kann, ist, dass die einen im Luxus leben (und57,3 Millionen zugelassene Kraftfahrzeuge in Deutschland, exorbitanter Fleischkonsum und die Möglichkeit für einige, jederzeit überall hinfliegen zu können ist nichts anderes als Luxus), während die anderen um ihren Wohnort fürchten müssen, weil sie nicht wohlhabend genug sind, um sich auf irgendeine Weise vor durch den Klimanotstand verursachten Stürmen, Überschwemmungen oder Dürren zu retten.

Die Privilegien der einen verhindern die Freiheit der anderen. Wer von Freiheit spricht, aber nicht alle in diese Freiheit einbezieht, ist entweder unwissend oder ein*e Heuchler*in.

Die Abhängigkeit wird als Freiheit deklariert oder gar empfunden

Obwohl sie sich vorwiegend um die Privilegien einer gut situierten Minderheit kümmern, werden diese Menschen von der Mehrheit gewählt. Das liegt vermutlich unter anderem daran, dass besagte Politiker*innen immer noch recht erfolgreich dabei sind, der Mehrheit einzureden, sie würden sich um deren Freiheit kümmern.

Ein Beispiel hierfür ist das Totschlagargument vom Arbeiter, der auf sein Dieselauto angewiesen ist. Diesem schlecht verdienenden Arbeiter möchte die böse Klimaaktivistin sein Auto wegnehmen. Sie möchte ihn in seiner Freiheit einschränken, so das Narrativ, das zum Beispiel Markus Söder gerne bemüht. Was er verschweigt ist, sind die Unfreiheiten, denen der besagte Arbeiter (von Pfleger*innen, Arbeitslosen, Rentner*innen oder einigen weiteren ganz zu schweigen) dank unserer industriefreundlichen Politik ausgesetzt ist. Er kann sich, obwohl er vielleicht bereit wäre, kein klimafreundlicheres Auto leisten. Autos mit wirklichen alternativen Antrieben sind zu erschwinglichen Preisen ohnehin kaum erhältlich. Er muss vielleicht jeden Tag pendeln, weil er sich in der Nähe seines Arbeitsplatzes keine Wohnung leisten kann. Er hat in seinem Wohnort immer noch keinen Zugang zu öffentlichem Nahverkehr. Und da kommen Politiker*innen, die dafür verantwortlich sind, an und erzählen ihm, sein alter Diesel hätte etwas mit Freiheit zu tun.

Auf der anderen Seite halte ich aber die Privilegierten, die vehement an ihren Vorteilen festhalten, auch nicht für frei. Wessen Selbstwertgefühl davon abhängt, dass sie*er ein hübsch brummendes, großes Auto fahren, Kurzstrecken fliegen, Müllmassen produzieren und60 Kilogramm Fleisch pro Jahressen darf, ist alles andere als frei. Seine*Ihre sogenannte Freiheit hängt von Zufällen ab. Vom Zufall, in einem reichen Land geboren worden zu sein, vom Zufall, vom Bildungssystem nicht ausgesiebt worden zu sein oder von Zufällen, die direkt viel Geld bringen. Für wirklich frei halte ich nur Menschen, die, ohne sich gekränkt zu fühlen, ihre Fehler zugeben, Gewohnheiten ändern und anderen die gleichen Möglichkeiten zugestehen können.

Warum ist das wichtig?

Diese Klugscheißerei um den Begriff der Freiheit ist wichtig, weil die Fehler, die wir damit machen, einigen existenziellen Problemen zugrunde liegen. Es werden Privilegien für Freiheiten gehalten. Der Verzicht auf materielle Vorteile wird mit Unfreiheit gleichgesetzt, während übermäßiger Reichtum und Luxus als Freiheit deklariert werden. Würden mehr Menschen begreifen, wie falsch das ist, hätten wir vermutlich weniger Probleme mit Ungleichheit, Gier, Wirtschaftsverbrechen und Depressionen.

Auch die Rettung des Klimas wird sich mit dem Erhalt solcher Privilegien nicht vereinbaren lassen. Keine technische Innovation wird ausreichen, wenn wir weiter danach streben, immer mehr zu besitzen und unseren Luxus zu vermehren. Und falls doch eine solche Technologie erfunden wird, frage ich mich, wozu. Solange nicht allen klar ist, was uns zusteht und was nicht, wird es immer wieder Probleme geben, seien es nun der ungeregelte Kapitalismus, die Kriege oder eben die Klimakrise.

Jede Klimaschutzmaßnahme, die ohne den kleinsten Verzicht auskommen will, bleibt ein Tropfen auf den heißen Stein bzw. Planeten. Wir müssen nicht unsere Freiheit einschränken, sondern – falls vorhanden – unsere Privilegien abgeben, um die Möglichkeit der Freiheit überhaupt zu erhalten. Wer das kann, ohne sich in seinem Selbstbild angegriffen zu fühlen, ist wirklich frei.

18:14 23.05.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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