Beat Mazenauer

Autor, Literaturkritiker und Netzwerker.
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RE: Die Kehrseite des Hypes | 10.02.2010 | 17:01

"Surf Sample Manipulate" (www.heise.de/tp/r4/artikel/3/3097/1.html)hat der Autor und Medienkünstler Mark Amerika vor mehr als zehn Jahren als ästhetische Losung für die Kunst / Literatur des digitalen Zeitalters ausgegeben. Mit Verweis auf Raymond Federmans "Surfiction"-Vorlesungen: "Wir sind von Diskursen umgeben: historischen, sozialen, politischen, ökonomischen, medizinischen, juristischen und selbstverständlich literarischen." (R. Federman).
Das Internet verführt dazu, all das schöne Material, das sich da finden lässt, zu arrangieren und plagiieren, um daraus neue Formen im Sinn einer anti-ästhetischen Praxis zu schaffen. Vorbild dafür sind die Neoisten(neoism.pleintekst.nl). Oder historisch weiter zurück Debords und Wolmans „Gebrauchsanweisung für die Zweckentfremdung“ von 1956.

Dahinein passt der Fall Hegemann durchaus. Die Crux hier ist bloss, dass Mark Amerika 1. ans Internet als "pla(y)garistichem" (Federman) Medium denkt, und 2. sich natürlich bewusst ist, dass damit das traditionelle Autorenbild ausgehebelt wird, Stichwort "Tod des Autors". Zitat Amerika: "Wie wir wissen, haben alle unsere Freunde aus der Buchkultur, gefangen in Urheberrechtsgesetzen, die der Diskussion über sogenanntes geistiges Eigentum die Richtung geben, ein Problem mit solchen offenen Demonstrationen von Ablehnung der Konzepte von Besitz und Originalität."

Ein traditionelles Buch erscheint in einem traditionellen Verlag und wird von traditioneller Literaturkritik begutachtet, dies suggeriert aber alles andere als eine anti-ästhetische Praxis. Dies Konzept steht vielmehr für Inspiration, Autorität und Originalität. Genau darin liegt das Verfängnis. Playgiaristisch ein handelsübliches Buch zu schreiben, verstösst gegen den plagiaristischen Codex: Es unterminiert nicht das System, sondern stützt es. In diesem Sinn ist der Autorin Hegemann ein nonchalant naiver Umgang mit ihrer eigenen Ästhetik anzukreiden. Das Netz als Schreibhilfe, das haben Mark Amerika und Raymond Federman nicht gemeint.

RE: Sturm über Tel Aviv | 23.01.2010 | 17:09

Nir Barams Buch ist ein treffliches Beispiel dafür, wie Literatur mehr auszusagen vermag als tausend politische Kommentare. Anders als mit literarischen Explorationen, scheint es, lassen sich die gesellschaftlichen Befindlichkeiten im Nahen Osten kaum verstehen. Baram oder Assaf Gavron hier, Mahmud Darwisch und andere dort.

RE: Die Kunst des höheren Abschreibens | 23.01.2010 | 17:01

Ingo Arend ist zuzustimmen. Der Nachweis der Quellen ist sicherlich eine hohe Tugend - andererseits aber soll nicht immer so getan werden, als ob Bücher aus dem Leeraum der genialischen Inspiration entstehen. Gerade wenn sie gesellschaftliche Relevanz haben, nähren sie sich aus dem kollektiven Textspeicher.
Bei der Gelegenheit sei an Philipp Theisohns jüngst erschienenes Buch "Plagiat. Eine unoriginelle Literaturgeschichte". Einen Angelpunkt des Geniebegriffs ortet er in Goethes "Prometheus"-Gedicht:
"Hier sitz' ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde..." -
doch nicht vergessen werden dürfe dabei, so Theisohn, dass dieser Schöpfungsakt mit dem Diebstahl des olympischen Feuers eng verknüpft sei. Und trotzdem bleibt es auch Prometheus' Werk.

RE: Zukunft / Freitag / Bezahltes Internet | 02.10.2009 | 20:43

In diesem Senf steckt einiger Pfeffer (der auch in anderen Beiträgen schon drin ist). Das Grundproblem ist, dass wir über kurz oder lang wieder vermehrt Bezahldienste im Netz haben werden und haben wollen. Bereits jetzt ist zu spüren (vgl Google-Suche), dass Alles viel zu wenig ist. Vor lauter Links keine Inhalte mehr. Hier liegt meines Erachtens ein Schlüssel für Bezahlung im Internet. Davon betroffen aber wird nicht die Community sein. Das Argument der freien gedanekn im Internet wird zwar gerne etwas überstrapaziert, dennoch muss für Geld mehr geboten werden als eine freie Diskussion. Spezielle Dienste (irgendwo weiter oben war die Rede von Spezialzeitschriften wie c't mit ausgeklügelter online-offline-Differenzierung) - solche Dienste können leichter fordern als eine Publikumszeitung. Doch für das Archiv?
Vor allem gilt es zu überlegen, welche Bezahlsysteme und -modalitäten zur Anwendung kommen. Abos, Micrpayments, eine Flatrate ... hier ist das Ei des Kolumbus noch auszubrüten. Ohne einfach darauf sitzen zu bleiben, allerdings ;-)

RE: Nicht ohne mein geistiges Eigentum | 23.08.2009 | 12:45

Googles Agreement ist vordergründig natürlich eine feine Sache. Gerade im Bereich der vergriffenen Bücher wirkt das überzeugend: Zugang zum schriftlichen Welterbe, online und frei. Fraglich aber bleibt, ob Google hier wirklich den Philantropen spielen will - oder bloss ein neues Markttool mit Anfangsrabatten einführt.
Was man hat, hat man. Im Google-System steckt der Monopolist von morgen, der die eigenen Inhalte abschottet (rechtlich schützt) und seinerseits mit gutem Gewinn verkauft. Google also als Bibliothek, Buchhändler und (soweit wird es auch noch kommen) Verleger. Hier sind Bedenken anzumelden. Und intelligentere, sprich kleinere Lösungen auszudenken, die dem digitalen Monopol eine Alternative entgegensetzen auch im Sinn von Urheberrecht und geistigem Eigentum. (Dass auch hierzu neue Überlegungen angestellt werden müssen, ist nicht zu bestreiten.)
Vieles ist im Fluss - aber es gilt, genau hinzusehen und monopolare Entwicklungen kritisch zu beobachten. Im Fall von Google muss das Motto gelten: "Alles ist viel zu wenig".

RE: Ammann gibt auf | 14.08.2009 | 18:18

Wirtschaftliche Gründe spielten mit, in einem Radio-Interview hat Egon Ammann aber auch geäussert, er sei überzeugt, dass sich Verlage heute auf das Internet einstellen müssten, was er sich nicht mehr zutraue.
Die Frage nach der Bedeutungslosigkeit ist demnach ganz grundsätzlich aufgeworfen. Das "anspruchsvolle" Buch verschwindet, weil es sich nicht rechnet, derweil andere Sparten verstärkt auf Software umstellen. Eine Frage, keine Behauptung.
Jüngst hat übrigens auch Urs Engeler in Basel (ein unprofitables Unternehmen mit wunderbaren Büchern) aufgegeben, weil sich der Drucksponsor zurückgezogen hat.

PS: Ein "n" geht auf meinen Namenn.

RE: Materialkunde | 04.08.2009 | 23:56

Eine kleine Ergänzung zu dieser schönen Liste, speziell zu Queneaus "Stilübungen".
Demnächst wird ein unlängst wieder entdeckter Text von Georges Perec auf Deutsch erscheinen: "Über die Kunst sienen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten" (Klett-Cotta). Der Oulipot Perec verfolgt darin eine anderen Strategie. Er fächert nicht Variationen einer Szene, sondern übersetzt ein binäres Organigramm (der Chef ist im Büro / der Chef ist nicht im Büro etc) in einen interpunktionslosen Lauftext, der alle Möglichkeiten beinhaltet. Das klingt schrecklich unleserlich, ist aber hinreissend virtuos gelöst.
Die implizite Aktualität liegt auf der Hand: auch die binäre Welt aus Nullen und Einsen benötigt Geschichten am Laufmeter.

RE: 140 Zeichen geballte Belletristik | 12.07.2009 | 01:35

Wie die Texte zeigen: die kurze Form ist nicht gering zu schätzen. Dies bestätigt auch eine Erzählung von Peter Bichsel aus dem Buch "Zur Stadt Paris" - summa summarum 109 Zeichen, Titel inklusive !)

"Sehnsucht.
In Langnau im Emmental gab es ein Warenhaus. Das hiess zur Stadt Paris. Ob das eine Geschichte ist?"