Die Kloake als Goldgrube

Damenbegleitung Der slowakische Schriftsteller Michal Hvorecky zeichnet in seinem neuen Roman „Eskorta“ ein zwiespältiges Bild von Mittelosteuropa nach 1989

Blühende Landschaften wurde 1989 den Menschen im Osten Europas versprochen. Nun blühen sie tatsächlich, doch wie sich zeigt, treibt die gesellschaftliche, ökonomische und politische Entwicklung auch seltsame und unerwartete Blüten. Im Titel seines zweiten auf Deutsch erschienen Romans, Eskorta, spielt der slowakische Autor Michal Hvorecky auf eine der neuen Errungenschaften an.

Die Frauen der aus dem Westen importierten Firmenbosse suchen Trost bei adretten, gut gebauten Osteuropäern. „Eskorta“ heisst der führende Begleitservice im Raum Bratislava, Michal Kirchner wirkt bei ihr als einer der begehrtesten Außendienstmitarbeiter. Die perfekte Dienstleistung verströmt Charme und Schönheit, darauf legt Michal grossen Wert. Die Arbeit gefällt ihm und füllt ihn aus. Von ihrem Erlös kann er sich fast alles leisten. Die Zukunft kommt erst später – aber unabwendbar.

Im Roman City (der Freitag vom 17. 3. 2006) zeichnete Hvorecky ein grelles, überdrehtes Bild der mittelosteuropäischen Gesellschaft mit abgründigen, futuristischen Zügen. Mit Eskorta knüpft er daran an, insbesondere im letzten Teil. Zuerst jedoch erzählt uns Hvorecky die merkwürdige Familiengeschichte Michals, die in schnellen Schnitten auch eine Geschichte des tschechoslowakischen Kommunismus beinhaltet. Über zwei Generationen hinweg entstammt Michal einer Dynastie von Homosexuellen. Unter dem Druck der Nazis tat sich der illustre Prager Rechtsanwalt Herbert Kirchner mit einer stadtbekannten Lesbe zusammen, um den Schein familiärer Anständigkeit zu wahren. Beiden nützte es nichts, sie wurden im KZ umgebracht.

Ihr gemeinsamer Sohn Josef wiederholte unter neuen Umständen diesen Dreh und heiratete die abenteuerliche Lesbe Hana. 1973 kam ihr Sohn Michal zur Welt und wuchs in einem Haushalt auf, dessen Liebeschaos von der Polizei streng observiert wurde. Ein Schelm, der dies nicht ausnützen würde.

Begleiter von Frauen

Der kleine Michal verstand sich schon früh darauf, der Polizei nichts zu verraten, dafür aber die Eltern um dies und jenes zu erpressen. So entwickelte er seine eigenen Strategien, mit der Welt fertig zu werden. Was seine Zukunft anbelangte, blieb er jedoch seltsam antriebslos. So kam Michal nach der Wende 1989 die Ausschreibung der Firma Eskorta gerade recht. Er wird schnell zu einem stilsicheren, galanten, amüsanten Begleiter von Frauen in allen Lebenslagen.

Sex ist eine schnelle und sichere Währung in Konsumgesellschaften, allem voran in solchen, die sich gerade dahin entwickeln. In Hvoreckys Roman wird Sex zur kompatiblen Währung zwischen Ost und West – wobei immer weniger klar ist, was wohin gehört. „Der Westen ist jetzt im Osten“ lässt er seinen Helden räsonnieren – allerdings nur solange dieser die Boomtown nicht verlässt. Denn kurz hinter „Bratislava-Gratislava“ beginnt das archaische Bauernland, das auch Michal zutiefst erschreckt, als er damit konfrontiert wird. Aus Furcht hat er dafür nur Spott und Hohn übrig.

Solange Michal jung ist, lebt es sich gut. Mit 30 aber überschreitet er unweigerlich den Zenit der Jugendlichkeit, seine oberflächliche Lässigkeit beginnt abzublättern. Bis zu diesem Zeitpunkt erzählt uns Hvo­recky einen munteren, zuweilen prickelnden Schelmenroman, der ein bitteres Schlaglicht auf die eigene Gesellschaft wirft.

Eine gewisse Unstetigkeit ist dabei leider nicht zu überlesen. Wunderbar boshafte, schräge Beschreibungen wechseln sich ab mit eher leblosen Aufzählungen, etwa von Stadtbildern oder Frauenbekanntschaften. Der Roman findet keine perfekte Balance zwischen spitzer Karikatur und Realitätsbezug. Zudem macht auch der Held nicht immer glückliche Figur. Als Person bleibt er ambivalent ungreifbar, wogegen die Umgebung, in der er sich bewegt, aus seiner Warte zu sehr mit Klischees eingedeckt wird. Michal verfügt über großes Talent, wenn es ums Lügen und Schauspielen geht, doch in wichtigen Momenten gebärdet er sich eigentümlich geduckt und ängstlich. Das will nicht so recht zusammenpassen. Vergeblich versucht er sich gegen die sukzessive Herabstufung bei Eskorta zu wehren.

Er tröstet sich mit der Tochter einer ehemaligen Kundin, ja er liebt sie. Sie aber stirbt unter tragischen Umständen, seinetwegen. Schließlich wird ihm ganz handfest klar gemacht, dass er als Begleiter ausgedient hat.

Da verlässt Michal Bratislava, und tritt im westlichen Berlin in eine Phase der hektischen, sexuellen Konversion ein. Nachdem er mehrere Packungen eines neuen hormonellen Verhütungsmittels, für das er einen knackigen PR-Artikel schreiben sollte, eingenommen hat, beginnt sich sein Körper rasant zu verändern. Brüste wachsen ihm, und „dann fiel mir eines Nachts der Penis ab“. Bei einem Escort-Service ordert er respektive sie, nun Michaela, einen hübschen Osteuropäer, um sich von ihm ein Kind machen zu lassen.

Was der Roman zuvor vermissen lässt, holt hier Hvorecky lebhaft hektisch nach. Er verbiegt die Wirklichkeit zur Kenntlichkeit, indem er seinem Helden den alten Traum von der Männergeburt erfüllt – als neu gewordene Frau. Die Handlung franst über die Gegenwart hinaus, aber so wichtig ist das gar nicht mehr, weil die Zeit in einem Nebel verschwindet, der Ost und West, Mann und Frau, Wahrheit und Lüge gnädig umhüllt und unkenntlich macht.

. Roman. Michal Hvorecky. Aus dem Slowakischen von Mirko Kraetsch. Tropen, Stuttgart 2009, 250 S., 19,90 Eskorta

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Geschrieben von

Beat Mazenauer

Autor, Literaturkritiker und Netzwerker.
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