Na ja, die Zeit vergeht

Landsleute In ihrem märkischen Heimatroman "Lärchenau" breitet Kerstin Hensel ein amüsantes Panorama von 60 Jahren deutscher Geschichte aus

In Lärchenau, eine Wegstunde außerhalb der Hauptstadt, endet die Welt. Idyllisch in die märkische Landschaft eingebettet, hat Lärchenau den Besuchern nichts zu bieten, nicht einmal ein Storchennest. Doch wer hier lebt, bleibt hier. Selbst Doktor Gunter Konarske kehrt nach getaner Arbeit in der Stadt jeweils ins Dorf zurück, wo er sich großzügig eingerichtet hat. Er ist in Lärchenau gut angesehen, schon sein Vater, Doktor Lingott, genoss einen legendären Ruf als Arzt und als Klavier spielender Lebemann. Den Nazis gegenüber verhielt er sich reserviert, bis er im August 1944 abgeholt wurde. Wenig später gebar ihm, dem Verschollenen, die Praxishilfe Rosie Konarske einen Sohn, Gunter.

Ein paar hundert Kilometer südlich meinte zur selben Zeit im weltabgewandten Dorf Katzgrün die dralle Liese Möbius, dass der Führer persönlich ihr ein Kind gezeugt habe. Auch wenn die Wahrheit, von der sie nicht viel verstand, weit banaler war, glaubte sie unerschütterlich an diese Legende. Nach dem Tod ihrer Mutter änderte auch die Tochter Adele nichts daran und legte im Kinderheim heimlich ein Führerbild unter die Matratze. Diesen geheimen Schatz brachte sie schließlich auch nach Lärchenau mit, wo der Vorsitzende der LPG "Fortschritt", Helmar Eden, aus ihr eine gute Fachkraft zu machen gedachte. Das geschah im September 1961.

Im ersten Teil ihres Romans Lärchenau hebt Hensel mit bedächtigem Ernst zu erzählen an. Abwechselnd berichtet die 1961 in Karl-Marx-Stadt geborene aus Lärchenau hier, aus Katzgrün da, um Schritt für Schritt die auf den Tag gleichaltrigen Sprösslinge Gunter und Adele einander zuzuführen. Am 6. September 1962 schließlich fand im Lärchenauer Gartenlokal "Zum Ochsen" die Feier zur doppelten Volljährigkeit statt, auf der es zwischen den beiden erstmals funkte. Bald sollte die Heirat folgen. Hensel lässt sich breit auf die Landschaft und ihre Menschen ein, die beim Reden immer wieder gerne in ihren Dialekt fallen und so im Text Wurzeln schlagen. Dass sie mitunter absonderliche Marotten pflegen, fällt im Dorf nicht weiter auf. Nur zwischen den Zeilen knistert ein trockenes Lachen.

Gunter Konarske ist anders, weltgewandter, und bald schon ein erfolgreicher Arzt. Sein "weiblicher Casus" Adele steht ihm in nichts nach. Sie raucht und mag mondänen Flitter, den ihr Gunter mehr und mehr bieten kann, denn seine mysteriösen, doch mutmaßlich patentverdächtigen Forschungen im Bereich der Gentechnik machen ihn zum offiziellen Geheimnisträger mit reichlich Privilegien, ohne dass er in die Partei eintreten musste. Charmant, zugleich mit diabolischer Phantasie begabt, hebt er sich von den Dörflern ab und ermöglicht Adele ein Leben als "Frau zu Hause", eine Rolle, die hier unbekannt ist. Ihr gemeinsamer Sohn Timm wird dennoch aus der Familie schlagen und sich der Fleischerei zuwenden.

Um dieses Epizentrum herum, das nach der Wende durch die Rückkehr des Grafen von Lärchenau erweitert wird, geht das ländliche Leben seinen ungerührten Gang durch die Geschichte. Die Lärchenauer halten sich wacker, sie bestehen die DDR und setzen der Globalisierung ihre eiserne Sturheit entgegen. Hensel scheint ihre Landsleute zu kennen. Sie erzählt vom verschupften IM Hanswerner, von der Menichenseebande und ihren geheimen Umsturzplänen, von der Semmelweis-Märrie im Restaurant "Zum Ochsen" und so weiter. Es sind allesamt kernige Typen, die, je mehr sich die Ereignisse zuspitzen, kuriose Züge erhalten. Gunters Experimente mit den verjüngenden Vitamintropfen, die sich Adele täglich spritzt, zeigen allmählich unerwünschte Folgen, während er vergeblich auf den befreienden Anruf des Stockholmer Nobelpreiskomitees wartet. "Lärchenau ist ins Visier des Teufels geraten", kanzelt der Pfarrer seine Gemeinde ab - nützen wird die Warnung nichts.

Lärchenau ist ein Heimatroman, dessen anfänglicher Ernst sukzessive ins Groteske kippt. Der Geschichtenreigen erinnert an frühere Romane der Autorin, zuletzt Gipshut (Freitag 41/1999) oder Im Spinnhaus (Freitag 13/2003), die vergleichbar ein schwankendes Gleichgewicht zwischen Sentimentalität und Karikatur halten. Doch weil sich in Lärchenau das Groteske nur unterschwellig, diskret einschleicht, schlägt es nicht so recht ein. Hensel legt quer durch ihren Roman amüsante, seltsam schräge Erzählstränge und brisante Themen aus, die sie aber nicht resolut genug ausmalt und zuende spitzt. Vieles bleibt nur raunend angedeutet, allen voran die zwielichtige Menichenseer Revolte oder die boshaften Experimente des Doktor Konarske an seiner Adele. Die Fülle der Anekdoten findet nicht zu einem Ganzen, weshalb Lärchenau zwischen die Mühlräder der Erwartungen gerät: Der Roman ist weder Zeitroman noch Satire. Am Schluss bleibt das Bild der rettungslos regredierenden Adele als Sinnbild stehen. Sinnbild wofür?

Kerstin Hensel Lärchenau. Roman. Luchterhand. München 2008, 448 S., 19,95 EUR

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Geschrieben von

Beat Mazenauer

Autor, Literaturkritiker und Netzwerker.
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