Schafe

Linksbündig In der Schweiz haben die Zwerge alle Bedenken verloren

Der erste Gedanke taucht unwillkürlich auf: Vorbei, endlich. Doch, folgt der zweite: Ausgestanden ist nichts. Einen Umsturz werden die jüngsten Parlamentswahlen in der Schweiz nicht auslösen, auch wenn die rechtskonservative Schweizerische Volkspartei nochmals zugelegt hat. Realpolitisch werden weiterhin stabile Konsensentscheide gesucht werden. Dennoch darf dies kein Anlass zur Beruhigung sein. Nicht die Politik hat sich gewandelt, sondern ihr sozialer und kultureller Kontext. Der Wahlsieg der so genannten Schweizerischen Volkspartei (SVP) und ihres Protagonisten Christoph Blocher ist die Bekundung einer tiefen kollektiven Gefühlsverwirrung. Was genau geht da vor sich?

Die Schweiz ist eine gut organisierte, wohl(an)ständige Alpenrepublik, die ihren Bewohnern ein Leben in Ruhe und Ordnung anbietet. Sie ist zugleich ein selbstgerechtes Heidiland, in dem die Zwerge in Einfamilienhüttchen hocken und ums eigene Wohlergehen bangen. Außer Haus bewegen sie sich am liebsten im Offroader. Schweizer kaufen diese automobilen Ungetüme, um sich gegen die Unbill der Welt zu wappnen. Obendrein machen Offroader auch Kleine groß, was dem lädierten Selbstbewusstsein auf die Sprünge hilft. Vor allem um die Finanzkapitale Zürich herum häufen sich diese Fahrzeuge. Das ist kein Zufall, ist der Kanton Zürich doch auch ein Kernland der SVP. Das eine hängt mit dem anderen zusammen.

Die Wohlhabenden sind auch die Armen. Das ist nichts Neues. Sie haben etwas zu verlieren, entsprechend haben sie Angst. Und sie möchten es noch besser haben, entsprechend suchen sie Schuldige für ihre Entbehrungen. Beides bietet die SVP an. Hier die weißen, da die schwarzen Schafe. Genau so ist es! Das Bild sagt mehr als tausend Worte, es macht alle Argumente entbehrlich. Darin liegt der Skandal dieses Wahlkampfs. Technisch und strategisch voll auf der Höhe der Zeit, versteht es die SVP seit Jahren, die politische Agenda zu bestimmen. Ihre Mittel sind dumpfe Ressentiments, verfängliche Metaphern und der ekelhafte Führerkult um einen alternden Milliardär. So gelang es ihr in diesem Wahlkampf, den anderen Parteien eine Falle zu bauen, in die diese bereitwilligst tappten. Dass die SVP damit emotional auch Unterschichten anzusprechen vermag, ist Resultat der argumentativen Verweigerung. Der Appell an Ängste und Ressentiments macht blind für die Tatsache, dass sie nicht eine "Umverteilung nach unten", sondern eine "Umverteilung nach oben" betreibt. Freiheit für Reiche, Erben und Offroader. Wer hat, dem wird gegeben. Als Zückerchen erhalten die Minderbemittelten die "schwarzen Schafe" zum Fraß vorgeworfen.

Mit hohem, teurem Werbeaufwand setzt die SVP diese Botschaft erfolgreich in Wählerstimmen um. Wer etwas zu verlieren hat, hat Sorgen und Ängste. Die SVP ist die Partei, die sich fürsorglich aggressiv um diese Ängste kümmert und sie rhetorisch zuspitzt. Sie schafft es, das Dilemma der Moderne in einem verblendenden Spiegelkabinett der Zeichen scheinbar aufzuheben. Ihre Strategen sind gewiefte Fallensteller, die nicht nur über den Stammtischen, sondern auch über dem Wahlkampf die Lufthoheit erlangt haben. An letzterem partizipieren willig die Medien.

Das politische Getöse der letzten Wochen hat zuweilen jedes Niveau noch untertunnelt. Peinliche Vorwürfe, polemische Schlagworte und simple Reizbilder erzeugten eine diffuse, gereizte und auch fremdenfeindliche Stimmung, die exakt jenen Nachrichtenwert erzeugte, auf den die Medien reflexartig anspringen. Argumente sind langweilig, zu kompliziert. Eine Partei wie die SVP braucht weder Zeitung noch TV-Station, sie ist mit vorgeblich "kritischen" Medien wie Tages-Anzeiger und Schweizer Staatsfernsehen bestens bedient.

Wir wollen nicht übertreiben. Die SVP hat neu einen Wähleranteil von 29 Prozent. Zu viel. Trotzdem gibt es in der Schweiz noch immer eine soziale Empfindlichkeit, eine wohltuende Zurückhaltung und ein Bewusstsein für gesellschaftliche und ökologische Nachhaltigkeit. Doch wenn es um die selbstgerechten Glücks- und Konsumansprüche geht, verlieren wir Schweizer gerne unsere Bedenken. Hoffentlich trifft es erst meine Kinder! Den Spaß lass´ ich mir nicht nehmen! Dieser Spagat produziert ein Unbehagen, das tief in der conditio helvetica sitzt. Um es zu besänftigen, neigen allzu viele dazu, den von der SVP angebotenen, geradezu unschweizerischen Ausweg aus dem Dilemma zu wählen.


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Geschrieben von

Beat Mazenauer

Autor, Literaturkritiker und Netzwerker.

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