Das Auge war Zeuge

Lyrik Mit dem „Handbuch der politischen Poesie“ lässt sich nachempfinden: Zu guten engagierten Gedichten gehört mehr als gute Gesinnung
Beate Tröger | Ausgabe 48/2014
Das Auge war Zeuge
Foto: AFP/Getty Images)

Die schwarze Nacht gab mir schwarze Augen. / Doch ich suche mit ihnen das Licht.“ Das Gedicht Eine Generation ist lediglich zwei Verse lang, verfasst von Gu Cheng, geboren 1956 in Peking. In wenigen Worten hat Cheng das Gefühl der „verlorenen Generation“ in China zum Ausdruck gebracht; das kann so nur ein Gedicht oder ein Song. Gu Chengs Lyrik machte ihn in seiner Heimat zur Persona non grata. Er exilierte nach Neuseeland, wo er am 7. Oktober 1993 zunächst seine Frau und dann sich selbst tötete.

Die Geschichtsschreibung dieser Literatur ist eine besondere, agiert zugleich verdeckt und offen. Von Ausnahmen abgesehen, sind es ja nicht Zahlen und Fakten, mit denen historisch einschneidende Situationen oder gesellschaftliche Großwetterlagen in den Blick genommen werden. Fiktion und Faktisches treten in ein unauflösbares Spannungsverhältnis zueinander, und in ihrer bildlichen Rede erzeugen Gedichte wie das von Cheng ebenso intensive Eindrücke wie ein Augenzeugenbericht.

Joachim Sartorius, ehemals Diplomat in New York, Istanbul und auf Zypern, zehn Jahre lang Leiter der Berliner Festspiele, zugleich auch Lyriker, Übersetzer, Herausgeber, hat nun ein Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert herausgegeben. Auch Chengs Gedicht findet sich darin. Als „geordnete Zusammenstellung eines Ausschnitts des menschlichen Wissens“ durchquere das Handbuch, schreibt Sartorius im Vorwort, das politische Gedicht im 20. Jahrhundert. International ausgerichtet, wenngleich von einem – hier keineswegs nur behaupteten – europäischen Standpunkt aus, hat der literarisch versierte Weltbürger die ausgewählten Gedichte chronologisch angeordnet. Das beginnt beim armenischen Genozid und reicht bis zur „grünen Utopie“.

Wenn der Tod naht

Dazwischen finden sich Gedichte, die das alles in den Blick nehmen: den Ersten Weltkrieg, die russische Revolution, den Kommunismus, das Jahr der Machtergreifung, den Spanischen Bürgerkrieg; Hitler und Stalin, den Zweiten Weltkrieg, Flucht, Emigration und Exil, die Todeslager, die Stunde Null und Repression in Mittel- und Osteuropa; die Unterdrückung in Afrika und den Kampf gegen die Apartheid, die kubanische Revolution und Befreiungsbewegungen in Lateinamerika, den Krieg in Korea, Kambodscha und Vietnam, die chinesische Kulturrevolution; das Ende des Kalten Kriegs und die Wiedervereinigung, die Kriege im Nahen Osten, den Bosnienkrieg.

Angehängt sind in einer Schreckenskammer Gedichte von Josef Stalin, Mussolini, Mao Tse-tung, Kim Il-sung und Radovan Karadžić, auf Muammar al-Gaddafis seichte Verse hat Sartorius dagegen wohlweislich ganz verzichtet.

Aus dem Handbuch spricht die ganze Macht und Kraft und Vielstimmigkeit des subjektiven lyrischen Sprechens, ein Spre-chen, das sich in der Auseinandersetzung mit der Welt in ihren politischen Ordnungen und Unordnungen mal zaghaft, mal selbstbewusst und sehr oft sehr schmerz-haft behauptet.

Im Kapitel, das Gedichte zum Ersten Weltkrieg versammelt, schreibt Sartorius: „Im Rückblick scheint es, als habe diese Dichtung den Ersten Weltkrieg als die europäische Schlüsselkatastrophe des Jahrhunderts erkannt.“ Und liest man Georg Trakls Grodek, das sich in diesem Abschnitt findet, wird man dem Herausgeber recht geben: „Am Abend tönen die herbstlichen Wälder / Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen / Und blauen Seen, darüber die Sonne / Düster hinrollt; umfängt die Nacht / Sterbende Krieger, die wilde Klage / Ihrer zerbrochenen Münder.“

Eine solche wilde Klage hebt nicht selten an, wenn der Tod naht. Ein gutes Gedicht, hat Sartorius 1999 in seinem Band Minima poetica angemerkt, ist eine absolute Metapher für einen Weltmoment. Es begreift diesen Moment als Epiphanie und setzt den Lauf der Welt außer Kraft. Das gilt natürlich nur für den Raum, in dem sich das Gedicht ereignet. Aber immerhin darin gilt es. Lyrischer Sand im großen Getriebe, hier in einer imponierenden Auswahl zu entdecken.

Niemals eine Atempause. Handbuch der politischen Poesie im 20. Jahrhundert Joachim Sartorius Kiepenheuer & Witsch 2014, 348 S., 22,99 €

06:00 10.12.2014
Geschrieben von

Beate Tröger

Freie Autorin, unter anderem für den Freitag
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