Das Bergidyll trügt

Literatur Monika Helfers „Vati“ beschreibt die mangelnde Verarbeitung nach dem Krieg unsentimental und intensiv

Monika Helfer ist eine Magierin des Erzählens, und endlich spricht sich das in gebührender Breite herum: Helfers 2020 erschienener Roman Die Bagage über das Leben ihrer Großeltern spielt vornehmlich im Zeitraum des Ersten Weltkriegs. Er liegt inzwischen in der 12. Auflage vor. Mit Vati setzt Helfer ihre Familiengeschichte fort und erzählt darin vom Leben ihres Vaters Josef, der als Kriegsversehrter zunächst ein Erholungsheim für Kriegsopfer auf der Tschengla, einem Hochplateau in Vorarlberg, leitet, in dem er mit seiner Frau Gretel und seinen drei, später vier Kindern zugleich auch lebt. Wo „die Wiesen voll sind mit den buntesten Blumen“, wo nur wenige Monate im Jahr Gäste da sind, da könnte es schön sein. Doch die Bergidylle ist brüchig, gründet sie doch auch auf dem brüchigen Fundament des just vergangenen, nicht verarbeiteten Zweiten Weltkrieges.

Der Vater, vom Krieg an Leib, Seele und Geist versehrt, legt im Heim auch eine kleine Bibliothek an. Bücher sind ihm heilig: „Er wollte ein Buch nicht nur lesen, er wollte es besitzen. Er hat sich selten Bücher aus Bibliotheken ausgeliehen. Er hat diese öffentlichen Anstalten oft besucht, hat hier einen Band aus dem Regal genommen, dort einen, hat darin geblättert, hat gestreichelt, daran gerochen und ein bisschen gelesen, hat sich manchmal Autor und Titel notiert und das Buch dann gekauft.“ Einer der Töchter gibt er diese Liebe zu Büchern als Sehnsucht zur Literatur weiter: Wenngleich die Tochter Monika wenig Interesse an der Gestalt von Büchern zeigt, wird sie sich bald nichts so sehr wünschen wie ein Buch, auf dem ihr Name steht.

So zeitweise glücklich, wie es oben auf dem Berg zugeht, so unglücklich setzt sich die Geschichte der Familie im Tal fort. Nachdem der Trägerverein den Umbau des Heims und den Abbau der Bibliothek angekündigt hat, unternimmt der Vater einen Selbstmordversuch. Dieser misslingt, setzt aber eine Spirale des Unglücks in Gang. Die Mutter wird depressiv, stirbt, kurz nachdem sie ein viertes Kind geboren hat. Das Leben auf dem Berg geht für alle zu Ende. Die Kinder werden auf Verwandtenhaushalte verteilt, der Vater vergräbt sich im Kloster – bis die Geschichte der Familie eine erneute Wendung erfährt ...

Helfers Erzählerin vergegenwärtigt die Geschichte in Rückblenden. Der knappe und unsentimentale Duktus macht die Magie dieses Erzählens aus. Es ist, als säße man mit vor einem Karton mit Fotos, dessen Inhalt der Erzählerin als Erinnerungsstütze und -katalysator dient. Aber wie es beim gemeinsamen Betrachten von Fotografien ist, wird die Erinnerung zwar gelenkt, aber der Mensch schweift doch ab. Monika Helfers Kunst, das Aufgeschriebene wie tatsächlich am Tisch Erzähltes klingen zu lassen, nur eben ohne die dem Mündlichen eigenen Schleifen und Redundanzen, bewirkt, dass einen die Geschichte so intensiv angeht.

In Die Bagage, dem Vorgängerroman von Vati, hat die Erzählerin ihre Faszination für die Bauernbilder von Pieter Bruegel dem Älteren geschildert: „Die sehen aus wie die Meinigen aus den Erzählungen meiner Mutter.“ Immer wieder deutet Helfers Erzählerin vermittels solcher Reminiszenzen an Gemälde und Fotografien das autobiografische Ausgangsmaterial so um, dass sie das Typische, das Mythische, das vielleicht Schicksalhafte der individuellen Biografien, das Kreatürliche an ihren Protagonisten deutlicher heraushebt: den Schmerz des Vaters über das Verhinderte seiner Träume, die Stille der Mutter, die nur flüchtig in Erscheinung tritt und sich noch im Versuch der Erzählerin, sie zu beschreiben, in ein versehentlich gelöschtes Dokument im Rechner zurückzieht. Hier überträgt sich die Beseeltheit der Erzählerin von Vati wie unbewusst noch auf den Umgang mit dem Material: Was für ein Buch!

Info

Vati Monika Helfer Hanser 2021, 176 S., 20 €

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 17.04.2021
Geschrieben von

Beate Tröger

Freie Autorin, unter anderem für den Freitag
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Ausgabe 19/2021

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