Ein moderner Zauber

Lyrik Der Literaturwissenschaftler Heinz Schlaffer zeigt in seinem jüngsten Band schlicht und ergreifend, wozu Gedichte auch heute noch gut sind

Wer Lyrik liest, wird sich die alten Fragen von Zeit zu Zeit neu stellen: Was ist dran an Gedichten? Hat sich die Gattung überholt? Was will ein Gedicht? Ist es Selbstzweck? Oder nützlich, wie eine jüngst bei Haffmans erschienene Anthologie mit „789 brauchbare(n) Ge­dichte(n)“ behauptet?

Wer nach Ursachen für die „apart geformte Ausnahme von der üblichen Art zu reden und zu schreiben“ sucht, landet wie Heinz Schlaffer zunächst bei den Geistern und Göttern. Die ersten und frühzeitlichen Gedichte sollten überall Götter gnädig stimmen, Krankheiten heilen, Missernten abwenden, Feinden schaden. Solche Zwecke verfolgt das Gedicht heute nicht mehr. Aus der kollektiv verwendeten und verstandenen Sprache ist im Zuge der Aufklärung und in der Moderne eine private geworden. Doch die Formen lyrischer Sprechweise tragen in sich latente Traditionsreste, deren Zusammenhänge und Ursachen der Literaturwissenschaflter Schlaffer in Geistersprache – Zweck und Mittel der Lyrik offenlegt.

Wie plausibel diese These ist, lässt sich gut zeigen am Beispiel der lyrischen Form der Anrufung. Mit ihr begönnen, so Schlaffer, alle Hymnen und Gebete der sumerischen, ägyptischen, altindischen Kunst, die sich an einen Gott wenden, um dessen Gunst zu gewinnen. Mit diesem archa­ischen lyrischen Anruf sollten Seele und Dinge, Mensch und Gott, höchstmöglich einander angenähert werden.

Wenn dann Jahrhunderte später der englische Dichter Richard Barnfield, 1574 geboren, ein Zeitgenosse John Donnes, die Nachtigall anspricht, die den Dichter entgegen jeder naturwissenschaftlichen Erkenntnis verstehen kann, schwingt der Glaube mit, dass dies im Rahmen des Gedichts möglich sei. Selbst wenn die lyrische Anrufung in der Lyrik der Moderne in oft parodistischer Weise geschieht, wird ihre animistische Seite noch wirksam, so in Rolf Dieter Brinkmanns Hymne auf einen italienischen Platz.

Moment der Beseelung

Dieses Gedicht karikiert zwar die Ernsthaftigkeit einer lyrischen Anrufung: „O Piazza Bologna in Rom! Banca Nazionale Del / Lavoro und Banco Di Santo Spirito, Pizza Mozzarella / Barbiere, Gomma Sport! Gipsi Boutique und Willi, / Tavola Calda, Esso Servizio, Fiat, Ginnastica“. Nach sieben in diesem Duktus verfassten Strophen endet das Gedicht dann regelrecht im Dreck: „Operette, Revolver gegen Hüften! O Super Pensione! / O Tiergestalt! O Farmacia Bologna, kaputte Hausecke, / Senso Unico! O Scusi! O Casa Bella! O Ultimo Tango / Pomodoro! O Sciopero! O Lire! O Scheiß!“

Das wirkt zunächst überdreht witzig. Doch je mehr Eindrücke anrufend aufgehäuft werden, umso lebendiger wird der Platz vor unseren Augen: Stimmengewirr, Lärm, ein ständiger Wandel der Szenerie in einem theatrum mundi. Hier tritt hinter der Parodie ein Moment von Beseelung hervor. Einer Reisereportage, der die Formen lyrischen Sprechens nicht zur Verfügung stehen, wäre das auf diese Weise nicht möglich.

Wie das moderne Gedicht einerseits darauf pocht, autonomes Kunstwerk zu sein, und dennoch das Erbe seiner archaischen Mittel und Zwecke stets aufs Neue anzutreten bereit ist, wie es die Tradition überschreitet und doch ihren Zauber gegen alle Logik weiterhin verteidigt – das macht Schlaffer an vielen lyrischen Sprechweisen und ursprünglichen lyrischen Redesituationen deutlich.

Obwohl das Buch fest auf den Fundamenten der philologischen Erkenntnis eines altgedienten Wissenschaftlers ruht, dürfte es allen Lyrikinteressierten erhellende Einsichten und Antworten auf die Frage nach der Faszination von Gedichten liefern. Paradoxerweise wächst der Dichtung in der analytischen Entzauberung des ausdrücklich der Aufklärung verpflichteten Autors ein neuer, gewissermaßen vernünftigerer Zauber zu: „Die Aufgaben der Lyrik haben sich erledigt, das Gedicht lebt weiter“ lautet das Fazit von Schlaffers Überlegungen, die, nebenbei bemerkt, der Kategorie der Brauchbarkeit von Gedichten zu einem theoretischen Fundament verhelfen.

Beate Tröger ist die Lyrikexpertin des Freitag


Geistersprache. Zweck und Mittel der LyrikHeinz Schlaffer Carl Hanser Verlag 2012, 204 S., 18,90

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Geschrieben von

Beate Tröger

Freie Autorin, unter anderem für den Freitag

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