Ein Radikaler

Kritische Intelligenz Dieses Jahr wäre Helmut Heißenbüttel 100 Jahre alt geworden. Nun kann man den Lyriker und Radio-Literaten neu entdecken
Ein Radikaler
Helmut Heißenbüttel registrierte, kombinierte, isolierte Vorgefundenes, um es neu zu kodieren

Foto: Anita Schiffer-Fuchs/Visum

Nicht leicht zu fassen und gerade deshalb so faszinierend ist dieser unglaublich produktive Autor, Kritiker, Redakteur, aus dessen Werk eine Sprache spricht, die sich gegen Klischees und Phrasen wendet, Lesegewohnheiten infrage stellt.

Vor hundert Jahren, am 21. Juni 1921, wurde Helmut Heißenbüttel in Rüstringen bei Wilhelmshaven geboren. Im Zweiten Weltkrieg in Russland schwer verwundet, studierte er Architektur, Germanistik und Kunstgeschichte. Schon früh begann er selbst zu schreiben, übte aber immer auch einen Brotberuf aus, er arbeitete zunächst als Lektor. Von 1959 bis 1981 leitete er in Stuttgart die Redaktion Radio-Essay des Süddeutschen Rundfunks, wohin ihn Alfred Andersch geholt hatte. Er war ein Kunstkenner und Sammler, neugieriger Musikhörer, was seine Plattensammlung beweist. Aber, was sagt all das über einen aus? In QuasiAutobiographie fragt sich das Heißenbüttel selbst: „was / wenn ich von mir reden wollte könnte ich von mir sagen das nicht unkorrekt ungenau ausgedacht wäre / wer / ist es denn dem ich am nächsten stehe und von dem ich am wenigsten weiß“?

Er registrierte, kombinierte

Heißenbüttel hielt nichts von geschlossenen Subjektivitätsvorstellungen, die heute unter dem Etikett „Autofiktion“ teilweise rehabilitiert worden sind. Sein erstes Auftreten bei der Gruppe 47 im Februar 1955 rief Verständnislosigkeit und Ablehnung gegenüber den Gedichten hervor, die er selbst bald nur mehr als Texte bezeichnete. Seine Textbücher, von denen Nummer 1 – 6 mit einem lesenswertem Vorwort von Nora Gomringer neu aufgelegt worden sind, zeigen ihn als Radikalen, der Literatur und Poesie nicht mehr auf Stimmungen, Gefühle, Identifikation hin ausrichtete, sondern auf die Sprache als Material. Er registrierte, kombinierte, isolierte Vorgefundenes, um es neu zu kodieren. Der 1969 mit dem Georg-Büchner-Preis Ausgezeichnete schrieb sich maßgeblich von der Konkreten Poesie her, weg vom Erzählenden, hin zum Visuellen, Analytischen, das aus dauernder Sprach-, Welt- und Selbstbeobachtung und -befragung rührt. Heißenbüttels Texte verzichten komplett auf Interpunktion, was hohe Leseaufmerksamkeit erfordert. Er räumte mit der Tradition auf, ohne sie ganz aus dem Blick zu verlieren: „immer sind die die nicht da sind mehr als die die da sind“, heißt es in schematische Entwicklung der Tradition.

Dem Leser Heißenbüttel hatten es Bücher angetan, die „nicht von Absichten oder Thesen“ geleitet sind, sondern vom „besessenen Versuch, Erfahrung zu artikulieren“, wie er es etwa Doris Lessings Goldenem Notizbuch attestierte. Lessings Überlegungen, ob kritische Argumentation überhaupt in der Lage sei, in Tuchfühlung mit einer Welt der Kunst, der Literatur, der Musik zu kommen, eröffneten die Sphäre des Zweifels, in der Heißenbüttel sich am liebsten bewegte. Frei von Ressentiment begeisterte er sich auch für den Krimi, die Trivialliteratur, das Humoristische. Seine Offenheit für literarische Avantgarden zeigt die Auseinandersetzung mit Gertrude Stein, Arno Schmidt oder Henri Michaux. Als Leser von Lyrik setzte er jedem Verstehen das Nichtverstehen voraus: „Ich ergänze das, was ich schon habe, durch das, was mit Gewißheit bisher darin noch nicht vorkam“, schreibt er 1981 im Essay Warum Gedichte einfacher zu lesen sind als die Tagespresse.

In Kleine Attacke auf die Literaturkritik 1979 von einem, der das Metier selber ausübt unterteilt Heißenbüttel Literaturkritiker in solche, die sich ihrer Sache sicher sind, Marcel Reich-Ranicki, Joachim Kaiser oder Fritz J. Raddatz, und solche „deren Zweifel ins Argument mit eingebracht werden“, Ulrich Greiner, Lothar Baier oder Rolf Michaelis. Leicht zu erraten, welche Spezies Heißenbüttel bevorzugt, er hielt nichts von wohlfeiler Verriss-Kritik.

Was sollen wir überhaupt senden heißt eines von Heißenbüttels Radioformaten. Als er sich dem Intendanten Fritz Eberhard als Literaturredakteur vorstellte, kommentierte jener Heißenbüttels Gedichtbände Kombinationen (1954) und Topographien (1956) mit: „Aber das wollen Sie doch wohl nicht machen hier!“ So erzählt es Heißenbüttel 1981 in einem Gespräch und fügt hinzu: „Da war eine Grenze!“. Doch habe er immer das Programm gemacht, das er selber gerne hören wollte. Den Sendeplatz des Spätprogramms, den Heißenbüttel ab 1957 vollverantwortlich bespielte, füllte er mit formal oft ungewöhnlichen literarischen Essays, Gesprächen, Studiohörspielen, von denen viele vom heute unter dem absurden Stichwort „Durchhörbarkeit“ propagierten Dudelradio Lichtjahre entfernt sind. Damals Jüngere wie Peter Härtling und Jürgen Becker durften Programm machen. Mit Namen wie Günter Grass, Arno Schmidt, Friederike Mayröcker liest sich die Autorenliste wie ein Who’s who der bundesrepublikanischen Nachkriegsliteratur. Engagiert hat Heißenbüttel als Redakteur kritische Intelligenz in der Gesellschaft zu stärken versucht. Welch kluges Erbe er auch hier hinterlassen hat, sollten sich besonders diejenigen Programmverantwortlichen beim Rundfunk vergegenwärtigen, die es gerade leichtsinnig verspielen.

„eine ganze Epoche ins Loch gefallen ohne daß irgendjemand / weiß wie wieder daraus heraus“, schreibt Heißenbüttel im Textbuch 8. Wie hat einer, dem seit einer Amputation nach der Kriegsverletzung der linke Arm fehlte, ein solches Werk geschaffen? Sicher ist: Es gründet auch auf dieser Versehrung. Helmut Heißenbüttel starb vor 25 Jahren, im September 1996.

Info

Das Werk Heißenbüttels liegt im Verlag Klett Cotta vor. Neu erschienen sind nun: Helmut Heißenbüttel: Textbücher 1 - 6. Mit einem Vorwort von Nora Gomringer

Für das Literaturhaus Stuttgart hat der Lyriker Ulf Stolterfoht einen Weg mit Hörstationen entwickelt, der mit einem Wanderpass und einer Stempelkarte erwandert werden kann

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06:00 02.07.2021
Geschrieben von

Beate Tröger

Freie Autorin, unter anderem für den Freitag
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