Fernsein von sich

Poesie Unsere Expertin betrachtet neue Lyrikbände und entdeckt dabei ein altes Europa
Beate Tröger | Ausgabe 41/2016

Angela Merkel kommt derzeit ziemlich „ins Schwimmen“, gern würde sie im Hinblick auf die Flüchtlingspolitik „die Zeit zurückdrehen“, wie sie sich nach der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus ausdrückte. Die Redewendung „Ins Schwimmen kommen“ wird im Fall der Bundeskanzlerin niemand wörtlich nehmen. An ihr lässt sich aber bewusst machen, welche Bedeutungsverschiebungen Sprache permanent vollzieht (was denjenigen, die tatsächlich schwimmen oder rudern müssen, wenn sie nach Europa unterwegs sind, wenig Kopfzerbrechen machen dürfte).

Ulrike Almut Sandig in Sorge

Nicht wenige Lyriker setzen sich derzeit mit diesen Entwicklungen auseinander, darunter der 1975 geborene Björn Kuhligk im ersten Teil seines Gedichtbands Die Sprache von Gibraltar (Hanser). Björn Kuhligk ist vergangenes Jahr nach Melilla geflogen, an die äußerste Grenze Europas. Die Stadt an der nordafrikanischen Küste gehört zur EU und zum Geltungsbereich der NATO, ein massiver Zaun trennt die spanische Exklave von Marokko. Diese Grenze hat Kuhligk besonders interessiert. Seine Lyrik arbeitet mit Tatsachen und Fakten: „wir sind die Minderheit / die Lebenden, das Ende Europas ist da / wo der Anfang Afrikas ist, dort draußen auf den Wassern, in Sichtweite“, heißt es im ersten Gedicht seines Zyklus, der vom Hunger der Flüchtlinge, von Schleppern, patrouillierenden Schiffen und dem Meer als Massengrab spricht.

Auch im neuesten Buch der 1979 geborenen Ulrike Almut Sandig finden sich immer wieder explizite, engagierte Bezugnahmen auf gesellschaftliche Entwicklungen. Der Band mit dem Titel ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt (Schöffling) entfaltet lyrische Tableaus von beträchtlichem Reiz, die unter Bezugnahme auf Malerei, Musik und in Variationen von Grimms Märchen kritische Töne anschlagen. Töne, die frei von Betulichkeit, aber intensiv mit den formalen Möglichkeiten der Lyrik und auch mit viel Polemik gegen Selbstzufriedenheit und Ignoranz anschreiben: „wir legen die Hände in unseren Schoß und befinden / mehr geht nicht. Mehr gibt es nicht zu tun. / Und während wir ruhn, schwanken die kleinen Boote / der Schlepper auf einer köchelnden See im Süden / im Dunkel unserer Geräte, unendliche Weiten. / während wir ruhn, treibt jemand direkt auf uns zu tun“, heißt es in „der süße Brei“.

Ebenfalls unterwegs im alten Europa ist der 1956 geborene Kurt Drawert. Der Sprecher in seinem Gedichtband Der Körper meiner Zeit (C. H. Beck) bewegt sich zwischen dem Odenwald (wo es ungefähr so muffig zugeht wie in dem Odenwald-Artikel, den die Journalistin Antonia Baum vor einigen Jahren über ihre Herkunftsregion schrieb und der überregional Wellen der Empörung hochschwappen ließ) und Istanbul, der „Kultur zwischen den Kulturen“, wo der Autor sich im Rahmen eines Stipendiums im Jahr 2014 aufhielt. Drawert legt ein Langgedicht in fünf Büchern vor. Er versucht, Zeit im Textkörper zu verräumlichen, sich Gegenwart zu erschreiben, sich in sie einzuschreiben. Das findet Ausdruck in manchmal humorvollen, manchmal dem Verzweifeln nahen Versen: „Die Zirkel des Vergehens sind kurz, / schon bricht der Tag in zwei Teile. / Ja, wir hatten die Zeit, und keiner wird es bestreiten. / Aber wo wir waren, als sie / verging, weiß heute niemand.“

Bei Drawert vermischen sich reale und erinnerte Orte wie die DDR, die auch Erinnerungsort seines Romans Spiegelland (2014) ist. Die Fotos von Ute Döring, die von verschiedenen Schreibtischen aus mit immer gleicher Kameraposition den Blick in die Landschaft festgehalten haben, sind dabei keine bloße Illustration, sondern eine kongeniale Übersetzung der in den Gedichten thematisierten Zeiterfahrung. In der Statik der Einstellung und den wechselnden Licht- und Jahreszeitenstimmungen klingen die Fotografien mit dem melancholischen Ton von Kurt Drawerts sprachskeptischen und zugleich sprachverliebten Gedichten mit.

Zarte Traurigkeit durchzieht auch den Band der in diesem Jahr 70 gewordenen, in der Slowakei geborenen und heute in der Schweiz lebenden Lyrikerin, Essayistin und Übersetzerin Ilma Rakusa. Der erste von sieben Teilen ihres Gedichtbands Impressum: Langsames Licht (Droschl) ist denn auch mit dem Titel Melancholien überschrieben. Rakusas Gedichte sind feine Gespinste, die in ihrer Klarheit ein wenig an die Lyrik Hilde Domins oder Rose Ausländers erinnern und ebenfalls von der Sehnsucht nach einem alten Europa sprechen: „Es gibt sie nicht mehr, / die Chaims Jankels Mendels, / die Solomnontschiks mit flammendem Haar, / die wüsten Gauner von der Moldawanka, / die Makler Taubenschläger Narren, / den Pesthügel und die zahllosen Alten (…) Es gibt McDonald’s Starbucks Fendi, / gesalzene Profiteure, Bettler“, heißt es in „Odessa, klaffende Lücken“, einem Gedicht, das ein Odessa heraufbeschwört, das in den Geschichten Isaak Babels noch aufgehoben ist, aber längst aus der Wirklichkeit in die Erinnerung hinabgesunken ist. Wer mit Ilma Rakusas Gedichten unterwegs ist, begreift, ähnlich wie bei der Lektüre der Reiseessays des österreichischen Schriftstellers Karl-Markus Gauß, einmal mehr den Gegensatz zwischen West- und Osteuropa.

Carl-Christian Elze in Venedig

Schönheit attestiert auch die ungarisch-deutsche Autorin Terézia Mora Rakusas Werk: „Einen Text, einen Raum mit Ilma Rakusa zu teilen, garantiert einem Schönheit und, was noch viel wichtiger ist, eine Verbindung zwischen Teilen, die sonst auseinanderfallen würden, und das, obwohl bzw. weil ihr Schreiben mit der Auslassung und der Verknappung arbeitet.“

Zuletzt geht es noch einmal in das alte Europa mit seinen Schau- und Rückseiten. Der 1974 in Berlin geborene, heute in Leipzig lebende Carl-Christian Elze hält sich derzeit mit einem Stipendium am Deutschen Studienzentrum in Venedig auf, wo er unter anderem an Gedichten über Gemälde italienischer Meister arbeitet. Sein im Frühjahr erschienener zweiter Lyrikband diese kleinen, in der luft hängenden bergpredigten (Verlagshaus Berlin) enthält dagegen Gedichte, die auf unsere Gegenwart und auf eine Unmittelbarkeit abzielen, die etwas Überwältigendes, manchmal Irritierendes hat. Darf man so noch dichten, wie Carl-Christian Elze es tut? Darf man so entzückt von der Tierhaftigkeit der Hunde reden, wie es das Gedicht „alles hab ich von den hunden gelernt“ tut – aus dem die Verszeile entnommen ist, die dem Band seinen Titel gibt: „schon als kind / haben mir hunde gedient, ihre liebe / geschenkt, ihre kleinen, wie in der luft / hängenden herzen, ohne zu fordern: / gib mir deins! Wie konnte ich ahnen, / dass sie alle belohnt werden würden / diese kleinen in der luft hängenden / bergpredigenden gebilde / belohnt werden würden für ihr fernsein / von sich“.

Natürlich, denn Gedichte dürfen ja ohnehin alles. Und Carl-Christian Elzes Gedichte werden in dem Versuch, Innerlichkeit zu teilen, tatsächlich zu äußerst angreifbaren und darum anrührenden Versen, die sich nicht sprachartistisch verrenken, sondern ihr Publikum erreichen wollen.

06:00 26.10.2016
Geschrieben von

Beate Tröger

Freie Autorin, unter anderem für den Freitag
Schreiber 0 Leser 2
Avatar

Kommentare