Fit, dein Schritt

Lyrik Beat-Poet Peter Orlovsky elektrisiert sich und uns auch heute noch
Fit, dein Schritt
Die Beat-Poeten Peter Orlovsky und Allen Ginsberg(1956)

Foto: United Archives International/Imago Images

Erkenne eine große Kluft zwischen mir & Allen – er / hat ein verbales Bild von Poesie – / verbindet Bilder, um Erkenntnis / zu untergraben, die eine Leiter / in die Höhen der Erkenntnis hinaufführt – / ich werd high durch Gefühl / & Gefühle für noch reinere Gefühle (…) das alles passiert in meinem Körper im Bauch & geht bis zur Brust (…) & beruht aber nicht auf tiefer Erkenntnis auf sprachlicher Ebene / sondern Erkenntnis kommt bei mir / durch Emotionsschübe (…)“. Der Allen des Gedichts „Ich & Allen“ von 1958 ist Allen Ginsberg. Der Autor, in diesem Fall auch das Ich, ist Peter Orlovsky. 1954 lernten sie sich kennen, Allen war 28, Orlovsky sieben Jahre jünger. Aus dem Treffen wurde, wie Hans Jürgen Balmes im Nachwort zu Sauber abgewischt schreibt, „die größte und längste Liebesgeschichte der Beat Generation“.

Über 40 Jahre lang, bis zum Tod Ginsbergs 1997, lebten die beiden in einer offenen Liebes- und Arbeitsbeziehung. Als der am 8. Juli 1933 im New Yorker East End und in eine arme russische Einwanderfamilie hineingeborene Orlovsky Ginsberg traf, hatte er die Schule vorzeitig beendet, hatte als Pfleger in einer psychiatrischen Einrichtung gearbeitet, war dann nach Korea eingezogen und schließlich als Krankenpfleger nach San Francisco delegiert worden.

Schon früher hatte er seine Träume notiert, doch es war der Autor von „Howl“, durch den Orlovsky sich zum Schreiben ermutigt fand. So entstand 1957 im Pariser Beat Hotel, wo auch Gregory Corso und William Burroughs wohnten, sein erstes Gedicht „Frist Poem“, mit dem schon im ersten Wort sichtbar wird, was Orlovsky in seinen Gedichten beibehalten sollte: die bewusste Verdrehung von Buchstaben, Abweichungen in der Orthografie. Es beginnt: „Ein Regenbogen ergießt sich in mein Fenster, ich bin elektrisiert. / Lieder platzen aus meiner Brust, ich hör direkt auf zu weinen. Rätsel liegen in der Luft.“

Diese Verse wirken spontan begeistert, der elektrisierte Zustand des Sprechers teilt sich unmittelbar mit, und das dichterische Programm, das Orlovsky in „Ich & Allen“ als eines der „Erkenntnis durch Emotionsschübe“ formuliert, realisiert sich, wenn es heißt: „Lieder platzen aus meiner Brust, ich hör direkt auf zu weinen.“ Die Gedichte speisen sich aus der Emotion, aus sinnlichen Reizen, aus der starken Reaktion, die dann in Sprache übersetzt wird, die Emotionen zugleich auszusprechen und im Gedicht aufzuheben vermag: „ich hör direkt auf zu weinen“. Es ist dieser überwältigte, staunende, lebensbejahende Blick auf Gefühle und Körper, der auch in den zahlreichen sehr explizit (homo)erotischen Gedichten einen Eindruck von Unschuld und Überraschung vermittelt. Oft ist er in der Lage, wie im auch vertonten, nonsensehaften letzten Gedicht, mit humorvollen Worten auf die Heftigkeit körperlichen Verlangens zu reagieren: „Keep it clean in between when your sitting on the green / Keep it clean in your sweet between / Keep it clean night & day when 69’s o. k. / Keep it clean in your sweet between“. Diese erste der drei Strophen hat Marcus Roloff für den zweisprachigen Band sehr adäquat übersetzt: „Alles fit im Schritt, wenn du aufm Rasen sitzt / Alles fit in deinem Schritt / Alles fit Tag & Nacht, wenn man neunundsechzig macht / Alles fit in deinem Schritt“.

Aus dem Kontext gerissen, wäre das ganz schön albern. Inmitten der wütenden, heftigen, einsamen, dabei so liebevollen und eben niemals affektierten Gedichte wird „Alles fit im Schritt“ zu einem Gedicht, das auf dem Grund des Gefühls als Mit-Gefühl entstanden ist, und das von einem, der sich dabei nicht aufgibt, jeder (vermeintlichen) Unmittelbarkeit des Gefühls misstraut: „mein herz ist immer nicht am rechten fleck“.

Info

Sauber abgewischt Peter Orlovsky Markus Roloff (Übers.), Gregory Corso (Einführung), Hans Jürgen Balmes (Nachwort) Stadtlichter 2020, 202 S., 16 €

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 31.07.2020
Geschrieben von

Beate Tröger

Freie Autorin, unter anderem für den Freitag
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Ausgabe 33/2020

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