„Dating-Roman“ von Isobel Markus: Nach dem Sex duschte er kalt und sah sich Selfies an

Rezension Über Matches auf Dating-Apps und die folgenden Treffen schreibt Isobel Markus auf Facebook – jetzt gibt es den Roman dazu
Ausgabe 22/2024
Im Restaurant spielen viele der Dates von Protagonistin Isi in Isobel Markus’ „Dating Roman“
Im Restaurant spielen viele der Dates von Protagonistin Isi in Isobel Markus’ „Dating Roman“

Foto: Tobias Reich/unsplash

Ist man in den sozialen Medien unterwegs, stellt sich manchmal ein seltsamer Effekt ein. Man glaubt, Menschen zu kennen, die man noch nie zuvor gesehen hat und vielleicht auch nie zu Gesicht bekommen wird. Einer von ihnen ist die Berliner Autorin Isobel Markus, Kolumnistin der taz, und mit ihren mal kürzeren, mal längeren Posts auf Facebook taucht sie so auf, wie sich eine Freundin in der Bar neben einem an den Tresen setzt und zu plaudern beginnt.

Besonders amüsant wurden ihre ohnehin amüsanten Posts, als Markus – die zuvor den Roman Der Satz und zwei Bücher mit Prosaminiaturen veröffentlicht hatte – auf Facebook begann, über ihre Erfahrungen mit dem Online-Dating zu berichten. Nun ist daraus ein Roman geworden. Er heißt schlicht nach seinem Thema: Dating-Roman. Einmal mehr hat dafür die Berliner Mikrotext-Verlegerin Nikola Richter die Rolle der Hebamme übernommen, die auch Unser Deutschlandmärchen des Autors und Verlegers Dinçer Güçyeter (der Freitag 6/2021) angeregt hat.

Der Dating-Roman, nicht nur wegen seiner Genese aus Facebook-Posts der autofiktionalen Literatur zuzurechnen, erzählt von Isabel, genannt Isi. Sie, die Ich-Erzählerin dieses Romans, die spätestens qua Gattungsbezeichnung zu einer solchen geworden ist, beginnt mit der Beschreibung eines Dates in der Pizzeria. Der Mann, der mit Isi am Tisch saß, hat ihr ausgiebig von seiner Ex-Freundin erzählt. Nun ist er weg, lediglich sein kariertes Jackett hängt über dem Stuhl, bis es Isi zu bunt wird, sie verlässt die Pizzeria. Draußen vor der Tür steht der Mann: „Er hat ein rotes Gesicht und sagt immer wieder: ‚Aber nun hör doch mal zu!‘ Ich klopfe ihm von hinten auf die Schulter und hebe meine Hand zum Dank und zum freundlichen Abschied. Er guckt mich erstaunlicherweise erstaunt an. Vielleicht, weil er nicht versteht, warum ich nun mal verschwinde.“

Mit dieser Episode ist schon der Ton für einen Reigen vergeigter Dates gesetzt, zu denen sich Isi in Absprache mit ihrer Freundin Wiebke durchringt, die das Alleinsein einer Mittvierzigerin ebenso leid ist. Jede rüstet sich mit einer Dating-App, und los geht der Reigen im Digitalzeitalter, bei dem die Tanzenden mit nicht minder bizarren Neurosen aufwarten als zu Arthur Schnitzlers Zeiten: Einer muss nach dem Sex minutenlang eiskalt duschen und schaut sich dann Selfies auf dem Handy an. Der andere kann nicht zum Vietnamesen, weil er Koriander hasst, nicht zum Inder – bäh, Curry! –, erst recht nicht zum Italiener – Knoblauch! –, und Hendrik mit dem VW-Bus, dem Isi beim Haareschneiden halb das Ohr coupiert, ist nett, aber der Kumpeltyp. „Schon wieder keine Gemeinsamkeiten“ könnte die Überschrift über all den Treffen lauten.

Liebeskranke Stadtneurotiker

Das ist anfangs lustig, dann wird man mit Isi leise müde ob des fortwährenden Mangels an Übereinstimmung. Ganz leise lahmt der Roman aber auch wegen Markus’ eifrigem Gebrauch von Wie-Vergleichen, die Gottfried Benn in Probleme der Lyrik als Vergleich und eben nicht als Setzung ausmachte und die, exzessiv eingesetzt, auch in der Prosa leerzulaufen drohen: Einer lacht „wie ein Exhibitionist am Parkausgang“, Wiebke, die sich von einem der Dating-Matches fesseln lässt, hängt „wie eine geräucherte Salami in der Gegend“, und Isi schreit „Huch“ wie eine Frau im Film, „deren Fruchtblase platzt“, als sie im Supermarkt und ganz ohne digitale Anbahnungshilfe auf Bruno trifft. Auf die Kürze lustig, stellt sich allmählich ein Abnutzungseffekt ein. Man merkt ein wenig, dass Markus bisher eher auf der kurzen Distanz brillierte.

Insgesamt ist der Roman aber höchst liebenswert, auch und gerade in seinen Schwächen, unterhaltsam und in der Schilderung der liebeskranken Stadtneurotiker komisch wie Woody Allens Filme zu dessen besten Zeiten. Mit Bruno kommt erneut Tempo in Markus’ hochenergetischen Erzählfluss über den literarischen Evergreen Liebe, die im Digitalzeitalter nicht weniger, nur anders vertrackt aussieht – und findet ein melancholisches Happy-Sad End.

Dating-Roman Isobel Markus Mikrotext-Verlag 2024, 240 S., 25 €

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Geschrieben von

Beate Tröger

Freie Autorin, unter anderem für den Freitag

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