Neue Ladung Nonsens

Hochkomik Der 78-jährige Satiriker F. W. Bernstein hat „Frische Gedichte“ verfasst. Darauf haben die Fans gewartet
Beate Tröger | Ausgabe 09/2017 2

E s soll 1963 passiert sein, auf einer Autofahrt mit Robert Gernhardt. F. W. Bernstein dichtete: „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“ Was Versen sonst selten blüht, geschah, der Vers wurde zum legendären Sprichwort.

Bernstein, 1938 in Göppingen geboren, ist das letzte noch lebende Mitglied der sogenannten Neuen Frankfurter Schule, die in den 1960ern aus der Redaktion der Satirezeitschrift Pardon hervorging. Der Vers, der zum Namensgeber für einen Satirepreis, den Göttinger Elch, oder linke Etablissements wie den Elchkeller der Hannoveraner Universität wurde, der es in Todesanzeigen schaffte und in die Bild, lässt sich aber ohne die berühmte Karikatur dazu kaum denken. Hans Traxler hatte Elche gezeichnet, gehüllt in graue Mäntel, auf den Köpfen breitkrempige Hüte, aus denen in knalligen Farben die Geweihe der Elche hervorragen. Verschlagen grinsend stehen sie wie zum Familienfoto vor einem angedeuteten Alpenpanorama.

Bleiben wir kurz bei den Elchen. Satire will das Versteckte, das Charakteristische in übertriebener Weise sichtbar machen. Bernsteins Vers geriet durch die Karikatur noch komischer: Die Elchgeweihe farbig auszumalen, die ungestalten Elchnasen noch plumper zu zeichnen, das lässt die Elchhaftigkeit der Elche umso deutlicher hervortreten. Die dunklen Mäntel erinnern an die Mäntel der SS. Sie verstärken den Kontrast zwischen Lächerlichkeit und Drastik, was maßgeblich zum Erfolg der Satire (und des Plakates, das ja über Jahre gefühlt in jeder linken WG hing) geführt haben dürfte.

Tonnenschwere Wolkenballen

„Unter den Talaren“, sagt die Karikatur, lauert nicht nur der „Muff von tausend Jahren“, sondern auch die nicht zu verhüllende menschliche Tiernatur, das Unzivilisierte, auch das Barbarische, dem Hitlers Schergen das Feld überließen. Es ist diese Mischung aus Wort und Bild, das Comichafte, derentwegen die Werke der Vertreter der Neuen Frankfurter Schule so große Wirkung erzeugten.

Nun legt der Dichter, Karikaturist, emeritierte Professor für Karikatur und Bildgeschichte F. W. Bernstein einen neuen Band vor: Frische Gedichte. Er umfasst rund 130 Gedichte, es gibt keine Illustrationen. Nicht wenige Gedichte bleiben in ihrer Komik etwas harmlos. Das mag daran liegen, dass Satire als Reaktion auf etwas schon Vorhandenes zwar komisches Potenzial birgt, wenn sie Typisches überzeichnet. Dass sich aber zu dieser Überzeichnung im besten Fall noch etwas Originäres oder Überraschendes, die Vorlage Überschreitendes gesellt – wie es eben mit der Elchkarikatur gelungen ist, die auf die mangelhaft aufgearbeitete historische Vergangenheit der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg abzielt –, ist eher selten.

Ein Gedicht wie Morgenstund, das den Auftakt zu F. W. Bernsteins Band bildet: „Wolkenballen, tonnenschwer, schweben himmelhoch. Nebelkrähen schreien heiser. Soll’n se doch. Nur bitte, wenn’s recht ist, etwas leiser“, wirkt selbst etwas leise, denn ja, die Morgenstund ist natürlich nicht nur die „mit Gold im Mund“, es wartet die Unbill der Welt. Die Nebelkrähen kündigen mit den „tonnenschweren Wolkenballen“ Unheil an, dass sie „himmelhoch“ unterwegs sind, ändert daran nichts.

Man versteht den Einspruch des lyrischen Subjekts, ins Mark dürfte er dabei wohl nicht treffen. Drastischer ist da schon der Jagdbericht, in dem die Jagd auf ein Kaninchen im Hinterhof mit der auf Geflüchtete eng geführt wird. Der Reim, der in der humoristischen Dichtung bisweilen Brisantes zu sehr oder unfreiwillig glättet, ist in Bernsteins Gedichten beliebter und häufiger Gast. In Jagdbericht bekommt er etwas Unheimliches. Man darf also durchaus Bernsteins Gedicht Räum die Reime weg beipflichten, in dem es heißt: „Räum die Reime weg! Nein! Reim kann bleim.“

Problematisch, und das nicht erst seit Frische Gedichte, sind auch Verse, die auf einer bildungsbürgerlichen Folie entstanden sind. Natürlich wird jeder, der Rilkes Panther kennt, auch Bernsteins Parodie Rilkes Reißnagel amüsant finden. „Sein Stich ist vom jahrzehntelangen Stechen / so stumpf geworden, dass er kaum mehr sticht. / So viele spitze Stifte endlich brechen – sein kleiner goldner Stichel, der bricht nicht.“ Doch man kann das Gedicht über den Reißnagel, der sich unbarmherzig in eine Fußsohle bohrt, aber nur genau in diesem Maße witzig finden, wenn diese Rilke-Kennerschaft gegeben ist, was hier zugegebenermaßen nicht allzu abseitig ist. Bei Gryphius, Schubert und auch bei den zahlreichen Gedichten der Neuen Frankfurter Schule, die in diesem Band zur Folie der Verse werden, wirkt gerade Letzteres nur in den besseren Gedichten von Bernsteins neuem Band bestechend wie der Reißnagel; in weniger gelungenen Fällen bekommt die ridiküle Bildungs- oder Eigenschelte etwas Epigonales.

Trotzdem: Bernsteins Spätwerk Frische Gedichte unterhält und gewinnt auf den zweiten Blick. Weil der milde Spott dann auch wieder seinen Reiz hat. Und passend zum Weltuntergangstenor unserer Zeit ist F. W. Bernstein einmal mehr ein Zweizeiler gelungen, der durchaus dem Elchvers ähnelnde Qualitäten aufweist: „Der Untergang des Abendlandes? Grad war’s noch da – und dann verschwand es.“ Die Illustration dazu müssen wir uns eben selber denken.

Info

Frische Gedichte F. W. Bernstein Kunstmann 2017, 208 S., 18 €

06:00 15.03.2017
Geschrieben von

Beate Tröger

Freie Autorin, unter anderem für den Freitag
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