Sirene, Sahara, halbierte

Poesie Lassen Sie sich von der Lyrik verstören und verführen. Die wichtigsten Neuerscheinungen im Überblick
Beate Tröger | Ausgabe 09/2016

Es ist irritierend, wie verunsichert wir sind. Aber es ist auch gut, wenn die Verunsicherung von Gedichten ausgeht, kann sie unser gewohntes Denken und Sprechen in Frage stellen. Gedichte können Offenheit erfahrbar machen, Blicke weiten, Erkenntnis ist möglich, Abweichung produktiv. Paul Celan dichtet in dem 1963 erschienenen Band Die Niemandsrose: „Weißt du, der Raum ist unendlich“. Gemeint ist der grenzenlose Raum des poetischen Worts.

Die Idee von der Unendlichkeit des poetischen Raums findet sich wieder in Mondbetrachtung in mondloser Nacht, einem Band von Marion Poschmann, der ihre Reflexionen über Sprache und Dichtung versammelt. Im Vorwort zu dieser Sammlung von Reden und Artikeln heißt es: „Dichtung vollbringt das Unmögliche. Sie evoziert Bilder im Raum, hält die flüchtige Welt für Momente fest, lässt das Unsichtbare sichtbar werden, stellt Bilder in einen Raum, den es vorher nicht gab. Und sie lässt uns umgekehrt fragen, in welchem Raum eigentlich das stattfindet, was wir für unsere Alltagswelt halten.“

Was Poschmanns prägnante Definition – „Dichtung stellt Bilder in einem Raum, den es vorher nicht gab“ – konkret bedeutet, lässt sich am jüngsten Gedichtband der 1969 geborenen Autorin studieren. Der Band brachte Poschmann, die in schöner Regelmäßigkeit abwechselnd einen Roman, dann wieder Gedichte veröffentlicht, auf die Shortlist der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik (siehe Seite 16).

Elegie und Didaktik

Der Titel Geliehene Landschaften spielt auf ein traditionelles Stilelement der ostasiatischen Gartenkunst an. Eine Szenerie außerhalb der Gartenanlage, etwa ein Berg oder ein Gebäude, wird bewusst in die Gestaltung miteinbezogen. Dadurch weiten sich die Dimensionen des Raums. Poschmann weitet den Raum immer wieder neu in ihren Elegien und Lehrgedichten – „Landschaft, o Sprachpanorama des Logos creator / Landschaft, halbierte, in Vorder- und Rückseite. Wie der Raum nachgibt und Dinge hervorlockt: Dauerwald. Freiflächen. / Vormals und jetzt“ („Bastard“).

Dass Geliehene Landschaften auch auf die viel beschworenen „blühenden Landschaften“ anspielt, machen die Orte deutlich, an denen die Gedichte angesiedelt sind: Viele von ihnen liegen in Osteuropa, aber auch der „Kindergarten Lichtenberg“ wird zum Schauplatz eines Lehrgedichts, in dem Poschmann aus Architektur-, Natur-, Landschafts- und Erinnerungsmosaiksteinchen einen Raum der erlebten, erinnerten, erforschten, vielleicht aber auch nur ersehnten Kindheit nachbildet. Doch nicht nur Osteuropa, auch Japan und Finnland gehen in die Gedichte ein.

In südlicheren, mediterranen Gefilden sind wiederum zahlreiche der Gedichte von Joachim Sartorius angesiedelt, der im Februar seinen 70. Geburtstag feiern konnte. Es geht „für nichts und wieder alles“ nach Alexandria, Istanbul, Nikosia, Tanger oder zum seltsam geschichtslosen Poesiefestival in Dubai. Eine alte, abgegriffene Ansichtskarte aus dem Gedicht „Sahara, Postkarte, Technicolor, 1952“ lehrt den Leser schließlich: „Die Postkarte verrät nicht viel, nur dass das Leben, auch angefasst, das Ersehnte bleibt“.

Die Melancholie, die aus diesen Zeilen spricht, durchweht den Band von seinem Anfang an, der sich anrührend mit dem Altern beschäftigt, durchweht ihn bis zu seinem Ende. Joachim Sartorius, Diplomat, Autor, Übersetzer und Herausgeber, zeigt sich hier als feinsinniger Welt-, Denk- und Sprachkundiger, als Reisender zwischen Orient und Okzident, zwischen Antike und Jetztzeit.

Wo Sartorius’ Gedichte sich dem schier unendlichen poetischen Sprachraum mit einer vergleichsweise konventionellen Syntax annähern, wählt die Kookbooks-Verlegerin Daniela Seel in ihrem zweiten Lyrikband Was weißt du schon von Prärie einen ganz anderen Weg. Ihre blockartig gesetzten Gedichte sind „Reisen größtmöglicher Ungleichzeitigkeit“, semantische Experimentierfelder, in deren hermetisch wirkendem Hallraum die Imaginationskraft der Leser wirken kann. Die 1974 geborene Dichterin schreibt Prosagedichte, die mit der Erwartung an semantische Kohärenz brechen.

Sie ähneln Luftspiegelungen am Horizont, flimmernde Gebilde, die den Raum der Sprache immens erweitern und dabei in unbeheimatete Gegenden vordringen: „Einer dieser Tage, wir gingen spazieren. Liefen einen Waldweg entlang in Gedanken. Nadelwald, boreal, während ich drinnen im Studio saß, die Geräusche direkt vom Boden abnahm, mit den Füßen. Konsonantencluster, durch Vibration übertragen, Bis nach Chugach. Alaska. Ich müsste die Knoten nur so verknüpfen, dass sie Mobiles bilden, Reisen größter Ungleichzeitigkeit. Dabei Laute ohne Bedeutung verzeichnen, durch Bewegung in ihrer Gegenwart bleiben. Geben Sie uns eine Weile. Auch dieser Raum entsteht durch Gebrauch.“

Wer den Gedichtband von Daniela Seel gelesen hat, wird die im Titel aufgeworfene Frage „Was weißt du schon von Prärie?“ mit „eher wenig“ beantworten müssen – wenn es um die konkrete Landschaft geht,.Er wird aber einiges mehr über die Prärie der lyrischen Sprache erfahren haben.

Kerstin Preiwuß, geboren 1980, ordnet ihren zweiten Lyrikband Gespür für Licht ganz klassisch nach den Jahreszeiten. Ein weibliches lyrisches Ich spricht über Liebe, Erkenntnis und Schreiben, über die Verbindungen zwischen Körper und Text.

Anklänge an Märchen und Mythen, aber auch Reminiszenzen an Lyrikerinnen wie Sarah Kirsch, die zu den bekannten Stimmen der Nachkriegslyrik gehört, werden hier zu spannungsvollen, gleichermaßen eingängigen wie befremdlichen Versen: „Das ist der Winter. Jeder Baum ein Schneegesteck. Jeder Ast eine Korallenhand. Ein Blatt wie ein Löwenkopf dreht sich leicht um ein Vogelnest. Der Löwe lauert seinem Sternbild auf. Ein Ast fährt die Krallen aus. Schnee liegt auf allem. Wind geht durch die Korallen.“ Wenn Kerstin Preiwuß in diesem Gedicht den Bildraum einer Winterlandschaft mit dem eines Meeresbodens überlagert, entsteht eine schöne Doppelbelichtung, die einmal mehr die weitende Kraft der Dichtung bezeugt.

Das Meer in seiner Tiefe und Weite wird auch in Marco Organos Debütband Dorfschönheit besungen. Der 1980 in Merseburg geborene Organo spannt den Bogen von der Gegenwart, in der sich das dichtende Ich beim Ego-Googeln zuschaut, bis zum Satiriker Peter Rühmkorf und zu Johann Wolfgang von Goethe.

Angesiedelt sind die Gedichte im dörflichen Raum mit „Bolzplatz“, „Pionierwald“ und „Am Ofen“. In „Sirenen“ wird eine Episode der Odyssee zum Ausgangspunkt für ein sehnsuchtsvolles Gedicht, das vom Verführtwerden träumt: „Du stehst an der Reling. Ritzt Seenotzeichen ins modernde Holz. Nur lustlos gründliches Plätschern an den verquollenen Planken. Du sehnst dich dorthin zurück, wo du Sirenen hörtest: Anker werfen, Hände fesseln, mit der Mannschaft lauschen.“

Eingängig und doch raffiniert

Aus den Planken, die im Kontext von Organos Gedichtband eher zu einem morschen Ruderboot auf dem Dorfteich gehören dürften, werden die mächtigen Schiffsplanken eines antiken Schiffs. Und unversehens stellt man sich sogleich die Weite des Mittelmeers vor, auf dem das sprechende Ich dieses Gedichts unterwegs sein will.

Verunsicherung durch Aufweitungen des Wahrnehmungs-, Sprech- und Denkraums, man darf sie auch von den hier vorgestellten neuen Bänden durchaus systematisch erwarten. Dazu passt ein Zitat von Jan Wagner, der für seinen Band Regentonnenvariationen im vergangenen März den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik erhalten hat: „Von Gewissheiten kann keine Rede sein, wo es um das Schreiben von Gedichten geht – zum Glück auch für dieses Gedicht, das heute, morgen, bald zu schreiben wäre. Und es gibt ja immer nur dieses eine, noch zu schreibende Gedicht.“

Das Zitat beschließt Wagners aktuellen Band Selbstporträt mit Bienenschwarm, in dem er Gedichte aus bislang sechs erschienenen Lyrikbänden aus den Jahren 2001 bis 2015 in einer Anthologie zusammengestellt hat. Nicht nur Wagner-Neulinge, überhaupt Menschen, die sich der zeitgenössischen Lyrik nähern möchten, bekommen hier eine gute Gelegenheit, sich mit den eingängigen, und doch höchst raffiniert und komplex gebauten Gedichten dieses vielfach ausgezeichneten Autors zu beschäftigen.

Info

Mondbetrachtung in mondloser Nacht Marion Poschmann Suhrkamp 2016, 221 S., 18 €

Geliehene Landschaften Marion Poschmann Suhrkamp 2016, 118 S., 19,95 €

Gespür für Licht Kerstin Preiwuß Berlin Verlag 2016, 128 S., 18 €

Für nichts und wieder alles Joachim Sartorius Kiepenheuer & Witsch 2016, 96 S., 15 €

Dorfschönheit Marco Organo Mitteldeutscher Verlag 2016, 88 S., 9,95 €

Selbstporträt mit Bienenschwarm Jan Wagner Hanser Berlin 2016, 256 S., 19,90 €

06:00 16.03.2016
Geschrieben von

Beate Tröger

Freie Autorin, unter anderem für den Freitag
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