Wenn Asche blüht

Nachruf Eine Sprachmagierin hat sich verabschiedet: Zum Tode von Friederike Mayröcker
Wenn Asche blüht
Friederike Mayröcker (1924-2021) in ihrem Büro in Wien

Foto: Hans Klaus Techt/APA/AFP/Getty Images

Fragend und zweifelnd, unerschütterlich erschütterbar, im Exzentrischen zentriert, hat die 1924 in Wien geborene Friederike Mayröcker mit leisem Beharrungsvermögen und klösterlicher Routine ein rund hundert Bücher umfassendes, singuläres Werk verfasst. Alles Aufsässige, Triumphierende ist ihm fern: der Prosa, den Hörspielen, den Gedichten, über die Fritz J. Raddatz bemerkte, jedes einzelne von ihnen könne Asche blühen lassen.

Schon als Schülerin hatte Mayröcker mit dem Schreiben begonnen. Sie arbeitete nach dem Zweiten Weltkrieg als Englischlehrerin, ließ sich 1969 vom Schuldienst freistellen, 1977 frühpensionieren. Von da an umkreiste sie Tag für Tag in ihrer berühmten papierüberwucherten Wiener Wohnung die Fixsterne ihres poetischen Kosmos, ordnete sie neu und setzte sie ins Verhältnis zur Gegenwart: Immer wieder beschwor sie Deinzendorf, wo sie als junges Mädchen mit ihrer Familie die Sommer verbrachte. Beschwor die Blumen, Bäume, die Vögel, die ihr Werk in flirrenden Schwärmen durchflattern. Die Schriften Roland Barthes’, Jacques Derridas, Friedrich Hölderlins, Jean Pauls. Die Erinnerungen an die Vorangegangenen, an den Lebensgefährten Ernst Jandl, der im Juni 2000 verstorben war, an die geliebte Mutter. Alle Farben und das „Weisz“. Die Werke von Francis Bacon, Antoni Tàpies oder Cy Twombly, die ihr, die sie in Bildern dachte, näherkommen konnten als die geliebte Musik eines Johann Sebastian Bach oder Lieder in der Stimme von Maria Callas.

Während der gemeinsamen Zeit mit Jandl weitete sie ihren Radius von Wien allsommers bis Rohrmoos in der Steiermark, ansonsten reiste sie lediglich für Lesungen. Indem Mayröcker aus frei gewählter Beschränkung unermesslich produktiv war und blieb, verwandelte sie sich selbst mehr und mehr in einen Fixstern für Leser, darunter Dichter wie Marcel Beyer, dem Herausgeber ihrer gesammelten Gedichte, oder Thomas Kling, ihrem Laudator beim Georg-Büchner-Preis, den sie im Jahr 2001 nach Jandls Tod erhielt, für Helmut Heißenbüttel, der auf dem Cover des 1973 erschienenen Tod durch Musen bemerkte: „Einer der wichtigsten Versuche, Methoden des Surrealismus wie der konkreten Poesie fruchtbar zu machen, würde fehlen, kennt man das Opus dieser Autorin nicht.“ Bis zu ihrem letzten zu Lebzeiten veröffentlichten Band da ich morgens und moosgrün. Ans Fenster trete blieb die surrealistische ècriture automatique bedeutend, blieb Mayröcker einemSchreiben verpflichtet, das sich dem blanken, kruden Erzählen verweigert. Durch ihre eigenwillige Orthographie, in der sie das „ß“ durch ein „sz“ ersetzte, durch das Verspielte zahlreicher Diminutive, durch Unterstreichungen, Abbreviationen, Auslassungen haben ihre Texte auch etwas von Partituren. Manche scheinen sich mimetisch in Formationen von Vögeln zu verwandeln, alle eint etwas zugleich Körperliches und Magisches. Etwas wirke durch sie hindurch, bemerkte Mayröcker 1999 einmal und setzte hinzu: „Ich habe es einmal ‚Heiliger Geist‘ genannt. Ohne diese Kraft kann ich überhaupt nichts.“ Mit der Sprachmagierin Mayröcker, die zuletzt vielen lebend unsterblich schien, hat sich am 4. Juni auch eine Mystikerin aus dieser Welt verabschiedet, ihr eine ganze Welt hinterlassend.

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Ihre Freitag-Redaktion

14:00 09.06.2021
Geschrieben von

Beate Tröger

Freie Autorin, unter anderem für den Freitag
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Ausgabe 23/2021

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