Wer das liest, wird zur Pflanze

Sex „Sphinx“ überholte die Genderdebatte schon 1986. Nun wird der Roman neu aufgelegt
Beate Tröger | Ausgabe 48/2016
Wer das liest, wird zur Pflanze
Ihrer Zeit voraus: die französische Autorin Anne F. Garreta
Foto: Ulf Andersen/AFP/Getty Images

Es gibt Bücher, über die man dringend diskutieren möchte, die einen intensiven Nachhall erzeugen. Sphinx von Anne Garréta zählt in diesem Jahr zu diesen Büchern, wie sonst noch Didier Eribons autobiografisch-soziologische Reflexion Rückkehr nach Reims. Der Roman der 1962 geborenen Garréta, der bereits 1986 im französischen Original erschien, ist eine Liebesgeschichte aus dem Pariser Nachtleben der 80er Jahre. Er beginnt wie ein Bildungsroman. Die Hauptfigur, ein/e Theologiestudent/in, ist auf einer Sinnsuche, durch von Stroboskoplicht und Beats durchzuckte Diskotheken, durch die Cabarets und Stripteaselokale der Stadt. Das faszinierend Beunruhigende an Sphinx ist seine formale Besonderheit. Anne Garréta schreibt der jungen Erzählfigur kein grammatisches Geschlecht zu, sie lässt auch das Geschlecht des begehrten Objekts offen, ein Kunstgriff der Oulipoten, jener Autorengruppe, die durch formale Zwänge die Sprache zu erweitern versucht.

Mann, Frau oder Transperson

A*** könnte Mann oder Frau sein, vielleicht auch eine Transperson. Durch diese Konstruktion geraten die Leser von Sphinx in Deutungsnöte, die sonst in Liebesromanen nicht entstehen. Seien es hetero- oder homosexuelle Konstellationen, es bleiben der Einbildungskraft und dem Erwartungshorizont normalerweise genügend Ankerpunkte, die Spannung zu imaginieren. Immer entstehen Bilder, die auf geschlechterspezifischer Sozialisation und Konvention und den Brüchen mit selbigen wachsen können. Bei Sphinx jedoch fehlen diese geschlechterspezifischen Ankerpunkte, man liest und fühlt sich wie eine Rankpflanze, die an einer Mauer rein gar nichts findet, an dem sie sich festhalten könnte. Zwar ist die erzählende Figur weiß und dem akademischen Milieu zuzuordnen, A*** schwarz, ohne akademischen Hintergrund und um einiges älter. Dadurch entsteht zwar ein gewisses Spannungsverhältnis, doch die für das Begehren entscheidende Differenz ist nur schwach ausgebildet. Das ist verstörend, provozierend und all diese abgegriffenen Adjektive, die man sich bei der Charakterisierung von Büchern ein für allemal verbieten wollte, füllen sich hier mit neuem intellektuellem und emotionalem Gehalt. Denn das Begehren, das A*** in der Hauptfigur weckt, wirkt durch diesen Kunstgriff seltsam leer und schreit doch danach, gefüllt zu werden. Sämtliche das biologische Geschlecht indizierenden Markierungen im Text, etwa die Nennung bestimmter Lokale, lassen sich interpretatorisch verhandeln. Antje Rávic Strubel bemerkt das im klugen Nachwort dieses bis zur letzten Seite und bis zur überraschenden Pointe hin aufregenden, die Lesebegierde stimulierenden Romans.

Mit Blick auf alte und neue Feminismus- und Genderdebatten weist Sphinx damit weit hinaus über Ansätze, wie sie etwa Gerd Brantenberg in Die Töchter Egalias (1977) vertrat, einem Roman, in dem das Weibliche zur Norm, das Männliche zur Abweichung erklärt wurde. Margarete Stokowski verfällt in ihrem zwischen Biografie und Analyse schillernden Buch Untenrum frei einem vereinfachenden geschlechterdichotomischen Denken, wenn sie beispielsweise die Praxis des Mermaidings als Instrument der Zurichtung weiblicher Individualität verteufelt und übersieht, dass auch etliche Männer sich gern im Nixenschwimmen mit Fischschwanz üben. Es ist, lässt Sphinx die Lesenden begreifen, nicht die Aufhebung dieser Dichotomie, nicht die Nivellierung aller Zwänge, die dem Begehren einen angenehmeren Lauf ließe, im Gegenteil: „Obwohl der Widerstand so schwer zu fassen und zu brechen war, war ich nicht bereit, die Waffen zu strecken. Was zunächst wie ein Strohfeuer der Begierde gewirkt haben musste, gewann mit der Zeit immer mehr an Gewicht.“

Das Begehren speist sich auch aus der Möglichkeit, Rätsel zu akzeptieren. Grenzenlosigkeit macht jede Überschreitung unmöglich.

Info

Sphinx Anne Garréta Alexandra Baisch (Übers.), mit einem Nachwort von Antje Rávic Strubel, Edition Fünf 2016, 184 S., 19,90 €

06:00 14.12.2016
Geschrieben von

Beate Tröger

Freie Autorin, unter anderem für den Freitag
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