iih-Book

Das tote Buch // Ich mag die Geschichten, die einen Zugang zu anderen Gedanken schaffen, und mag auch ihren Geruch und das Gefühl der Seiten beim Umblättern.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Jeden Morgen das Gleiche. Lärm, grelles Licht, der Geruch menschlicher Ausdünstungen, viel zu viel ungewollter Körperkontakt und Penner. U-Bahn eben. Diese Enge und Hektik macht mich echt fertig. Nachdem ich eine Weile durch die Bahn getorkelt bin, erkämpfe ich mir schließlich einen Sitzplatz und lasse mich auf diesen wie einen nassen Sack fallen. Ich schließe die Augen, versuche dem ganzen Wahnsinn zu entkommen. Plötzlich dringt ein Rascheln an mein Ohr. Nichts ungewöhnliches, eigentlich passt es in diese furchtbare Klangkulisse, aber irgendwie hat es etwas Tröstliches. Ich mochte schon immer das Geräusch von raschelndem Papier. Angetan öffne ich die Augen und erblicke ein Buch neben mir. Ein Buch! Das erstaunt mich ein wenig. Die meisten Leute lesen doch gar nicht mehr, schon gar nicht in der U-Bahn, und wenn doch, dann nur irgendeinen Schund. Die Welt ist viel zu schnell geworden! Keiner nimmt sich mehr die Zeit zum Lesen.

Ich versuche einen Blick auf den Titel zu erhaschen. Kenne ich nicht. Unauffällig versuche ich, einen Absatz mitzulesen. Dann noch einen. Und noch einen. Schon bald habe ich die erdrückende Umgebung vergessen und bin in eine andere Welt eingetaucht. Ich mag Bücher. Ich mag die Geschichten, die einen Zugang zu anderen Gedanken schaffen, und mag auch ihren Geruch und das Gefühl der Seiten beim Umblättern. Fast vergesse ich auszusteigen! Beim aufstehen versuche ich einen Blick auf die lesende Person zu werfen. Dieses Gesicht merke ich mir.

Schon bald entwickelt sich ein neuer täglicher Ablauf, der mir das Bahnfahren um einiges erleichtert. Und täglich freue ich mich darauf. Auf die Bücher. Auf das stille Einverständnis des Mitlesens.

Doch eines Tages kommt es anders. Wie gewohnt quetsche ich mich durch die überfüllte, stinkende U-Bahn und setzte mich auf den Platz neben meiner Buchbekanntschaft. Freudig warte ich schon darauf, mit dem Lesen zu beginnen. Aber die Person zieht diesmal nicht das Buch aus der Tasche, sondern ein kleines Gerät, ein e-Book! Entsetzt starre ich darauf. Von den Dingern habe ich noch nie viel gehalten. Tot sind die, einfach tot und unpersönlich! Sie haben nichts von der Lebendigkeit eines Buches, nicht den Geruch, nicht die Haptik. Ich kann nicht verstehen, wie ein Buchliebhaber zu einem e-Book wechseln kann. Ich hatte es so gemocht, mich zusammen mit meinem Nachbarn in den Geschichten zu verkriechen, aber wie soll ich denn so mitlesen? Oder hat man mein Mitlesen doch als störend empfunden? Offensichtlich sind wir alle nur noch abgegrenzte Individuen, unfähig zu kommunizieren und zwischenmenschliche Kontakte aufzubauen. Stattdessen verkriechen wir uns in irgendwelchen i-Pads und i-Phones, selbst ein Kulturgut wie das Buch muss modernisiert werden. Überall nur noch Technik!

Meine eben noch halbwegs positive Stimmung sackt in den Keller. Vertieft in meine Gedanken merke ich fast nicht, wie mein Sitznachbar mir mit einem freundlichen Lächeln dieses Ding so hinhält, dass ich mitlesen kann.

Über Design wird viel geredet und geschrieben. Braucht das Thema nicht aber eine andere sprachliche Form als etwa Technik oder Politik? Kann man Design erzählen?

12:03 21.06.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Beate_Bosskopp

Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare