Frau Schwarzer und Herr Augstein

Die glorreichen Zwei Geschlossene Gesellschaft
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Früher, und das ist noch nicht allzu lang her, blickte ich zu Menschen wie Jakob Augstein anerkennend auf.


Früher, und das ist schon etwas länger her, war Alice Schwarzer eine Art Vorbild für mich.


Heute denke ich, dass beide, Frau Schwarzer und Herr Augstein, auf einer Straße fuhren oder gingen. Natürlich nicht zusammen. Frau Schwarzer in einem alten Toyota mit abgewetzen Sitzen oder so ähnlich und Herr Augstein in einem krass-maskulinen Männer-Bonzen-Auto. Vermutlich mit Fahrer. Er kommt von seinem teuren Friseur, gestriegelt und einparfümiert, und trägt einen 500-Euro Anzug. Man hat es ja. Man hatte es schon immer wie die anderen Schnösel-Boys aus gutem Hause. Das Gute an Augstein war immer, dass er, obgleich Schnösel-Boy, ein Linker und somit einer von den Guten war. Manchmal gibt es nur ein Links, was für ''Gut'' steht und dann eben konservativ oder neoliberal, was für ''Schlecht'' steht. Manchmal ist das ganz simpel. Auch die geistigen Fußgänger können da noch mithalten.


Beide, Frau Schwarzer und Herr Augstein, hätten geradeaus fahren müssen, aber beide haben irgendwo eine falsche Ausfahrt genommen. Sie sind einfach falsch abgegoben. Erste Ausfahrt direkt nach Absurdistan.


''Ich habe keine Angst vor den Ausländers.'' twittert Augstein im Auto mit seinem 900-Euro-Handy. ''Die Frauen sind voll empfindlich und so, ich schwör. Siktir lan. Das bisschen Fummeln hat noch keinem geschadet. Scheiß-Rechte, ey. Wallah. Müssen immer hetzen und so.'' Seine Follower liken und retweeten. Er sieht sich mit seiner Handy-Kamera an. Er mag, was er sieht. Er macht ein Selfie. Die Frisur sitzt. Er hält an einer Ampel. Frauen und auch Männer sehen ihn verliebt an. Sie starren ihn mit offenen Mündern an. Er sieht ein bisschen wie eine römische Statue aus.

Alices Blick im Toyota fällt auf die Bild-Zeitung auf dem Beifahrersitz. Liebevoll betrachtet sie diese. Ein zärtliches Lächeln huscht über ihr Gesicht. Ich muss mal anrufen und fragen, ob wir wieder zusammenarbeiten können. Das war voll knorke beim letzten Mal beim Kachelmann und so, denkt sie.


Beide sind unaufmerksam bei der Fahrt, beide biegen falsch ab.


Frau Schwarzer, Herr Augstein, willkommen in der neuen Heimat. Keine Angst, keine Bange, sie sind nicht allein. Da sind auch Herr Pirinçci, hallo hallo, und Herr Sarrazin ist auch da und schafft sich ein bisschen ab und da ist natürlich auch der vorbestrafte Pegida-Mann, der immer ''Freunde'' ruft und Herr Höcke und auch Frau Petry mit ihrem frechen Kurzhaarschnitt und die Redaktion der Springer-Presse. ''Lügenpresse, Lügenpresse.'', ruft der Pegida-Mann. Er hat ein Megaphon. ''Ha ha.'', sagen die Chefredakteure von Bild und Welt. ''Das wissen wir doch selbst, du Dussel. Das waren wir doch schon immer.'' Herr Martenstein führt ein Selbstgespräch in einer Ecke und schimpft über Gender-Mainstreaming und Feministinnen, Georg Diez nervt, aber das kennt man ja von ihm, und Herr Matussek weint, weil niemand mit ihm spielen möchte. Kurz: Sämtliche Unsympathen der deutschen Medienlandschaft wohnen jetzt in Absurdistan in einer schönen Zweck-WG. L'enfer c'est les autres.


Es hätte aber auch noch dicker kommen können. Ganz dick. Es gibt ja auch noch das Fegefeuer und die Hölle. Da sind dann die ganz Bösen. Da sind Frau Schwarzer und Herr Augstein ja zum Glück nicht gelandet. Dafür sind sie dann doch noch zu lieb. Man kann ihnen die Hand hinhalten und sie versuchen auch nur ein bisschen zu beißen.


Es gibt Kuchen und Kaffee in Absurdistan und wenn man sich mal streiten möchte, und das will man natürlich, denn das mögen alle Wichtigtuer ohne Plan, gibt es einen Sandkasten mit Förmchen und eine Spielecke mit Bauklötzen und man kann sich munter bewerfen. Es gibt natürlich auch Talkshows, den hier hört man sich gerne selbst beim Reden zu.


Absurdistan ist eine internationale Gemeinschaft und Englisch wird hier von den illustren Bewohnern gesprochen. Das ist heute leider so. Latein wäre mir auch lieber, aber was soll man machen.
Hello Mrs Le Pen, hello Mr Farage. Oh hello Mrs Blacker, hello Mr Eystone. What? I only understand central station. Stop talking, you silly goat. Und schon fliegt ein Bauklotz.


''Alizze, Jakob.'', hört man plötzlich eine Stimme sagen. Oh weh, das ist ja der Kindergärtner.


Er kommt Alizze und Jakob abholen, weil sie sich verlaufen haben. Sie passen doch nicht nach Asburdistan zu den ganz Irren. ''Put put put put put.'', lockt man sie an und führt sie wieder zurück. Zeit zur Rehabilitation.

''Ich heiße Alis. Nicht Alizze.'', ruft Alice. ''Ja ja.'', sagt der Kindergärtner. Augstein streckt ihr die Zunge raus. ''Jakob, nein.'', sagt der Kindergärtner. Jakob schmollt.


''Ihr kommt jetzt auf die stille Treppe und denkt darüber nach, was ihr gemacht habt.'', sagt der Kindergärtner.


Moment, der Kindergärtner flüstert mir zu, dass er genderfluid ist und Kindergärtnerium genannt werden möchte. Gut, das lässt sich einrichten.


Kindergärtnerium schimpft ganz doll mit Alice und Jakob.


''Liebe Alice, du hast so gut wie zerstört, was du einmal erreicht hast. Man kann jemanden nicht vorverurteilen und sich dafür mit der hetzerischen Springer-Presse verbünden. Da ist ja sogar das mit der Steuerhinterziehung halb so wild im Vergleich. Warum machst du nichts, um das wieder hinzubiegen? Warum bist du nicht bereit zu Kritik? Du bist doch ein kluges Mädchen, Alice. Du kannst dann auch wieder mitreden.''


Jakob lacht triumphierend.


''Jakob.'', sagt Kindergärtnerium. ''Du verharmlost sexualisierte Gewalt gegen Frauen, wenn du sagst, dass die sich mal nicht so anstellen sollen. Verstehst du das nicht? Deutsche sind auch oft böse, aber man kann Bio-Deutsche nicht abschieben. Man muss eine ehrliche Diskussion über sexualisierte Gewalt und Sexismus führen und nichts verharmlosen.''


Jakob verschrenkt die Arme. Alice dreht sich weg.


''Na gut.'', sagt Kindergärtnerium. ''Dann dürft ihr heute nicht fernsehen und es gibt keine Süßigkeiten und morgen geht es wieder nach Absurdistan.''

Aus der Ferne hört man Lutz Bachmann ''Lügenpresse, Lügenpresse'' ins Megaphon brüllen. Es hat etwas Meditatives. Er heißt hier aber Lloyd Streamman. Wegen dem internationen Flair in Absurdistan, wo English gesprochen wird, und so. Das hatten wir ja schon.

Ein Wecker klingelt. Eine Frau schlägt ihn mit einer Mistgabel. Frau Festerling hat das alles nur geträumt. Ach so. ''Linksversiffte Hippies.'', brummt die Germanin missmutig und tritt auf eine Scherbe.

18:40 15.01.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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