Mein Maskulines Leben

Männlicher Alltag Launiger Einblick in eine Lebensepisode von Kell Malo, einem menschlichen, etwas introvertierten Maskulinisten. Tapfere Selbstironie. Einsichten, aus Torf gewonnen.
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Guten Morgen, Westfalen

Kell Malo schwingt Beine und Restkörper aus dem Bett. Öffnet gähnend die Balkontür. In seinen Gedanken sucht er nach einer passenden Eröffnung des Morgens. Guten Morgen, Westfalen!!! schallt Kells innere Stimme still, aber begeistert über die ahnungslosen Mitbürger unten auf der Straße hinweg gen Westen. Ein gelbes Elektroauto der Post surrt vorbei. Eine Taube gurrt fragend. Ganz oben am Himmel kreuzende Kondensstreifen. OK, denkt Kell, die Gesamtlage scheint ruhig heute früh.

Schwarzes T-Shirt

Both, mother and daughter working for the Yankeeeee Daaalllaaar! kommt es von Cosmo Radio aus dem Lautsprecher. World Music. Twentyfour- Seven. Kell greift sich ein schwarzes T-Shirt vom Wäscheständer. Das Ausschnittende ist unförmig und total ausgeweitet. Mist! Zwei extra Schleudergänge verkürzen zwar den späteren Trocknungsvorgang, scheinen aber manche Stoffe auszuleiern. Scheiß T-Shirt. Scheiß geniale Haushaltsorganisation, ärgert sich Kell. Einbildung ist auch ne Bildung! Was ist das da am unteren Ende vom T-Shirt? Eingelaufen? Das wird ja noch schöner. Scheiß Waschmaschine. Das T-Shirt fliegt in die Ecke, Kell geht in die Küche.

Müsli Mania

ZackZack, Wasserkocher füllen. Vielfrucht-Müsli aus drei großen Plastikboxen zusammen mixen. Frischobst, Quark und Joghurt drauf. Fertig. Becher mit Süßstoff und einem von sechs verschieden Sorten Früchteteebeuteln aufladen. Lecker Ingwertee. Beim Blick aus dem Fenster und nach einigen Mundvoll andächtig ausgelöffeltem Superleckermüsli kehrt bei Kell das Vertrauen in seine haushalterische Kompetenz zurück.

Geschüttelt statt gebügelt

Das mit dem T-Shirt hätte einer Frau schließlich auch passieren können. Zählt also nicht. Abhaken das. Im Kleiderschrank fällt beim Öffnen wie immer das schon vor zwei Jahren nicht ausgepackte Bügelbrett zur Seite. Kell schüttelt, statt sie zu bügeln, Jeans, Hemden und T-Shirts nach dem Trocknen auf dem Ständer kräftig und gründlich aus. Geht auch so. Die restliche Wäsche wird ja auch nicht gebügelt. Sauber falten und glattstreichen kann Kell nämlich sehr gut! Vom kleinsten Wischtuch bis zum größten Spannbettlaken. Nutze deine Kompetenzen! Eingesparte Bügelzeit ist gewonnen Lebens- und Blog-Zeit.

Im Presseclub

Nachrichten in der Fernsehkiste. Das Windows-Fenster des PCs in tadelloser Organisation. 20 Zeitschriften aus aller Welt in der Klickleiste. Wikigedöns. Wörterbücher. Lexika. Kell bräuchte mindestens drei Klickleisten, findet er, er will die Icons direkt vor Augen haben. Zunächst über die neueste Karikatur im Spon gegrrinst. Den Kicker nach Neuigkeiten der Fußballwelt befragt. Dann Axios und CNN. Zeit, FAZ, Süddeutsche, FR und spezielle Blätter später.

Kell loggt sich beim DER FREITAG ein. Die üblichen Ladezeiten überbrückt er mit Nägel feilen. Waschmaschine anwerfen. Die Drahtwäschetonne unter der Spüle will immer umfallen, da sie von oben nach unten schmaler geschnitten ist und auf vier ibschigen Rollen läuft. Maschine auf. Tab rein. Wäsche hinterher. 40 Grad. Start. Klappe zu, Affe tot, Zirkus pleite. Inzwischen sind die Sechs-Uhr-Artikel von DER FREITAG da.

Losgebloggt

Bloggen bis den Arzt kommt. Kunst, Literatur, Kolumnen, Biographien, Guardian, Alltagsleben inspirieren Blogger Kell am meisten. Politik ist ihm morgens langweilig. Genderi, Gendera, Genderallalla regt zu besonderen Formulierungen an, verlangt aber äußerste Sorgfalt. Gelegentliche Trolle und mentale Ausraster von Co-Bloggern sind das Salz in der Suppe. Und immer mal wieder angemessen kritisch, aber stets dankbar an JA denken für diese endlose Blogger Kirmes hier. Man könnte sie auch Blogger Peep Show nennen, denkt Kell, aber das ist eine andere Geschichte.

Tee bei Agatha

Schneller als man Spargel kocht hat sich Kell warmgebloggt und verziert die Ergebnisse wie immer sparsam mit Emojis. Ästhetik muß sein. Schon rumpelt sich die Waschkiste durch ihren letzten Schleudergang. Zwei extra Durchgänge wie immer. Tür auf. Alles raus in die Drahtwäschetonne. Diesmal nur Bettwäsche. Wo hinhängen? Kell verteilt mehrere Stücke über die Türen der Duschkabine im Bad, breitet einen Teil überm Sofa aus. Erinnert an alte Filme mit verlassenen englischen Häusern, alle Möbelstücke mit Tüchern abgehängt. Er träumt sich in einen Besuch bei Agatha Christie hinein. Cup of tea, dear? Sugar? Cream? Biscuits?

Lecker Lunch

Kell macht wie immer kurzen Prozeß beim Mittagessen, dem Lunch. Mini-Frikadellen vom Kühlschrank in die Pling!, dann in den Backofen bei 180 Grad, oberste Schiene. Vorher noch Gouda und Serrano Schinken drauf, samt reichlich Sriracha Chilisauce. 20 Minuten. Alles fertig und lecker. Wieder ein Sieg männlicher Inspiration über spießige Kochkultur! Früher haben wir schließlich auch ohne lange zu fackeln etwas gekillt und anschließend auf großen Feuern gebraten, erinnert sich Kell an ferne Urzeiten. Dann ohne Tischtuch und Dekokrams verschlungen.

Wasserhahn & Wasserhuhn

Die Glocke leuchtet rot. Ach je, mal wieder eine Antwort auf die wagemutige Kommentierung eines Genderartikels. Kell kratzt sich am Hinterkopf und denkt über eine möglichst originelle Gegenantwort nach, die frau ihm nicht so leicht im Munde herum drehen kann. Was Feministinnen nicht lassen können, können zivilisierte Maskulinisten kontern, zuckt Kell die Schultern. Also die Männergenderbrille fest aufgesetzt und fröhlich losgetackert. Nur nicht den Humor verlieren, gespieltes Leiden gibt es hier schon genug.

Nähmlich die Wasserhenne

Kells Vorschlag des Wasserhuhns als gendergerechte Alternative zum Wasserhahn wurde immerhin von einer Dame freundlich korrigiert: es müsse Wasserhenne heißen. Huhn sei die Artbezeichnung. Recht hat sie! Und das passiert ausgerechnet ihm! Ein Scherz über nämlich mit „h“ wird von den Feministinnen als übler Affront aufgefasst, wie man hört, und scharf gerügt. So ginge das nun schon mal gar nicht, die Würde der Frau SO derartig anzugreifen und auch noch sprachlich in den Schmutz zu ziehen!

Harmonie & Einkauf

So, jetzt reicht es Kell erst einmal im Haushalt. Samstag in der Stadt ist angesagt. Kleine Kinder tollen ausgelassen über und durch die öffentliche Möblierung. Mütter schlecken nachdenlich ihr Eis vom Italiener. Väter sinnieren in sanft geschaukelte Kinderwagen hinein. Kell gönnt sich einige Momente innerer Harmonie. Keine Anzeichen von offenem Gendertrouble. Anscheinend gerade genüssliche Gefechtspause.

Kokos Ziegel

Er braucht Blumenerde. Zum Umtopfen. Gibt es kostengünstig bei Kodi. 20-Liter Plastiksack für ein paar Euro fuffzig. Allerdings leider schwer. Unhandlich. Aber – aha!- auch eine Alternative ist da: Kokos-Blumenerde in praktische Ziegel gepresst. Ein dünner Ziegel bringt gewässert 5 Liter Blumenerde. Ist teurer als fertige Erde, aber wer will sich schon mit dem Wasser abschleppen, wenn er es daheim aus der Wasserhenne kriegt? Denkt Kell, schnappt sich 2 Ziegel, zahlt. Draußen auf der Einkaufsstraße mehr E-Verkehr als früher. Noch nehmen nahezu ausschließlich behinderte Menschen daran teil. DIE Elektro Kleinverkehrs Pioniere schlechthin.

Heim Torfen

Zuhause gibt Kell die beiden Ziegel in einen Putzeimer mit 8 Litern Wasser. Schaut bewundernd beim Aufquellen zu. Scheint zu funktionieren. Größeren Topf her. Pflanze aus kleinerem befreien. Der Wassereimer mit der aufgequollenen Erde steht in der Küchenspüle. Topf und Pflanze daneben auf der Edelstahlablage. Mithilfe einer großen Plastikkelle füllt Kell den neuen Topf zur Hälfte mit Erde aus dem Eimer, dann setzt er die Pflanze mit dem Wurzelballen mittig hinein. Topf nun bis zum Rand mit der restlichen Instant-Kokoserde füllen, gut fest drücken. Fertig!

Beinahe Sauerei

Fast. Kell grunzt vor Unmut. Die Auffangschale des Topfs läuft dauernd über. Der Topf ist schwer. Immer wieder das unten auslaufende Wasser vorsichtig in die Spüle abgießen. Er will kein schmutziges Gepladder auf Schuhen und Küchenfußboden. Nein. Kell Hausmann weiß schließlich wie Spülen funktionieren! Außerdem hat er soeben den empirischen Nachweis geführt, dass 2,5 bis 3 Liter Wasser pro Kokosziegel statt der empfohlenen 4 Liter hinreichend sein sollten. Die fertige Erdmenge dürfte dann die gleichen 5 Liter betragen, aber weniger Sauerei hinterlassen. Später, auf der Fensterbank, läuft das Wasser im Blumentopf immer noch ab, bleibt dann aber 5 mm unterm Rand der Auffangschale stehen. Erleichterung bei Kell. Und die Pflanze gibt ein sehr gutes Bild ab!

Moorsoldaten

Was man von der Küche nicht so recht sagen kann. Erdig verklebte Gerätschaften, dunkle Erdreste überall auf der Arbeitsfläche, und in der Spüle! Als hätte sich ein Trupp Moorsoldaten darin die Hände gewaschen. Selbstverständlich hat das Durcheinander keine Chance gegen Kells methodische Haushaltsorganisations-, Planungs- und Vorgehensweise. Nach 15 Minuten ist alles sauber und easy. Könnte eine Frau das besser machen? Wahrscheinlich ja, denkt Kell, und dass er sich mithilfe einer guten Flasche Rotwein wahrscheinlich viel Arbeit ersparen könnte. Müsste man aber mal durchrechnen, denkt er, am besten in einem detailliert aufgebauten Spread Sheet. Optimierung bei Mehrfachzielsetzung. Fuzzy-Ansatz?

Interview mit Kell Malo

Kell, was meinst du, frage ich ihn nach getaner Arbeit, was könnte die Message von diesem Artikel über dich sein? Die Essenz, du verstehst. Gendermässig, haushaltstechnisch, organisatorisch, was geht los? Kell Malo bürstet sich unter der laufenden Wasserhenne stumm sinnierend die letzten Erdreste unter den Fingernägeln heraus. Er könne nicht einsehen und verstehen, sagt er schließlich kopfschüttelnd, was Frauen mit dem Hauhalt bloß immer für ein Gewese machen. Es ginge doch alles ganz leicht von der Hand, wenn man sich nur von Omas Haushaltsführung befreit und sinnvolle Technik einsetzt. Zum Beispiel? schaue ich ihn an. Na, z.B. einen Dampfbesen mit eingebautem Staubsauger, oder einen elektrischen Fensterreiniger. Bakteriensauber und arbeitssparend, schließt Kell mit gehobenen Augenbrauen.

Und das schwarze T-Shirt heute? lasse ich einfließen. Ein Ausreißer, das gilt nicht, meint er. Beim Aufräumen fällt es ihm jetzt wieder in die Hände. Ich beobachte, wie Kell das T-Shirt erst unauffällig im Müll verschwinden lassen will, dann verblüfft innehält.

Schwarzes T-Shirt revisited

Aber halt, was ist hier nun wieder los? ruft er, schüttelt das T-Shirt kräftig aus. Hält es hoch. Dreht und wendet es. Kaum zu glauben, stöhnt er. Nix ausgeleiert! Nix eingelaufen! Wie kann das sein? Kann das sein? Muß ich wohl falsch herum gehalten haben heute morgen, blickt Kell ratlos in Richtung der 1920er Jahre Schönheit an der Wand, die sparsam bekleidet zwei große Papageien auf den Händen balanciert. Zieht dann ratlos die Schulter hoch. Ganesha wedelt amüsiert mit seinem orangen Rüssel herum.

Wieder etwas gelernt auf dem langen Weg zur Perfektion im Haushalt? frage ich ihn zm Abschluß. Pfffff! zischt Kell mich an. Aber jetzt hab ich es, grinst er und fährt mit erhobenem Zeigefinger fort:

Wenn man nämlich ein T-Shirt nur richtig genug herum hält, dann geht das bisschen Hausarbeit praktisch von ganz alleine wie von selbst von der Hand - oder sogar von beiden!

Nach Worte

Chris-tii-aaa-ne! Deine gründlichen Einblicke in das schwere Leben des modernen Mannes können dir das Lächeln nicht nehmen.

Corina Wagner. Danke für unser inspirierendes Bloggen über alles Mögliche der Vergangenheit und Gegenwart.

07:57 09.05.2019
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BeautifulDay

"Es ist besser, ein Licht anzuzünden, als auf die Dunkelheit zu schimpfen." Konfuzius
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