Draußen lauert die Angst

LGBTQ Dawn Cavanagh führt in der Organisation Coalition of African Lesbians auch ihren ganz persönlichen Kampf

Als sie sich zum ersten Mal zu einer Frau hingezogen fühlte, war sie mit einem Mann verheiratet und hatte bereits drei Kinder. Diese Zeit beschreibt Dawn Cavanagh als einen schmerzhaften Prozess, voll innerer Zerrissenheit. „Ich wollte den Mann, den ich liebte, und auf eine Art auch immer noch liebe und schätze, nicht so sehr verletzen.“ In ihrer Verzweiflung suchte sie Rat bei ihren engsten Freundinnen. Die rieten ihr, ihre Gefühle zu ignorieren und ihr bisheriges Leben weiterzuleben. „Sie hatten Angst um mich.“ Cavanaghs Heimat Südafrika hat zwar im weltweiten Vergleich fortschrittliche Antidiskriminierungsgesetze, trotzdem werden dort aber täglich Lesben ermordet oder vergewaltigt, um sie zu „heilen“.

Cavanagh entschied sich trotz der Warnungen dafür, sich zu ihrer Homosexualität zu bekennen. „Mir wurde klar, dass ich ehrlich zu mir selbst sein musste. Ich konnte keine Lüge leben.“ Nachdem ihre Familie von ihrem Coming-out erfuhr, hörten ihre Mutter und ihre Geschwister auf, mit ihr zu sprechen. Das Schweigen dauerte Jahre. „Vor allem für meine Mutter ist es aufgrund ihrer religiösen Überzeugungen bis heute sehr schwer“, sagt Cavanagh. Ihr Vater war damals schon tot. Er starb nur wenige Monate bevor Nelson Mandela zum Präsidenten gewählt wurde – das erste Mal, dass Schwarze in Südafrika überhaupt wählen durften. „Es war sehr schmerzhaft für mich, dass mein Vater nicht mehr dazu kam, endlich wählen zu können.“

Christliche Fundamentalisten

Cavanagh beschreibt ihren Vater als Arbeiterintellektuellen, der sich dem Apartheidsystem widersetzte. „Ich habe ein Foto von ihm, auf dem er auf einer Bank sitzt, die Weißen vorbehalten war. Das war eine mutige Form des Widerstandes.“ Doch trotz seiner politischen Aufgeklärtheit hätte sein Glaube es auch ihrem Vater unmöglich gemacht, die sexuelle Orientierung seiner Tochter zu akzeptieren, ist Cavanagh überzeugt. „Es sind ihre fundamentalistischen christlichen Überzeugungen, die es verhindern, auch gleichgeschlechtliche Liebe als solche anzuerkennen.“ Weil die meisten afrikanischen Länder christlich geprägt sind, spielt christlicher Fundamentalismus bei der Diskriminierung Homosexueller in Afrika eine viel größere Rolle als etwa muslimischer.

„Es war damals ziemlich radikal, sich zu outen, noch dazu als verheiratete Frau“, erzählt Cavanagh. Mit 21 hatte sie ihre Jugendliebe, einen talentierten Fußballspieler, geheiratet. Gemeinsam waren sie in einer Township von Johannesburg aufgewachsen. Während sich sein Leben nur um den Sport drehte – wegen des Sport-Boykotts für Südafrika konnte er nicht an internationalen Turnieren teilnehmen –, schloss sich Cavanagh dem African National Congress (ANC) an und kämpfte, wie ihr Vater, gegen die Apartheid.

Mit ihrem Coming-out gab Cavanagh ein geordnetes, verhältnismäßig sicheres Leben auf. sich als Lesbe im öffentlichen Raum zu bewegen, ist etwas anderes. „Sobald ich das Haus verlasse, weiß ich, dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass ich vergewaltigt werde“, sagt sie. „Wir haben zwar all diese progressiven Gesetze. Doch solange die Institutionen nicht fähig sind, deren Einhaltung zu garantieren, wird sich nichts ändern.“

Wenn man sie sprechen hört, fällt es schwer, sich vorzustellen, dass diese selbstbewusste Frau mit den langen Zöpfen, den rot geschminkten Lippen und dem Schlangentattoo auf dem rechten Oberarm täglich in Angst lebt. Cavanagh spricht klar und ungeniert über ihre Sexualität. „Es ist absolut lächerlich, dass wir, weil wir eine Vagina haben, nur durch jemanden mit einem Penis Vergnügen und Befriedigung erfahren können sollen. Ich weigere mich, das anzuerkennen. Deshalb von Gewalt bedroht zu werden, ist geradezu absurd.“

Die Homophobie in Südafrika versteht Cavanagh als strukturelles Problem. „Obwohl das brutale Apartheidsystem abgeschafft wurde, leben wir immer noch in einer sehr gewalttätigen Gesellschaft.“ Die Gewalt richte sich nach wie vor gegen diejenigen, die von der Norm abweichen. Für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender (LGBT) sei es deshalb am schlimmsten. „Du weißt einfach immer, dass du nicht sicher bist. Doch so richtig bewusst wurde mir das erst, als ich zum ersten Mal in Europa war und den Unterschied bemerkte. Ich konnte es nicht glauben, dass ich abends essen gehen und anschließend allein zurück zum Hotel laufen konnte.“

Die Zeit nach ihrem Coming-out und dem politischen Umbruch in Südafrika beschreibt Cavanagh als Zeit ihres politischen Erwachens. Zunächst engagierte sie sich fast ausschließlich für Frauenrechte. Während des Apartheidregimes wurde diesen nämlich sehr wenig bis gar keine Bedeutung beigemessen. „Es wurde mal darüber geredet, aber es hatte absolut keine Priorität“, sagt Cavanagh. „Die Priorität war race, für mich und auch für alle Frauenrechtsorganisationen.“ Mit ihrem Engagement für Frauenrechte habe sich ihr Blick aber geweitet, sagt sie. „Ich erkannte, dass ich race, gender und class – also den Kampf gegen Rassismus, patriarchale Strukturen und soziale Ungleichheit – zusammendenken muss.“

Diese Erkenntnis, dass die Unterdrückung von Frauen, die Diskriminierung von LGBT, ökonomische Ungerechtigkeit und rassistische Strukturen eng miteinander verknüpft sind und sich auch gegenseitig bedingen, liegt heute ihrer Arbeit als Geschäftsführerin der Coalition of African Lesbians (CAL) zugrunde. Die länderübergreifende NGO hat ihren Hauptsitz in Johannesburg. Um ihre Arbeit in Europa vorzustellen, ist Cavanagh nach Berlin gekommen. Bevor es am nächsten Tag weiter zum UN-Menschenrechtsrat nach Genf geht, nimmt sie sich an diesem Nachmittag bei einem Kaffee viel Zeit, um von ihrer Arbeit und ihrem Leben zu erzählen.

Mühsame Schritte

„Nicht alle Lesben in Südafrika oder Afrika machen die gleichen Erfahrungen. Race und Klassenzugehörigkeit spielen eine entscheidende Rolle“, sagt sie. „Als lesbische Frau, die sich hochgearbeitet hat und heute der Mittelschicht angehört, führe ich ein privilegierteres Leben. Ich bin finanziell unabhängig. Wenn mich meine Familie verstößt, ist meine Existenz nicht bedroht. Für weiße lesbische Frauen, die der Mittelschicht angehören, ist es meist noch besser.“ Doch selbst für junge, schwarze, lesbische Frauen in den Townships sei nicht alles hoffnungslos und deprimierend.

„Wir haben ein starkes soziales Netzwerk, das sie auffängt, wenn ihre Familien sie verstoßen.“ Werden sie nicht nur verstoßen, sondern auch bedroht und verfolgt, bietet CAL auch an, ihnen neue Wohnorte innerhalb ihres Heimatlandes oder in einem anderen Land innerhalb oder außerhalb Afrikas zu verschaffen. Mit 33 Mitgliedsorganisationen in 19 afrikanischen Ländern ist CAL die größte LGBT-Vernetzungsorganisation auf dem Kontinent. Auf internationaler Ebene ist CAL bei der UN tätig, auf lokaler Ebene unterstützt sie die länderübergreifende Zusammenarbeit gegen die Diskriminierung von LGBT.

„Wir arbeiten daran, dass Regierungen das Recht auf sexuelle Orientierung und Gender Identity als Menschenrecht anerkennen und gegen entsprechende Menschenrechtsverletzungen vorgehen“, sagt Cavanagh. Es ist ein schwieriger, langwieriger Kampf. „Gesetze allein reichen da nicht aus. Die politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen müssen sich hin zu einem grundlegenden Verständnis von sozialer Gerechtigkeit, Menschenrechten und Demokratie entwickeln.“

Im April dieses Jahres hat die Afrikanische Kommission der Menschenrechte Cavanaghs CAL den Beobachterstatus eingeräumt und die NGO damit offiziell als Menschenrechtsorganisation anerkannt. Das ist ein großer Erfolg. Dennoch werden in 36 der 54 afrikanischen Staaten Lesben, Schwule und Transgender allein wegen ihres Andersseins weiterhin strafrechtlich verfolgt. Immer wieder kommt es vor, dass auch Aktivistinnen bedroht, angegriffen oder inhaftiert werden. „Einige leiden deshalb unter starken Depressionen. Für sie haben wir Schutzräume eingerichtet, in denen sie Zuflucht suchen und sich erholen können.“

Der Kampf gegen Homophobie auf dem afrikanischen Kontinent ist mühsam und oft frustrierend. Doch auch bei ihrer Familie hat Cavanagh mittlerweile einen Erfolg errungen. „Es hat viel Geduld gebraucht. Aber heute, 19 Jahre später, haben all diejenigen, die den Kontakt zu mir abgebrochen haben, realisiert, dass ihre Ängste und ihre Ablehnung unbegründet sind“, erzählt sie. Auch ihre Mutter fand einen Weg, mit Dawns Sexualität umzugehen. Sie konnte es nicht länger ertragen, ihre Tochter völlig aus ihrem Leben zu streichen.

„Aus Liebe zu mir ist es für meine Mutter mittlerweile möglich, damit zu leben, auch wenn sie es nicht gutheißt. Wenn ich heute eine Freundin habe, dann stelle ich sie meiner Mutter vor.“ Der Beziehungsstatus wird dabei aber nicht erwähnt. „Das ginge zu weit.“

06:00 14.07.2015
Geschrieben von

Bebero Lehmann

Freie Journalistin
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