Das regt mich auf- Sexismus

Sexismus-Debatte Ich habe lange nichts mehr geschrieben. Sehr lange. Und jetzt ist die Sexismus-Debatte wieder ausgebrochen.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Nach Wochen des Lesens verschiedener Beiträge aus verschiedenen Richtungen, des Hörens und Sehens von Diskussionsrunden und des Sichtens von Blogs, habe ich mich entschlossen, dazu ebenfalls etwas zu schreiben.
Da eine Menge dieser wie auch immer medial gearteten Beiträge dazu neigen, Definitionen völlig außer Acht zu lassen und viele Dinge miteinander zu vermengen, möchte ich kurz erläutern, auf welche Formen des Sexismus ich mich beziehe.


Sexismus ist für mich, aufgrund der Endung -ismus, eine Geisteshaltung. Es ist eine Art, das andere Geschlecht (egal welches!) auf eine andere Art zu betrachten, zu reduzieren, zu diskriminieren.
Auch wenn das oft Praxis ist und auch abhängig von der jeweilig favorisierten Definition, zähle ich zu Sexismus nicht sexuelle Gewalt und sexuelle Belästigung. Sexismus zu bestimmten ist oft sehr schwer, eine Gradwanderung. Dadurch, dass, der Definition nach, auf die ich mich beziehe, Sexismus eine kulturell anerzogene und soziale Strömung ist, kann sexistisches Verhalten einer betroffenen Person aufstoßen, ohne dass die ausführende Person sich gewahr ist, eine Grenze überschritten zu haben. Das beste und vielzitierte Beispiel hierfür ist das Kompliment am Arbeitsplatz. Hier spielen nicht nur die Äußerung, sondern auch das Verhältnis der Personen und die Umstände eine wichtige Rolle.

Sexuelle Belästigung und sexuelle Gewalt sind, meines Erachtens, sehr viel besser abgrenzbar. Wer auch immer behauptet, er wusste nicht, was er tat, wenn es um sexuelle Belästigung oder Gewalt geht, lügt. So ziemlich jeder Mensch bei klarem Verstand in unserer Gesellschaft, weiß, dass bei Berührungen, Schimpfworten, einschlägigen Ausdrücken oder wiederholter und beharrlicher sexistischer Annäherung, eine Grenze überschritten wird. Es gibt Studien dazu, bei denen Männer und Frauen unserer Gesellschaften gleichauf im Bewerten angemessenen Verhaltens beim Flirten und unangemessenen Verhaltens, dass in sexuelle Belästigung ausartet, aufliegen. Es gibt hier keine großen Geschlechterunterschiede, so ziemlich jeder weiß, wann er unangebracht handeln würde. Und um weitere Missverständnisse auszuschließen: selbstverständlich liegt die Bewertung der Grenzüberschreitung im Ermessen des Belästigten.
Daher möchte ich diesen Beitrag auch ausdrücklich nicht als Teil der Debatte um Mächtige oder prominente Personen eingliedern. Es geht viel eher um den Sexismus im Alltag, über den jetzt mindestens genauso viel geschrieben und diskutiert wird.
Soweit also zu meiner Abgrenzung.

Nun zum Kern meines Beitrags: Die Sexismus-Debatte nervt.

Ja, es gibt Sexismus. Ja, man muss darüber reden, man muss Frauen und Männern Mut machen, die sich noch nicht trauen, darüber zu sprechen, man sollte diesen Diskurs führen, um einen gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen. Aber bitte nicht so. Hier einige Punkte, die mich in den Wahnsinn treiben und die ich jetzt endlich einmal kommentieren muss.

Man muss ja geradezu glauben, dass Frauen tatsächlich die kleinen verschüchterten Wesen sind, von denen Chauvinisten ausgehen, wenn ich so höre und lese, was (überwiegend) Frauen so zu dieser Debatte schreiben. Das kommt mir vor wie ein Kleinmachen und Kleinreden des weiblichen Geschlechts. Ich fühle mich da zumindest nicht angesprochen oder aufgehoben. Klar werden jetzt einige Gift und Galle spucken und von verzerrter Sichtweise sprechen oder sowas schreiben wie: „Na, da hat sie aber Glück gehabt, anderen geht das nicht so!“ Das ist bestimmt richtig. Aber vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich GRUNDSÄTZLICH davon ausgehe, gar nicht sexistisch behandelt zu werden?

Außerdem sprechen Frauen wenig bis nie über den Sexismus unter Frauen. Wenn Margarete Stokowski in ihrer Kolumne darüber schreibt, Frauen könnten ja auch sexistisch sein und damit leider nicht den Sexismus Männern gegenüber meint, sondern Frauen gegenüber, dann ist das erstmal nicht schlecht. Allerdings habe ich den Kern weder bei ihrem Beitrag, noch bei anderen tatsächlich finden können. Sie schreibt, sie denke nicht, dass Frauen die „schlimmsten sexistischen Sprüche über Frauen“ machen. Ich kann da nur widersprechen. Frauen sind anderen Frauen gegenüber oft bösartiger und oberflächlicher, als es sich viele Männer trauen würden. Ansonsten verläuft die Argumentation irgendwie mal hierhin und mal dahin und am Ende ist es gar keine.
Frauen dürften sich auch nicht mit Männern solidarisieren, heißt es in ihrem Beitrag. Zumindest stößt ihr das bei vielen zitierten Beiträgen von anderen Frauen auf. Ist das jetzt weniger sexistisch? Wieso darf ich mich als Frau nicht mit möglicherweise falsch beschuldigten Männern solidarisieren, wie ich mich mit sexistisch behandelten Frauen solidarisiere und umgekehrt?
Männer die von Frauen sexistisch behandelt werden, habe ich bisher nur in Kommentaren zu Artikeln gelesen. Mir ist da hoffentlich etwas entgangen. Erleuchten Sie mich! Am Rande wird sexistisches Verhalten von Frauen Männern gegenüber zwar mal erwähnt, der Vollständigkeit halber, aber so ein richtiges Sprachrohr haben Männer noch nicht. Weil wenn Frauen Männer einfach antatschen, Komplimente machen, sich betrunken an sie ranhängen oder einfach aufs Männerklo marschieren, weil das Frauenklo wieder hoffnungslos überfüllt ist (habe ich auch schon gemacht. Entschuldigung!), dann sind Frauen meist total überrascht davon, dass es Männer gibt, denen das gar nicht so gefällt und die sich ebenfalls bedrängt und/ oder reduziert fühlen.

Eines der strapaziertesten Themen der Sexismus-Debatte ist das der Komplimente am Arbeitsplatz, des Angemachtwerdens und der sexistischen Witze. Es ist vielleicht so, dass Frauen weniger dämliche Anmachsprüche benutzen, als Frauen, zumindest habe ich das noch nicht live erlebt. Aber ist es weniger sexistisch, wenn Frauen in Clubs und Bars gehen, mit dem Vorsatz nichts bezahlen zu müssen oder mit der festen Vorstellung, dass sie von irgendjemandem mit nach Hause genommen werden, weil Frauen sowas eben leichter fällt? Ich finde nicht.
Ich bin eine der Frauen, die etwas dazu sagt, wenn sie sexistisch behandelt wird und das auch an die große Glocke hängen würde. Aber tatsächlich wurde ich in meinem ganzen Leben noch nicht sexistisch angegangen. Ich wurde betrunken angebaggert (habe ich selbst schon gemacht) und mir wurden Komplimente am Arbeitsplatz gemacht (in gänzlich sexismusfreier Atmosphäre) und ich wurde schon beleidigt (das hatte ich verdient und habe ebenfalls ausgeteilt). Aber dass diese Dinge geschehen sind, weil ich eine Frau bin, diskriminiert oder reduziert werde auf mein Geschlecht, nein, das ist mir noch nie passiert.
Sexistische Witze gibt es für mich in zwei Kategorien. Die, bei denen ich enerviert die Augen verdrehe und die bei denen ich laut lachen muss. Humor und Satire dürfen alles, auch wenn es einem persönlich nicht immer gefällt. Und vom Witze erzählen ist noch niemand ernsthaft seelisch verletzt worden.
Was mir wirklich richtig doll aufstößt und wo ich auch im Alltag Wutanfälle kriege, ist sexistische Werbung. Nicht nur, dass halbnackte Frauen bei den unmöglichsten und unpassendsten Produkten zum normalen Bild gehören, ich frage mich auch ganz ernsthaft: Wen spricht sowas an? Kennen Sie jemanden, der einen bestimmten Bäckerlieferdienst, der mit einer fast nackten Frau auf den Lieferautos, die lasziv in ein Baguette beißt, wegen eben dieses Bildes eher beauftragen würde, als einen anderen Lieferdienst? Also ich nicht.

Ich habe mal mit einer Therapeutin über die Sozialisierung von Menschen gesprochen. Sie sagte mir, dass es nahezu unmöglich sei, Menschen, die ihr ganzes Leben lang etwas bestimmtes vorgelebt bekommen haben, umzuerziehen. Man solle versuchen, diesen Standpunkt zu berücksichtigen und sein eigenes Verhalten danach auszurichten. Zumindest, wenn einem diese Menschen am Herzen liegen. Ich, ganz persönlich, ziehe es daher nicht vor, mit erhobenem Zeigefinger auf andere zu zeigen. Ich werde Männer und Frauen, vor allem jenseits der 50, nicht mehr umerziehen können. Das heißt nicht, dass ich niemanden in die Schranken weisen werde, der eine Grenze überschreitet (meine oder fremde). Das heißt nicht, dass ich das Verhalten anderer entschuldige. Es ist aber eine Form von Erklärung, die man zumindest im Hinterkopf behalten kann. Wir sollten die Debatte meiner Meinung nach, vor allem mal dahin lenken, was wir unseren Kindern beibringen und wie wir die Gesellschaft in Zukunft gestalten wollen.
Ich schaue mir da meinen eigenen Sohn an, der kein typisches Rollenbild vorgelebt bekommt. Der nicht nur blaue Sachen trägt. Der genauso auf glitzerbuntes Einhorn-Klopapier steht, wie ich. Der Geschichten mit starken Mädchen UND Jungen vorgelesen bekommt. Der sich, wenn wir in einen Blumenladen gehen, auf die rosa Blumen stürzte und jauchzte: „Mama, die sind SO SCHÖN, die MUSS ich haben!“ (Die anderen Leute im Laden haben ihn angeschaut, als wäre er ein Alien. Sexismus!) In meinem persönlichen kleinen Umfeld wird sich der Kampf gegen Sexismus also vor allem darauf beschränken, meinen Sohn weder zu einem Chauvinisten, noch zu einem blinden Feministen zu erziehen.

Ich habe sicherlich nun genug Anstoß gegeben, mich völlig zerfleischen und auseinander nehmen zu lassen. Ich bitte darum! Ich werde alles mit Interesse lesen und sicherlich neue Denkanstöße dazu gewinnen. Aber wenn mir gesagt wird, ich dürfe irgendwas nicht sagen dann, halte ich es mit Lucilectric und singe laut: Keine Widerrede, Mann, weil ich ja sowieso gewinn‘, weil ich‘n Mädchen bin!


(Aufgrund der Lesbarkeit und meiner Nerven habe ich darauf verzichtet, geschlechterneutral zu schreiben. Wenn also irgendwo „er“ steht, ist damit genauso eine „sie“ oder jedes andere Geschlecht, dem jemand sich zugehörig fühlt, gemeint.)




12:41 14.11.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Becci A.

26 Jahre alt, Politikwissenschaftlerin, Mutter, Demokratin
Schreiber 0 Leser 0
Becci A.

Kommentare