Das regt mich auf- Von den Alten zu den Jungen

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Letztes Jahr.

Ich stehe im Kiosk meines Vertrauens, um mir meine Zeitung zu holen. Schon vor einigen Wochen sind sie mir ins Auge gefallen: die "National- Zeitung", die "Deutsche Stimme" und die "Junge Freiheit". Fehlt nur noch der "Völkische Beobachter" direkt daneben, denke ich mir. Ich lege also meine Zeitungen auf den Tresen und finde, heute ist der Tag gekommen, so geht das nicht, jetzt sagst du was.Ich setze ein nettes Lächeln auf, um nicht allzu unfreundlich rüberzukommen und frage den Kioskbesitzer, warum er diese Zeitungen verkauft, da er doch sicherlich wisse, was sie propagierten und welche Klientel sie lese. Er schaut mich an und antwortet etwas, dass ich kaum verstehe. Also setze ich nochmal nach und sage, dass ich und auch eine Menge anderer, die bei ihm ihre Zeitungen kaufen, es schöner fänden, wenn er diese Zeitungen nicht mehr verkauft, da er damit einen riesigen Apparat von rechtem Gedankengut unterstützen würde und er einmal daran denken solle, was dieses Gedankengut beinhaltet. Ich sagte: "Sie wollen doch sicherlich keine Nazis unterstützen, oder?" Auf einmal schaltet sich der ältere Mann hinter mir ein. Er fängt an laut zu reden, ja fast zu brüllen, Nazis, Nazis, er höre überall nur Nazis, die würde es ja gar nicht geben und hätte es ja auch nie gegeben. Völlig perplex schaue ich ihn an und weiß nicht, was ich sagen soll. Ob er das ernst meine, was er da gerade gesagt habe, frage ich ihn. Ja, das sei alles nur linke Propaganda gewesen, genauso wie mit dem Holocaust. Den gab's ja auch nicht.Da bin ich noch sprachloser. Ich schaue den Kioskbesitzer an und sage ihm, dass er ab jetzt eine Menge Kunden weniger haben wird, da ich allen, die ich kenne, erzählen werde, was er verkauft. Dann lass ich die Zeitungen liegen und gehe. Das ist definitiv nicht mehr mein Kiosk.

Ein paar Monate später.

Sie haben sich wieder eingefunden. So wie jedes Jahr, wenn es abends wieder warm genug ist, um draußen zu sitzen. Es sind junge Männer, die sich eines Tages gedacht haben, dass das Leben ohne Arbeit wirklich nicht spannend sei. Also haben sie sich getroffen und sind planlos durch die Gegend gezogen, auf der Suche nach Ablenkung vom eigenen Schicksal. Sie streifen also durch die Nachbarschaft und treffen eine Gruppe von Leuten, die sie fragen, was sie denn hier so auf der Straße treiben würden. Die jungen Männer erzählen, sie hätten keinen Job. Diese Situation kennen die anderen, ihnen geht es genauso. Sie erzählen den jungen Leuten, dass daran die Ausländer schuld sind und die schlechte Politik. Die Männer nicken und finden, dass das alles plausibel klingt, denn sie sind von nicht allzu großer Intelligenz begünstigt worden. Die Anderen fragen sie, ob sich Lust haben, mit ihnen rumzuhängen, im Park, da sei es nett, da gibt es Bänke zum Hinsetzen und der kleine Laden mit dem vielen Bier ist auch nicht weit. Klar, sagen die jungen Männer, die froh sind, Gleichgesinnte gefunden zu haben. Die Anderen sagen allerdings noch, dass es eine Bedingung gibt, damit sie mit ihnen gehen dürfen. Haare, erklären sie, sind uncool, denn Haare haben nur Ausländer. Die Haare müssen also ab. Kein Problem, sagen die jungen Männer.

So landen sie nun auf den Parkbänken ziemlich genau vor meiner Tür. Seit acht Jahren, seit ich hier wohne, weiß ich nachdem der erste schöne Frühlings-/Sommertag zu Ende geht: ab morgen sind sie da.

Mittlerweile haben die schon Versierteren den Neuankömmlingen erklärt, was "national befreite Zonen" sind. Das finden die total gut und machen sich ans Werk. Natürlich müssen nicht nur Ausländer weg, sondern auch alle die sie schief angucken oder ein bisschen anders aussehen und manchmal kriegen auch die Ärger, die einfach nur Haare haben. Das Kriterium scheint sich jeden Tag zu ändern.

Ich habe mit dem Gemeindebüro gesprochen.Ich habe auf dem Abschnitt angerufen und gebeten, abends öfter mal eine Streife vorbei zuschicken. Ich habe nach 22h regelmäßig die Polizei geholt. Bei allen Anwohnern ist das Problem der Männer mit der langen Weile bekannt. Seit Jahren, ach was, seit Jahrezehnten, denn ihre Väter haben schon genau dasselbe getan, wie mir berichtet wurde. Und dennoch kommen sie jedes Jahr wieder.

Und nicht nur das. Die Szene ist hier mittlerweile so gefestigt, dass sogar die NPD schon eine große Kundgebung abgehalten hat. Und wo? In der Behindertenwerkstätte, die auch an den Park angrenzt. Das ist schon bösester Zynismus.

Ich frage mich, wieso eigentlich kein einziger anderer Anwohner des Parks die Polizei holt. Hole ich sie nicht, kommt keiner. Aber den anderen muss das Gegröle, die Parolen, das Scherbengeklirre und diese latente Bedrohung doch auch auf die Nerven gehen? Dass sie gegen moralische Grundsätze verstoßen? Ich habe mich umgehört, ja, es geht vielen auf die Nerven, sie wollen, dass die Neo-Langeweile-Nazis hier verschwinden. Aber wenn ich sie frage, wieso sie dafür nicht einfach zum Hörer greifen und die Polizei anrufen oder sonst etwas tun, kriege ich nur beschämte Blicke zu sehen oder eine gemurmelte Entschuldigung oder irgendwelche Ausflüchte. So oft hören wir die ja gar nicht. Mit der Polizei will ich nichts zu tun haben.Was bringt das schon?

Und leider haben sie sogar recht, manchmal. Klar verschwinden sie, wenn die Polizei kommt. Dafür wissen sie jetzt, nach dem Jahre lang die Polizei-Angerufe, dass ich hier weit ud breit die Einzige bin, die das tut. Die Einzige, die dafür verantwortlich ist, dass ihre Personalien der Polizei vorliegen. Sie wissen mittlerweile auch ziemlich genau wo ich wohne und auf welche Schule ich gehe. Woher auch immer.

Also werde ich dann wohl nächste Woche mal wieder auf unserem Abschnitt anrufen und denen erzählen, dass unsere allseitsbekannten Ruhestörer mich auf dem Kieker haben. Schauen wir mal, was passiert.

13:49 11.04.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Becci A.

26 Jahre alt, Politikwissenschaftlerin, Mutter, Demokratin
Becci A.

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