1926: Königliche Hoheit

Zeitgeschichte Der arbeitslose Harry Domela gibt sich als Wilhelm von Preußen aus und narrt Adlige wie Großbürger. Seine Memoiren geraten zum unsentimentalen Porträt der 1920er Jahre
Behrang Samsami | Ausgabe 39/2016 2

Es handelt sich um eine der berühmtesten Karikaturen aus der Weimarer Zeit: acht Männer, unter ihnen ein Adliger, ein Geistlicher, ein Soldat, ein Arbeiter, ein Bauer und ein Nazi, halten Buchstaben hoch, die zusammen das Wort REPUBLIK ergeben. „Sie tragen die Buchstaben der Firma – aber wer trägt ihren Geist?!“, heißt es unter der Zeichnung von Thomas Theodor Heine, die im März 1927 im Simplicissimus erscheint und auf fehlenden Rückhalt für die erste deutsche Republik anspielt. Hat sich der Karikaturist vom Fall des Deutsch-Balten Harry Domela inspirieren lassen, der Täuschungsmanöver in Perfektion beherrschte? Domela sitzt seit Januar 1927 in Haft und wird später wegen Rückfallbetrugs in mehreren Fällen zu sieben Monaten Haft verurteilt – und das bei größtem öffentlichen Interesse. Was hat er verbrochen?

Da Domela, 1904 oder 1905 in Livland geboren, in Deutschland als Ausländer trotz größter Mühen keine dauerhafte Beschäftigung findet, entscheidet er eines Tages, Adelstitel zu nutzen – in der Hoffnung, so leichter in Arbeit zu kommen. Seine Bildung und das Wissen um militärische Umgangsformen lassen viele über seine ärmliche Kleidung hinwegsehen. Als „Graf Pahlen“ sucht er in Darmstadt einen Landsmann, den Philosophen Graf Keyserling, auf und wird weiterempfohlen. In Heidelberg gibt er sich als „Prinz Lieven, Leutnant im 4. Reichswehr-Reiterregiment, Potsdam“ aus – und das so überzeugend, dass die adligen, selten nüchternen Korpsstudenten der Saxo-Borussen vor Freude strahlen, mit einem Prinzen verkehren zu dürfen.

Grandioser Höhepunkt ist Domelas Aufenthalt im Herbst 1926 in Thüringen, wo er sich „Baron von Korff“ nennt, doch sehr bald für Wilhelm von Preußen, den ältesten Sohn des früheren Kronprinzen, gehalten wird. Domela genießt die Aufmerksamkeit, die ihm als Königliche Hoheit zuteil wird. Er besucht Aufführungen von Opern, nimmt an Jagden und Wohltätigkeitsbasaren teil, wohnt in Luxushotels des Unternehmers Kossenhaschen in Erfurt und Gotha. Auch bei Offizieren hat der „Prinz“ leichtes Spiel: Wo er auftaucht, wird stramm gestanden. Als der Schwindel auffliegt, flieht Domela nach Köln, wo er der Fremdenlegion beitreten will, vor der Abfahrt nach Frankreich aber festgenommen wird. Im Gefängnis schreibt er seine Memoiren, die, überarbeitet, unter dem Titel Der falsche Prinz im Malik-Verlag erscheinen und ein Erfolg werden. Innerhalb eines Jahres verkaufen sich sechs Auflagen mit insgesamt 122.000 Exemplaren. Domela verdient 250.000 Reichsmark und spielt sogar die Hauptrolle in der gleichnamigen Verfilmung. Sein Buch wird in sieben Sprachen übersetzt.

Alle Welt lacht über genarrte Honoratioren, Großbürger wie Offiziere. Dabei hat es Domela nicht nur vermocht, sich in deren Kreisen einzuschleichen. Mit seinen Memoiren gelingt es ihm überdies, die Genarrten in ihrem Standesdünkel bloßzustellen. Er erinnert Geschehnisse sowie Gespräche und bestätigt indirekt Kurt Tucholskys Diktum von der Weimarer Republik als einer „negativen Monarchie“. Bekanntlich war besonders der monarchistischen Kaste die Republik verhasst und die Sehnsucht nach der Hohenzollern-Dynastie ein Lebenselixier.

Schriftsteller jener Zeit äußern sich anerkennend über Domelas literarische Ambition. Der Malik-Verlag wirbt mit einem Brief von Thomas Mann, der 1922 eine erste Fassung der Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull veröffentlicht hat und nun schreibt: „Es leitete Sie ein ganz richtiger Instinkt, als Sie glaubten, mich besonders auf das Buch hinweisen zu sollen. Ich hatte es längst gekauft und mit außerordentlichem Interesse und Vergnügen gelesen. Die Figur dieses trügerischen Harry überragt an Geist und Witz, an bewusst satirischer Kraft diejenige des Hauptmanns von Köpenick bei weitem.“ Tucholsky lobt Domelas Buch in der Zeitschrift Weltbühne als „Kulturdokument ersten Ranges und etwas völlig Einzigartiges“.

In der Tat ist Der falsche Prinz ein singuläres Werk, eine tragikomische wie exzentrische Autobiografie, zugleich ein Sozio- und Psychogramm einer verstörten Gesellschaft, die von Putschversuchen, Aufständen, Krisen und Krächen heimgesucht wird. Der Deutsch-Balte beschreibt das triste, kalte Deutschland der Nachkriegszeit, in dem Armut und Reichtum nebeneinander existieren, das starke Führer ersehnt und auf Hochstapler wie ihn hereinfällt. Was Domelas Memoiren zu einem „Kulturdokument ersten Ranges“ macht, ist die schonungslose, selbstkritische und ironische Art, mit der dieser gerade einmal 22-jährige Autor zu erzählen weiß und aus einer Fülle extremer Erlebnisse und Erfahrungen schöpft, die ihm zuteil wurden. Domela schildert ein Leben, das auch ein Daniel Defoe, Autor des Romans Robinson Crusoe, in Teilen geführt haben könnte. Wie der Protagonist des britischen Autors ist auch der „falsche Prinz“ einer, dessen Leben von Schicksalsschlägen geprägt ist. Und der – aus bürgerlichem Hause stammend – durch den Ersten Weltkrieg zu einem entwurzelten, einsamen, verlorenen Menschen wird.

Domelas Vater ist Müller und stirbt früh, so dass der Junge bei der Mutter im kurländischen Bauske aufwächst. Als deutsche Truppen den Ort 1915 besetzen, ist er gerade bei einem Bruder in Riga. Der wird von den Russen eingezogen, so dass Domela in einem Kinderasyl landet und Misshandlungen ertragen muss. Als die Deutschen Riga erobern, kehrt er heim, doch schon sind die Bolschewiki nicht aufzuhalten. Nach Kriegsende tritt Domela der Baltischen Landeswehr, später einem Freikorps bei, das Russen und Letten gleichermaßen bekämpft. Seine Kameraden sind abenteuerliche Gesellen und auf ihr Heldentum bedacht. „Hier habe ich das Lügen und Aufschneiden gelernt, das Lügen und Aufschneiden, das niemandem schadet und dem nur der zum Opfer fällt, der dümmer ist als ich“, schreibt er über jene Zeit.

Als 1920 der Krieg im Baltikum zu Ende geht und Lettland selbstständig wird, erklärt es die Freikorpssoldaten zu Hochverrätern und schiebt sie nach Deutschland ab. In Brandenburg wird Domelas Einheit aufgelöst. Der erfährt, dass seine Mutter möglicherweise bei Kampfhandlungen getötet wurde, und fühlt sich völlig verlassen. Da es die deutschen Behörden ablehnen, ihm einen Pass auszustellen, hat er keine andere Wahl, als zu vagabundieren und so gut wie jede Arbeit anzunehmen.

Es ist der Beginn einer an Demütigungen reichen Odyssee, die ihn quer durch Deutschland treibt. In Jüterbog hungert und verwahrlost Domela, als er sich als Gehilfe auf einem Gut abrackert. Danach schuftet er in einer Ziegelei und wird zwischendurch gar Meldereiter bei der Reichswehr, die Aufstände im Ruhrgebiet niederschlägt. In Erfurt geht er in eine Fabrik, in Berlin ist er Hausbursche, zieht bald obdachlos und frierend durch Not- und Nachtasyle und lernt als Homosexueller Prostituierte, Kriminelle und andere Außenseiter kennen. „Trotz meines fadenscheinig gewordenen Anzuges stach ich von ihnen ab. Meine Art, mich zu geben, schuf mir selbst unter diesen verrohten Gesellen einen gewissen Abstand, der mit etwas Achtung gepaart war. Seltsam, dass ich schon unter ihnen ,der Prinz‘ hieß.“

Auch nach dem Prinzen-Prozess meint es das Leben nicht gut mit ihm: Domela versucht sich als Kinobetreiber, bis ihn der Bankrott straucheln lässt, er wird Journalist und engagiert sich für die Rote Hilfe. 1932 flieht er unter dem Namen Victor Zsajka als vermeintlicher Österreicher über Wien und Paris nach Amsterdam. Im Spanischen Bürgerkrieg kämpft er gegen die Franco-Truppen und wird im Zweiten Weltkrieg im unbesetzten Teil Frankreichs interniert, bis er mit Hilfe von André Gide nach Mittelamerika ausreisen kann. Über Umwege gelangt er nach Venezuela. Hier arbeitet er – noch immer als Victor Zsajka – eine Zeit lang als Gymnasiallehrer für Kunstgeschichte. Das letzte Lebenszeichen stammt von März 1978. Dann verliert sich die Spur dieses lebenslang Heimatlosen.

06:00 12.10.2016
Geschrieben von

Behrang Samsami

Wissenschaftlicher Mitarbeiter #Bundestag | freier Journalist | promovierter Germanist | #Iran
Behrang Samsami

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