Als wir Europäer noch Exoten waren

Wiederentdeckt „Europa 1925“ ist ein famoser Blick auf den alten Kontinent – durch die Dandybrille

Lord Byron? Nein, nicht der ist gemeint, sondern Robert Byron, der bis heute unbemerkt in dessen Schatten steht. Dabei hat der 1905 geborene Nachfahre des gleichnamigen Dichters und Philhellenen Lord Byron das vielleicht bedeutendste Reisebuch eines „Westlers“ über Iran und Afghanistan geschrieben: Der Weg nach Oxiana von 1937. Es ragt hervor, weil Byron eine Kulturgeschichte jener Länder anhand ihrer Bauwerke liefert und gekonnt kritisch, zuweilen ironisch den damaligen Modernisierungswahn in beiden Ländern kommentiert.

Wie eine Vorübung seines Reisebuchs von 1937 wirkt Europe in the Looking-Glass. Reflections of a Motor Drive from Grimsby to Athens, mit dem er 1926 debütierte. Der Brite, aus wohlhabender Familie, für sein Alter erstaunlich belesen und schon weit gereist, macht sich 1925 mit zwei ebenfalls gut situierten Freunden auf. Sie reisen mit ihrem Auto „Diana“ von England über Hamburg, Berlin, Innsbruck und Rom bis Athen und stehen damit in der Tradition der Grand Tour, zu der Adlige und Snobs bürgerlicher Herkunft einst aufbrachen, um ihren Horizont zu erweitern und Abenteuer zu erleben.

Knapp 90 Jahre später ist das Debüt unter dem Titel Europa 1925 auch auf Deutsch erschienen. Die Absicht, die Byron verfolgt, macht neugierig, denn er will nichts Geringeres, als „den Sinn für ein nach und nach heranwachsendes, europäisches Bewusstsein zu befördern“ – und das nur wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg.

Byron zeigt sich bereits hier als guter Beobachter, beschreibt anschaulich Städte mit ihren Kirchen und anderen Denkmälern, was angesichts des (kunst-)historischen Wissens erstaunt, aber durch Wiederholungen auch ermüdet. Der freche Witz, mit der er sich und seine Freunde, ihre Autopannen und vorzugsweise US-Touristinnen schildert, macht das wett. Es sind diese reportageartigen Passagen, die das Gefühl geben, selbst dabei zu sein und zu sehen, wie die Menschen versuchen, ernst zu wirken, und sich durch Missgeschick doch lächerlich machen. Der humorvolle Blick, der dem von Loriot ähnlich ist, wird auch in Skizzen etwa von rundlichen, tanzenden Berlinerinnen deutlich, die Byron auf der Tour in sein Tagebuch gemacht hat und die in der deutschen Ausgabe enthalten sind.

Die Schilderung der Kriegsfolgen ist ein weiterer Grund, Europa 1925 zu lesen: Der Brite trifft auf russische Exilanten in Berlin, wird Zeuge von Schikanen hochmütiger italienischer Zollbeamter am Brenner und diskutiert in Bologna mit Faschisten, die offen von der Ermordung von Kommunisten erzählen. Auf seiner letzten Station erfährt Byron vom Leben der in Folge des verlorenen Krieges gegen die Türkei aus Kleinasien geflüchteten Griechen.

Nicht so ernst nehmen

Aufhorchen lässt die Passage über zwei deutsche Wandervögel. Beides Veteranen, reisen sie ruhelos durch Europa. Für Byron symbolisieren sie „die unsichere Geisteshaltung und tiefe Enttäuschung, die der nachfolgende Frieden ausgelöst hat“.

Europa 1925 gibt aber auch einiges von Byron preis. So schreckt er nicht vor kategorischen Urteilen zurück, nennt die Türken „Ungläubige“ und sagt über die Griechen, dass „sie unbedeutend und ein wenig schmutzig“ wirkten. Sein Debüt selbst wirkt gerade zum Schluss, als hätte er keine Lust mehr gehabt, das Tagebuch in eine reinere Form zu bringen. Dennoch lohnt die Lektüre dieser Momentaufnahme eines ruhelosen Europas – eben weil Byron mit Humor und der Fähigkeit, sich und andere nicht allzu ernst zu nehmen, seinen Weg gefunden hat, den Krisen seiner Epoche zu begegnen. Bedauerlich nur, dass der aufwendig gestalteten Erstausgabe kein Nachwort folgt, das mehr über diesen 1941 viel zu früh verstorbenen Schriftsteller und seinen Erstling verrät.

Info

Europa 1925 Robert Byron Peter Torberg (Übers.), Die Andere Bibliothek 2015, 360 S., 42 €

06:00 27.04.2016
Geschrieben von

Behrang Samsami

Wissenschaftlicher Mitarbeiter #Bundestag | freier Journalist | promovierter Germanist | #Iran
Behrang Samsami

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