Die Seele massiert

1914 Muslimische Kriegsgefangene werden in Deutschland zu Gotteskriegern umgeschult. Sie sollen die Seiten wechseln und gegen Frankreich wie Großbritannien ins Feld ziehen
Behrang Samsami | Ausgabe 22/2014 2

In erster Linie haben wir gegenwärtig an unsere Selbstverteidigung zu denken, den Islam für uns auszunutzen und diesen jetzt nach Kräften zu stärken“, beschreibt Max von Oppenheim Ziele der deutschen Orientpolitik, als der Erste Weltkrieg beginnt. Der 1860 in Köln geborene Diplomat und Kenner der islamischen Welt will eine „Revolutionierung der islamischen Gebiete unserer Feinde“. Seine im November 1914 entstandene Denkschrift stößt in der deutschen Führung auf Zustimmung. Kaiser, Reichsregierung und Oberste Heeresleitung wissen um die Risiken des begonnenen Zweifrontenkrieges. Gegen Frankreich und Großbritannien im Westen sowie Russland im Osten werden Alliierte gebraucht – etwa das Osmanische Reich.

Schon vor 1914 sah Wilhelm II. gemeinsame Interessen, ebenso neue Absatz- und Investitionsoptionen für die deutsche Wirtschaft. Die Bagdadbahn gilt als Lieblingsprojekt des Monarchen, der mehrfach in den Orient reist. Viel zitiert wird sein Trinkspruch, den er 1898 in Damaskus auf Abdülhamid II. hält: „Möge der Sultan und mögen die 300 Millionen Mohammedaner, die auf der Erde zerstreut lebend und in ihm ihren Kalifen verehren, dessen versichert sein, dass zu allen Zeiten der deutsche Kaiser ihr Freund sein wird!“

Gut 15 Jahre später werden die Osmanen im Herbst 1914 gedrängt, auf Seiten der Mittelmächte in den Krieg einzusteigen. Entscheidend sind die prodeutsche Haltung der jungtürkischen Führung wie der Umstand, dass Deutschland im Orient keine Kolonien hält. Max von Oppenheims Idee von einer „Revolutionierung der islamischen Gebiete“ kommt ins Spiel – gemeinsame kriegerische Aktionen dank politischer und religiöser Propaganda unter allen Muslimen. Tatsächlich lässt Sultan-Kalif Mehmed V. Reşad Mitte November 1914 in Istanbul den Dschihad – den „Heiligen Krieg“ – verkünden. Der Gedanke des „Panislamismus“, der die Entscheidung trägt, soll die Glaubensbrüder von Nordafrika bis Indien erfassen und unter dem osmanischen Sultan vereinen, der sich als nominelles Oberhaupt aller Muslime sieht. Freilich richtet sich das nicht gegen alle „Ungläubigen“, sondern nur gegen die „gemeinsamen Gegner“. In deren Kolonien – im von Frankreich kolonisierten Algerien und Tunesien, im britisch okkupierten Ägypten und Indien – sollen die Muslime Aufstände entfachen. Und nicht nur das, muslimische Truppenteile der Entente an der West- und Ostfront sowie im Vorderen Orient werden aufgefordert, sich deutschem oder österreichischem Kommando zu unterstellen. Wer sich dazu entschließe, diene dem Islam und der Befreiung seines Heimatlandes.

Von Oppenheim schlägt außerdem vor, eine Gruppe Deutscher über das Osmanische Reich in die neutralen Staaten Iran und Afghanistan zu schicken, um sie für einen Kriegseintritt zu gewinnen und dort britische sowie russische Kräfte zu binden. Im September 1914 startet eine Expedition, die jedoch bald zerfällt. Ein Teilnehmer namens Wilhelm Wassmuss trennt sich vom Rest und geht in den Südiran, wo er mehrere Jahre erfolgreich Nomaden gegen die Briten anführt. Die anderen reisen unter der Leitung von Oskar von Niedermayer und Werner Otto von Hentig weiter nach Afghanistan. Dort gelingt es ihnen erst im Oktober 1915, Emir Habibullah zu treffen und Anfang 1916 zu einem Freundschaftsvertrag zu bewegen. Das aber führt zu keinem Kriegseintritt – der erhoffte Angriff der Afghanen auf Britisch-Indien bleibt aus.

Ebenfalls im September 1914 gründen das Auswärtige Amt und die Sektion Politik im Berliner Generalstab die „Nachrichtenstelle für den Orient“. Neben deutschen Diplomaten und Orientalisten sammeln sich hier orientalische Mitarbeiter. Sie sollen überall prodeutsche Propaganda betreiben – in den Kolonien der Entente, an den Fronten, unter muslimischen Gefangenen, in neutralen Staaten und der deutschen Öffentlichkeit. Mit Flugblättern an den Fronten werden alliierte muslimische Soldaten aufgefordert zu desertieren. Doch bleiben die deutschen Propagandakompanien ohne nennenswerten Erfolg: Für Frankreich kämpfen in Europa etwa 175.000 Muslime aus Algerien, 50.000 aus Tunesien, bis zu 40.000 aus Marokko und zwischen 160.000 und 180.000 aus Westafrika. Unter britischem Befehl stehen einige hunderttausend Inder in Übersee, dazu kommen noch einmal gut 90.000 an der Westfront. Von diesem Bestand haben sich während des gesamten Krieges nur 130 Algerier abgesetzt. Bei den Briten sind es immerhin 220 Muslime, die bis Mitte 1915 desertieren, aber nicht mehr.

Kein Vergleich zur Zahl muslimischer Gefangener, deswegen schlagen bereits kurz nach Kriegsbeginn Hans von Wangenheim, deutscher Botschafter in Istanbul, und sein Konsul Philipp Vassel dem Auswärtigen Amt vor, die „Mohammedaner besonders rücksichtsvoll zu behandeln, namentlich bei der Verpflegung auf Religionsvorschriften zu achten und ihnen Gelegenheit zur Erfüllung [ihrer] Religionspflicht zu geben“. Beider Hoffnung ist, Gefangene bei guter Führung nach Hause zu entlassen – mit der Begründung, „dass Mohammedaner unsererseits nicht als Feinde angesehen werden“. Auch hier ist es Max von Oppenheim, der die Anregung aufgreift. Um der Ausrufung des Dschihads durch den Sultan und der deutsch-osmanischen Partnerschaft propagandistisch mehr abzugewinnen, werden in Deutschland 14 muslimische Gefangene ausgewählt, nach Istanbul gebracht und dort auf freien Fuß gesetzt

Zugleich werden auf von Oppenheims Initiative hin zwei Lager in Brandenburg speziell für muslimische Kriegsgefangene eröffnet – im Februar 1915 zunächst in Wünsdorf das „Halbmondlager“, einen Monat später in Zossen das „Weinberglager“. Während Wünsdorf Muslime der französischen Armee und indische Moslems, Hindus und Sikhs der britischen Armee aufnimmt, leben in Zossen allein Muslime der russischen Armee – vorrangig Tataren und Kaukasier. Mit 4.000 beziehuntsweise 12.000 Insassen erreichen beide Internierungscamps Anfang 1916 die höchste Belegung.

Ziel ist es, die Gefangenen für den Dschihad zu gewinnen, in den Orient zu schicken und dort gegen die Entente kämpfen zu lassen. Die Lager besuchen türkische, tatarische und arabische Politiker und Geistliche, um den Gefangenen „ins Gewissen zu reden“. Es werden Lagerzeitungen wie al-Dschihad in Turkotatarisch, Russisch und Arabisch oder wie Hindostan in Urdu und Hindu gedruckt. Es wird peinlich darauf geachtet, dass die Arrestanten religiösen Riten nachgehen und Speisegebote befolgen können. Es gibt schon früh den Plan, in Wünsdorf eine Moschee – seinerzeit die erste in Deutschland überhaupt – zu errichten. Zur Einweihung des aus Holz gebauten Heiligen Ortes kommt es im Juli 1915. Wie zu erwarten, prägt die Andachtsstätte das religiöse Leben der Muslime. Sie halten dort das Freitagsgebet ab, feiern religiöse Feste wie das „Id al-Fitr“, das Fest des Fastenbrechens, oder bereiten ihre verstorbenen Kameraden auf die Beerdigung vor, ehe sie auf einem Ehrenfriedhof in Zehrensdorf bestattet werden.

Trotz aller Mühen können die Deutschen nur wenige Gefangene für den Heiligen Krieg gewinnen. Etwa 1.100 tatarische, genauso viele arabische und gut 50 indische Muslime gehen zwischen Februar 1916 und April 1917 als Freiwillige ins Osmanische Reich. Konflikte, Misstrauen und Interessenunterschiede zwischen dem Kaiserreich und der osmanischen Führung erschweren das Anwerben und Rekrutieren. Letztlich stehen Aufwand und Kosten in keinem Verhältnis zu dem, was erreicht wird.

Offenbar schätzen die Urheber der Revolutionierungs- und Dschihad-Strategie den Zusammenhalt der Muslime unter Kriegsbedingungen falsch ein. Einer von ihnen, der Diplomat Rudolf Nadolny, schreibt im Rückblick: „Überhaupt hatten wir mit der Propagierung des Heiligen Krieges wenig Glück. Die islamischen Völker beachteten ihn kaum, obwohl er vom türkischen Sultan erklärt worden war.“

Behrang Samsami ist freier Autor und promovierter Orientwissenschaftler

 

06:00 04.06.2014
Geschrieben von

Behrang Samsami

Wissenschaftlicher Mitarbeiter #Bundestag | freier Journalist | promovierter Germanist | #Iran
Behrang Samsami

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